Anne Clark - I'll Walk Out Into Tomorrow

Dokumentarfilm | Deutschland 2017 | 84 Minuten

Regie: Claus Withopf

Dokumentation über die britische Musikerin und Poetin Anne Clark, die mit avantgardistisch-elektronischer Musik und einem unverwechselbaren Sprechgesang zu einer Art „Prophetin“ des New Wave wurde. Der Dokumentarfilm zeichnet ein fundiertes Porträt der „Spoken Word“-Künstlerin, in deren stark rhythmisierten Texten sich autobiografische Momente mit kapitalismuskritischen Beobachtungen vereinen. Der Versuch, die lyrische Sprache der Songs mit experimentellen Bildern zu visualisieren, geht mitunter aber schief.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Claus Withopf
Buch
Claus Withopf
Kamera
Daniel Meinl · Nina Werth · Claus Withopf
Schnitt
Claus Withopf
Länge
84 Minuten
Kinostart
25.01.2018
Fsk
ab 0
Genre
Dokumentarfilm | Künstlerporträt
Diskussion

„Asking for more / Calling for more / Making the most ... Implore! / Wealth is another spelling of / The law / More / More“, rezitiert die britische Musikerin Anne Clark mit ihrem unverwechselbaren Sprechgesang in „I Of the Storm“. In dem Song, der auf dem Album mit dem Titel „The Law is an Anagram Of Wealth“ erschien, verarbeitete Clark ihre bitteren Erfahrungen mit der rücksichtslosen Politik der Musikindustrie. Nur vier Jahre nach Erscheinen ihres ersten Albums „The Sitting Room“ (1982) hatte sie sich mit ihrem Plattenlabel überworfen; eine tiefe Zäsur, die zum vorläufigen Bruch mit allem Bisherigen führte. Clark zog sich für viele Jahre in die Einsamkeit Norwegens zurück, bevor sie sich neu (er)fand.

Die Songs der 1960 in South London geborenen Poetin und „Spoken Word“-Künstlerin sind von autobiografischen Spuren durchzogen. „Sleeper in Metropolis“, ein überspannt schwermütiger Song mit gefrierkalten Synthesizer-Klängen über Einsamkeit und Anonymität in der verschlingenden Großstadt („Love is dead in metropolis / All contact through glove or partition / What a waste / The city / A wasting disease“), entstand als Nachwirkung eines prägenden Bildes: Clarks Blick aus dem Elternhaus auf einen massiven, grauen Gebäudeklotz, wie er in der überwiegend von Arbeitern bewohnten Gegend in Croydon häufig zu sehen war.

In dem Dokumentarfilm von Claus Withopf ist die soziale Herkunft ein wiederkehrendes Thema. Clark erzählt beispielsweise, wie argwöhnisch und ressentimentbehaftet ihre kreativen Interessen von ihrer Familie beurteilt wurden. Da Kommunikation in ihrem Elternhaus keine „flüssige, reibungslose Sache“ war, wurde das Schreiben für sie schon früh zur existenziellen Tätigkeit; so erinnert sie sich etwa daran, dass die Polizei regelmäßig Streitereien zwischen der zerstörerischen Mutter und dem Vater schlichten musste. Für eine Newcomerin wie Clark, die nicht aus einem akademischen Umfeld stammte, war die Kultur von Punk und New Wave geradezu wie geschaffen. Hier zählten nicht Wissen und Können, sondern das „einfache Machen“.

Mit 16 Jahren verließ Clark ihr von Gewalt geprägtes Elternhaus und arbeitete zunächst als Pflegeassistentin in einem psychiatrischen Krankenhaus, bevor sie bei dem Londoner Punk-Plattenladen Bonaparte Records anfing. Später war Clark als Bookerin im Warehouse Theatre tätig, wo sie unter anderem Auftritte von Siouxsie and the Banshees und Paul Weller organisierte. In den frühen 1980er-Jahren begann sie eine eigene künstlerische Karriere und avancierte schnell zu einer Art „Prophetin“ der New-Wave-Gemeinde – „Sleeper in Metropolis“ und „Our Darkness“ wurden zu Klassikern. Mit ihrem Rückzug nach Norwegen öffnete Clark ihre synthetischen Arrangements für natürliche Instrumente und ging vermehrt ihren Akustik-, Folk- und Klassikinteressen nach. Zu den wichtigsten Einflüssen zählen japanische Haikus und die deutsche Kultur. Clark vertonte mehrere Gedichte des deutschen Lyrikers Friedrich Rückert und veröffentlichte ein Album mit ausschließlich ins Englische übersetzten Gedichten von Rainer Maria Rilke.

Withopf hat die für die Techno-Kultur prägende Künstlerin fast zehn Jahre lang immer wieder mit der Kamera begleitet und interviewt; zu diesem Material kommen Konzertmitschnitte und Videoclips. „Anne Clark – I’ll walk Out Into Tomorrow“ ist dabei allerdings keine Star-Biografie. Clark, die bei Bandproben stets hochkonzentriert und bestimmt auftritt, zeigt sich gegen jede Form der Überhöhung geradezu resistent. Wenn sie in ihrem Reißverschlusspulli inmitten ihrer Notizhefte beim Schreiben zu sehen ist, wirkt sie so normal und geerdet, dass man ihr den exzentrischen Sprechgesang fast nicht zutrauen würde. Clark ist ohnehin keine Figur, die ihre Bühnenpersona ablegen muss, um sich zu zeigen. Insofern kann man sie in dem Film durchaus „kennenlernen“.

Einen besonderen, geradezu bühnenhaften Auftritt räumt der Film Clarks lyrischer Sprache ein. Withopf visualisiert den Text mit experimentellen Filmbildern und Textanimationen. Das funktioniert mal besser, mal schlechter. Während die abstrakt-verwischten Bilder für ein etwas unbestimmtes atmosphärisches Rauschen sorgen, wirkt so manche typografische Spielerei eher ablenkend. Wirklich unglücklich aber ist es, wenn Rilke-Gedichte über den Bildern eines Wasserfalls liegen und dadurch unfreiwillig in die Nähe kitschiger Kalendersprüche geraten.

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