Komödie | Türkei 2017 | 126 Minuten

Regie: Kivanc Baruönü

Fortsetzung der türkischen Sci-Fi-Satiren „G.O.R.A.“ und „A.R.O.G.“. Nachdem ein Roboter vom Planeten Gora auf die Erde kommt, um dort Gefühle zu lernen, verschlägt es ihn und seinen menschlichen Freund ins Jahr 1969, wo beide mit Unterstützung damaliger Film- und Showbiz-Größen die Welt retten. Kolportagehafter Ritt durch die legendäre Yesilçam-Ära des türkischen Kinos, gleichzeitig eine anspielungsreiche, wortwitzige und mit melodramatischen Motiven unterfütterte Komödie mit hohem Produktionswert, deren Dramaturgie nur zuweilen an dem unbändigen Ideenreichtum ihrer Macher leidet. (O.m.d.U.)

Filmdaten

Originaltitel
ARIF V 216
Produktionsland
Türkei
Produktionsjahr
2017
Regie
Kivanc Baruönü
Buch
Cem Yilmaz
Kamera
Jean-Paul Seresin
Schnitt
Ilker Özcan
Darsteller
Cem Yilmaz (Arif Isik / Ersan Kuneri) · Ozan Güven (216) · Özkan Ugur (Garavel) · Özge Özberk (Ceku) · Farah Zeynep Abdullah (Ajda Pekkan)
Länge
126 Minuten
Kinostart
11.01.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Komödie | Science-Fiction-Film
Diskussion
Der Teppichhändler kommt nicht zur Ruhe: eigentlich wollte Arif nach seinen Weltraum- beziehungsweise Steinzeitabenteuern in „G.O.R.A.“ (fd 36 813) und „A.R.O.G.“ (fd 39 053) gemütlich seine Geschäfte machen, ein wenig mit den Hologrammen seiner außerirdischen Freunde plaudern und dabei in den Tag leben. Doch plötzlich steht sein alter Freund, der Roboter 216, auf der Matte und – will auf der Erde ein Mensch werden. Was Comedy-Altmeister Cem Yılmaz zum Anlass für eine hochenergetische Komödie nimmt, die nicht nur per Zeitraffer ins Jahr 1969, sondern auch tief in die türkische Film- und Schlagergeschichte führt. „G.O.R.A.“ gehörte 2004 zu den Filmen, die die bis heute anhaltende Ära erfolgreicher türkischer Publikumsfilme einläutete. Mit hohem Aufwand und treffenden Anspielungen auf Mentalität und Geschichte seines Landes, vor allem durch kaum schlagbaren Wortwitz und Situationskomik, spielte sich die Komödie nicht nur in die Herzen bodenständiger Burlesken-Fans, sondern auch in die Hirne eines intellektuellen Publikums. Die Verbindung aus Zote und pointiertem Witz und eine Selbstironie mit ernsthafter Rückendeckung gehören bis heute zu den Essentials kommerzieller Erkundungen der türkischen Seele. Ein Erfolg, der nicht zuletzt auf der reichhaltigen Plagiats- und Satirefilmkultur der Yeşilcam-Ära, der Hochzeit des kommerziellen Kinos in der Türkei, von den 1960er- bis Mitte der 1980er-Jahren aufbaut. Mit „Arif v 216“ verneigt sich Yılmaz vor dieser Epoche. Denn kurz nach seiner Ankunft im heutigen Istanbul formiert sich eine alienfeindliche Demo gegen den Außerirdischen. „Go Home“ heißt es auf den Plakaten der wütenden Bürger, die ihre Kinder von der alleinigen Gegenwart des Fremden bedroht sehen. CIA, KGB und MI6 stehen vor der Tür, nur mühsam können Arif und sein Gast vom Planeten GORA vor einem Sondereinsatzkommando der NATO in den Keller unter dem Hühnerstall fliehen. Aus Angst vor ihren Verfolgern betätigen sie die Zeitmaschine – und landen im Jahr 1969. Hier kann 216 seinen Wunsch, zum Menschen zu werden, mit richtigen Gefühlen, ausleben. Er verliebt sich in die blinde Pembe Seker, während Arif überlegt, wie er aus dem zeitlichen Paralleluniversum in die Gegenwart zurückfindet. Doch vorher gibt es ein paar Begegnungen mit den Idolen seiner Kindheit: man wird zur Beschneidungsfeier des Sohns des legendären Komikers Sadri Alişik eingeladen, der sich vor allem mit den „Turist Ömer“-Filmen in die türkische Filmgeschichte eingeschrieben hat. Dort trifft man auf andere Filmgrößen wie die Schauspielerin Filiz Akın oder den Schauspieler, Produzenten und Regisseur Cüneyt Arkın. Später werden sich noch der Schauspieler Ediz Hun und Zeki Müren, der legendäre androgyne, stets in bunte Federboa-Glitzeranzug-Stiefeletten-Kostüme gekleidete Arabesk-Disco-Star der 1960er-/70er-Jahre, neben dem zeitgenössische deutsche Glitter-Größen wie Boney M. als provinzielle Sechstklässler daherkommen, tatkräftig ins Geschehen einmischen. Doch mit dem skrupellosen Spielzeughersteller Besim tritt schon bald das Böse in die romantisch-nostalgische Partystimmung ein. Der findige Fabrikant erkennt in 216 gleich den Roboter und damit ein Potenzial, nicht nur den türkischen Spielzeugmarkt, sondern die Welt zu beherrschen. Er lässt 216 nachbauen und verkaufen, während Arif auf einem nicht ganz freiwilligen Ausflug in die Zukunft feststellt, dass er es mit Hilfe seiner mechanischen Puppen und – natürlich! – der Unterstützung „der Deutschen“ geschafft hat, die Welt in ein dystopisches Terror-Regime umzubauen. An deren Spitze steht 216, schwarz gekleidet wie Darth Vader – also heißt es für Arif erneut: zurück in die Vergangenheit und ein wenig am Rad der Geschichte drehen, und wenn es bedeutet, eine Karriere als Popstar anzugehen, Zeki Müren im Wettbewerb um das bunteste Kostüm auszustechen und 216 die Schau zu stehlen, um nicht weniger als die Welt zu retten. Natürlich gewinnt am Ende das Gute, und „Arif v 216“ schafft es, einen Bogen zwischen Sci-Fi-Satire, schöntrauerndem Mensch-Maschine-Melodram, burlesker Komödie und kolportagehafter Reminiszenz an die Yeşilcam-Ära zu schlagen. Ein Plädoyer für die Romantik, die uns heute manchmal abhandengekommen ist, für den Mut schräger Helden, den man wieder neu erfinden müsste, für eine Epoche, die bunter war als ihre schwarz-weißen Filme. Die Frage, ob damals alles besser war, stellt sich für Yılmaz dagegen nicht: dafür ist die Dramaturgie von „Arif v 216“ zu gegenwärtig – so schnell, stellenweise etwas zu schnell, war 1969 kein Produzent, kein Regisseur. Dass am Schluss von „Arif v 216“ auch noch eine Verfolgungsjagd per Doppeldecker ins Spiel gebracht wird und der Film noch die halbe Länge des Abspanns braucht, um richtig zum Ende zu kommen, mag ein wenig viel des Guten sein – der visuelle Spaß und der Reiz, Vergangenes neu zu entdecken, gehen dennoch nicht verloren.
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