Drama | USA/Hongkong 2017 | 114 Minuten

Regie: Stephen Chbosky

Ein kleinwüchsiger Junge mit extrem entstellten Gesichtszügen kommt in ein Alter, wo er den Schritt aus der behüteten Isolation des Familienlebens in die oft feindselige Realität der Schule tun muss. Trotz seiner liebenswerten Art bricht die Gehässigkeit der Mitschüler bald über ihn herein. Ein aufrichtiger und wichtiger Appell für mehr Toleranz und Feingefühl im Umgang mit von der Natur Benachteiligten, der geschickt zwischen Ernst und Humor angesiedelt ist und mitunter das Geschehen auch aus den Blickwinkeln der anderen beobachtet. Allerdings leidet die Inszenierung unter einem überdeutlichen Hang zur Sentimentalisierung.

Filmdaten

Originaltitel
WONDER
Produktionsland
USA/Hongkong
Produktionsjahr
2017
Regie
Stephen Chbosky
Buch
Stephen Chbosky · Steve Conrad · Jack Thorne
Kamera
Don Burgess
Schnitt
Mark Livolsi
Darsteller
Jacob Tremblay (Auggie Pullman) · Julia Roberts (Isabel Pullman) · Owen Wilson (Nate Pullman) · Izabela Vidovic (Via Pullman) · Mandy Patinkin (Mr. Tushman)
Länge
114 Minuten
Kinostart
25.01.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Drama | Familienfilm | Literaturverfilmung
Diskussion

Das Problem des Außenseiters, der von anderen schikaniert wird, ist vor allem an Schulen schon immer ein Problem gewesen. In jüngster Zeit hat es sich aber, zumindest in den USA, zu einer wahren Epidemie entwickelt, dem Eltern, Pädagogen und Behörden oft machtlos gegenüberstehen. Die unterschwelligen Motive, warum beispielsweise von der Natur aus benachteiligte Kinder geradezu tyrannischen Attacken oder im günstigsten Fall höhnischer Verachtung ausgesetzt sind, lassen sich meist schwer ergründen. Auch „Wunder“ von Stephen Chbosky tritt in diesem Punkt auf der Stelle, aber der Film bringt es fertig, die Aufmerksamkeit für ein Phänomen zu wecken, das in unserer fortwährend Toleranz proklamierenden Gesellschaft zur echten Plage geworden ist.

Nach einer erfolgreichen Romanvorlage steht hier ein Zehnjähriger namens Auggie im Mittelpunkt, der neben seiner Kleinwüchsigkeit auch noch unter schwer entstellten Gesichtszügen zu leiden hat. Auch nach 27 Operationen wagt er sich nicht ohne NASA-Helm auf die Straße. Wenigstens mit seinen Eltern hat Auggie Glück, die mit viel Liebe, Geduld und Humor sein Leben im Gleichgewicht zu halten verstehen. Aber nun ist die Zeit gekommen, wo der Unterricht, den ihm bislang seine Mutter erteilte, für die weitere Entwicklung des Jungen nicht mehr ausreicht. Auggie wird eingeschult. Für die Dauer der Schulstunden muss er den Helm absetzen, der ihn bislang vor den neugierigen und spöttischen Blicken geschützt hat. In aller Deutlichkeit nimmt er jetzt wahr, wie die Mitschüler tuscheln, kichern und ihn zu schikanieren beginnen, obwohl sich der Schuldirektor alle Mühe gibt, ihm den Übergang ins „richtige Leben“ leicht zu machen. Den Eltern ist bewusst, dass der Weg in die Schule für Auggie sich so anfühlt, als würde ein Lamm zur Schlachtbank geführt, wie es der Vater ausdrückt. Es dauert auch nicht lange, bis ihn der erste Mitschüler mit dem Satz verhöhnt: „Ich würde mich umbringen, wenn ich so aussähe wie Du.“

Auggie fällt es schwer, seine Ängste zu überwinden und einen Freund zu finden. Aber ebenso schwer ist es für Auggies Familie, mit der neuen Situation und den immer schlimmeren Schikanen fertigzuwerden. Vor allem seine Schwester leidet darunter, dass sie daheim weniger Aufmerksamkeit erhält als der ständig Beachtung brauchende Bruder. Der Film gibt sich redlich Mühe, alle diese Aspekte zu berücksichtigen. Und er leistet darin gute Arbeit. Er versucht zeitweise sogar, die Perspektive zu wechseln und Auggies Einfluss auf die Umwelt aus anderen Blickwinkeln als denen der Mutter und des kleinen Jungen wahrzunehmen.

Als Zuschauer möchte man dem Film an vielen Stellen vorbehaltlos applaudieren, weil er eine wichtige Geschichte erzählt und weil er all die richtigen Argumente vorbringt. Wäre da nur nicht der Hang zur Sentimentalität. Der Regisseur lässt zwar auf jeden tränenreichen Augenblick eine gänzlich unpathetische oder humorvolle Szene folgen, doch er kann der Versuchung nicht widerstehen, die Gefühlsskala des Publikums solange zu bedienen, bis auch das letzte Taschentuch im Zuschauerraum verbraucht ist. Was für ein beifallswürdiger Film hätte das werden können, wenn im Hintergrund nicht so überdeutlich mit den Emotionen der Zuschauer spekuliert würde, dem auch die Darsteller kaum Einhalt gebieten können.

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