Animationsfilm | Japan 2016 | 111 Minuten

Regie: Makoto Shinkai

Aus unerfindlichen Gründen schlüpfen zwei japanische Oberschüler über Zeit und Raum hinweg tageweise in den Körper des jeweils anderen. Sie sorgen damit nicht nur in ihrer unmittelbaren Umgebung für Verwirrung, sondern lernen sich auf einzigartige Weise kennen. Erst allmählich realisieren sie, dass es nicht nur gesellschaftliche, sondern auch zeitliche Klippen zu umschiffen gilt, denn beide leben Jahre getrennt, in denen die Heimat des Mädchens zudem von einer Naturkatastrophe zerstört wurde. Die komplexe, in ebenso atemberaubenden wie beiläufig wirkenden Bildern animierte Geschichte changiert gekonnt zwischen den Genres und präsentiert eine ebenso melodramatische wie geerdete Geschichte voller Zwischentöne.

Filmdaten

Originaltitel
KIMI NO NA WA.
Produktionsland
Japan
Produktionsjahr
2016
Regie
Makoto Shinkai
Buch
Makoto Shinkai
Kamera
Makoto Shinkai
Schnitt
Makoto Shinkai
Länge
111 Minuten
Kinostart
11.01.2018
Fsk
ab 6; f
Genre
Animationsfilm | Drama | Liebesfilm
Diskussion

Das Leben kann so verdammt kompliziert sein. Zum Beispiel, wenn man wie Mitsuha als Mädchen in einem kleinen, verschlafenen Nest namens Itomori geboren wurde. Dort hat man als Tochter des angesehenen Miyamizu-Clans nicht viel mehr zu tun, als sich der Langeweile, der Disziplin und den komplizierten Traditionen zu ergeben und – wie einst schon ihre Großmutter – den örtlichen Familienschrein zu pflegen. Für ein agiles junges Mädchen fürwahr keine sonderlich verlockende Perspektive. Und wie könnte sie ahnen, dass sich ihr festlicher Initiationsritus, in dem sie den sagenumwobenen Kuchikamizake, den Göttermund-Sake, als heilige Opfergabe für den Schrein herstellt, für ihre Zukunft einmal als ein ganz essentieller Akt erweisen würde?

Mitsuha ist Oberschülerin; sie träumt von den Möglichkeiten, die vielleicht Jungs in pulsierenden Metropolen wie Tokio haben, nicht aber Mädchen auf dem traditionellen Land. Überhaupt, diese Träume! In so manchen, alles andere als erholsamen Nächten werden sie aktuell zur regelmäßig Plage. Genau wie dieses ungute Gefühl, sich an den Tag zuvor nicht wirklich zu erinnern – zumindest überrascht es sie immer wieder, wenn sie von den verdutzten Freundinnen erfährt, was sie in letzter Zeit alles so angestellt hat. Ganz ähnlich ergeht es auch Taki, der in Tokio zwischen Oberschule und seinem Job im Restaurant hin und her hetzt und mitunter nicht weiß, wovon seine Freunde gerade reden, wenn es um den letzten Tag ging, an den er sich partout nicht erinnern kann. Als sei man für kurze Zeit nicht Herr beziehungsweise Herrin der eigenen Haut, dafür aber in einem sich fremd und unbehaglich anfühlenden Leben eines anderen Menschen gezwungen, die Regie zu übernehmen. Verrückt! Aber wahr?

Die Idee, die Makoto Shinkai erst zu einem Roman und nun zu seinem Drehbuch von „Your Name“ motivierte, ist wahrlich nicht neu. „Bodyswitching“ ist als fantastisches narratives Element in allen Genres und in allen kulturellen Hemisphären nichts Unübliches. Filmbeispiele gibt es etliche. Und dennoch ist Shinkais Variation im Gewand eines Animationsfilms eine ganz besonders verwegene. Nicht nur, weil der Film versucht, den Genre-Mix durch eine Mischung aus Melodram, Katastrophen-, Science-Fiction- und „Coming of Age“-Film auf die Spitze zu treiben, sondern auch, weil er mit den Erzählebenen derart ambitioniert umgeht, dass man als Betrachter erst einmal ähnlich desorientiert ist wie die Protagonisten.

Auch Mitsuha und Taki stürzen zunächst verwirrt durch ihr verändertes Leben. Erst langsam erkennen sie, dass sie sich tageweise im Körper des anderen zurechtfinden müssen. Sie entwickeln Strategien, wie sie sich gegenseitig von dem, was in ihrer Abwesenheit geschah, in Kenntnis setzen können. Sie entwickeln aber auch ein Eigenleben im Körper des anderen, das sie ein Stück weit gegen den Willen des „Partners“ gestalten. Und sie erkennen schließlich, dass sie auch die Person, deren Körper sie nun immer besser verstehen, auch kennenlernen wollen. Vielleicht kommt so etwas wie Liebe ins Spiel?

All das wäre schon ein Genug an dramatischer Verwicklung für einen abendfüllenden Spielfilm; für eine Serie gar. Doch Shinkai, der sich mit „Voices of a Distant Star“ (2002), „The Place Promised In Our Early Days“(2004), „5 Centimeters per Second“ (2007) und „Die Reise nach Agartha - Children Who Chase Lost Voices“ (2011) bereits als Meister des verzwickten Geschichtenerzählens erwiesen hat, begnügt sich auch hier nicht mit den ganz normalen Alltagskomplikationen. Denn Mitsuha und Taki leben nicht nur in unterschiedlichen sozialen Strukturen, in unterschiedlichen Städten, sondern auch in unterschiedlichen Zeiten. Nukleus und gleichzeitig schicksalhafter Knoten scheint eine Katastrophe zu sein, die sich bei dem erdnahen Vorbeifliegen des eigentlich recht harmlos scheinenden Kometen Tiamat ereignet und jene Stadt namens Itomori ins Chaos stürzt. Für Taki liegt dieses Ereignis in der Vergangenheit, für Mitsuha indes in der Zukunft.

Das Abenteuer, beide Erzählzeiten und damit beide Schicksale zusammenzubringen, macht die eigentliche Faszination von „Your Name“ aus. Ist es gar möglich, dass sich beide an einem Ort zur selben Zeit treffen – sich also wirklich kennen lernen können? „Your Name“ wirft viele Fragen auf und entwickelt darüber eine ungemeine Sogwirkung, die weit über eine „herkömmliche“ Liebesgeschichte herausragt. Assoziationen zwischen Sentiment à la „Schlaflos in Seattle“ (fd 30 395) paaren sich mit Abenteuer- und Katastrophenfilm-Spannung und werden in eine unwirkliche, fast schon unheimliche Stimmung getaucht, die man sonst eher in Arthouse-Kultfilmen wie „Donnie Darko“ (fd 36 398) ausmacht.

Ein gewinnendes Charakter-Design, das den Figuren alles Artifizielle raubt, erzeugt in Kombination mit der für den japanischen Animationsfilm typischen Detailverliebtheit der Szenerie (bis hin zu den Background-Animationen) eine ungemeine Glaubwürdigkeit im Fantastischen. So hat das gigantische Feuerwerk des die Erdatmosphäre streifenden Kometen – gleichsam wie die Geschichte, die er initiiert – etwas Beängstigendes, Erhabenes und Anrührendes zugleich. „Your Name“ ist ein episches, mutiges Kleinod, wie es selten im Kino zu sehen ist.

Kommentieren