Vom Ende einer Geschichte

Drama | Großbritannien 2017 | 108 Minuten

Regie: Ritesh Batra

Der pensionierte Besitzer eines Ladens für gebrauchte Leica-Kameras wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Als Student hatte er sich vor bald 50 Jahren in eine Frau verliebt, die sich dann aber seinem besten Freund zuwandte. Der nahm sich kurz darauf das Leben. Eine testamentarische Verfügung nötigt ihn, sich mit der verflossenen Liebe nach all den Jahren wieder zu treffen, was eine bittere Wahrheit enthüllt. Das beklemmende Drama nach dem gleichnamigen Roman von Julian Barnes ist konsequent aus der Perspektive der männlichen Hauptfigur erzählt und thematisiert Erinnerungen und Lebenslügen, Reue und Bedauern. In den Hauptrollen vielschichtig gespielt.

Filmdaten

Originaltitel
THE SENSE OF AN ENDING
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2017
Regie
Ritesh Batra
Buch
Nick Payne
Kamera
Christopher Ross
Schnitt
John F. Lyons
Darsteller
Jim Broadbent (Tony Webster) · Charlotte Rampling (Veronica Ford) · Harriet Walter (Margaret Webster) · Michelle Dockery (Susie Webster) · Billy Howle (Junger Tony Webster)
Länge
108 Minuten
Kinostart
14.06.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Drama | Literaturverfilmung
Diskussion
Tony Webster führt in London ein zurückgezogenes, vielleicht auch etwas langweiliges Leben. In einem kleinen Geschäft verkauft er gebrauchte Leica-Kameras, und das in Zeiten digitaler Technik. Doch die mürrische, unfreundliche Art, mit denen er seinen wenigen Kunden besserwisserisch über den Mund fährt, weist daraufhin, dass Tony nicht in Würde gealtert ist. Mit seiner Ex-Frau Margaret versteht er sich trotzdem gut, auch wenn er ihr mit seinen Marotten manchmal auf die Nerven geht. Gelegentlich begleitet er seine lesbische, gleichwohl hochschwangere Tochter zum Geburtsvorbereitungskurs. Dieser geordnete Lebensabend gerät durcheinander, als Tony von einer Kanzlei einen Brief erhält. Er soll das Tagebuch seines besten Freundes Adrian Finn erben, der sich vor langer Zeit das Leben genommen hat. In eingestreuten Rückblenden springt der Film ins Jahr 1965 zurück, als Tony an der Universität war. Man erfährt, wie er sich mit dem gutaussehenden, hochintelligenten Adrian anfreundet und sich in die bezaubernde, aber kapriziöse Veronica verliebt. Tony will etwas Festes, sie aber will ihre Freiheit – eine unüberbrückbare Kluft. Darum wandte sich Veronica damals Adrian zu. Die drei haben sich nie wieder gesehen. Jetzt aber, nach all den Jahren, verhindert Veronica, nun dargestellt von Charlotte Rampling, die Herausgabe von Adrians Tagebuch. Warum nur? Tony bleibt nichts anderes übrig, als sich mit ihr zu treffen. Doch sie hat eine bittere Wahrheit für ihn parat, die er für immer verdrängt zu haben schien. Der neue Film des Inders Ritesh Batra, der 2013 mit seinem Debüt „Lunchbox“ (fd 42 059) von sich reden machte, beruht auf dem gleichnamigen Roman von Julian Barnes. Subtil und feinfühlig wird darin über Erinnerungen und die Art reflektiert, wie Menschen sie selektieren und aufhübschen, verdrängen und verklären, um vor schrecklichen Wahrheiten geschützt zu sein. Batra hat diesen Komplex um Identität und Lebenslügen geschickt auf die Leinwand übertragen und in eine Schachtelerzählung übersetzt, die die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft. Denn die Vergangenheit ist in der Erinnerung stets präsent, und nicht jeder kann die Grausamkeit der Jugend aushalten. Das macht aus Tony, dessen Perspektive Buch wie Film einnehmen, einen unzuverlässigen Erzähler. Seine Schlussfolgerungen treiben zwar die Geschichte voran, aber erweisen sich häufig als falsch. Die Erkenntnis der Wahrheit trifft ihn am Ende umso heftiger. Die Reue, das Bedauern und die Scham über ein jugendliches Fehlverhalten, die auch ein halbes Jahrhundert später Tonys Charakter prägen, teilen sich dem Zuschauer ungebremst mit und macht aus dem Film ein wuchtiges Melodram, dessen Wehmut von der Inszenierung immer wieder durch komische Zwischenspiele unterlaufen wird. So kann man die Streitereien zwischen Tony und seiner Ex-Frau überdreht finden, die Besuche der Schwangerschaftskurse albern und Tonys hilflose Versuche, Veronica zu beschatten und so ihre Adresse herauszufinden, kindisch. Etwas behäbig kommen diese Auflockerungsversuche daher. Doch die darstellerischen Leistungen von Jim Broadbent und Charlotte Rampling, die ihren Figuren Tiefe und Vielschichtigkeit verleihen, machen diese Schwäche wieder wett.
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