Der seidene Faden

Drama | USA 2017 | 131 Minuten

Regie: Paul Thomas Anderson

Ein Londoner Modeschöpfer der 1950er-Jahre bringt von einem Urlaub in der Schweizer Bergwelt eine junge Kellnerin in seine Hochburg der Haute Couture mit, die ihm zauberhaftes Ornament und Muse zugleich sein soll, zunehmend aber ihren Platz im Haus zu behaupten beginnt. Der Film kreist um die Beschreibung eines selbstorientierten, übersensiblen, einsamen Künstlers, der mit manischer Besessenheit in seinem Werk aufgeht und für den die Außenwelt mehr lästige Notwendigkeit als wahrer Bestandteil seines Daseins ist. Das mit großer Einfühlungskraft und formalem Können inszenierte Drama verdichtet sich auch durch filmhistorische Anklänge zu einem bezwingenden, gelegentlich sogar ironisch unterfütterten Meisterwerk.

Filmdaten

Originaltitel
PHANTOM THREAD
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Paul Thomas Anderson
Buch
Paul Thomas Anderson
Kamera
Paul Thomas Anderson
Schnitt
Dylan Tichenor
Darsteller
Daniel Day-Lewis (Reynolds Woodcock) · Lesley Manville (Cyril Woodcock) · Vicky Krieps (Alma) · Camilla Rutherford (Johanna) · Gina McKee (Gräfin Henrietta Harding)
Länge
131 Minuten
Kinostart
01.02.2018
Fsk
ab 6; f
Genre
Drama | Historienfilm
Diskussion
Paul Thomas Anderson ist der Regisseur, der „There Will Be Blood“ (fd 38 585) gedreht hat, jene unübertroffene Allegorie über Amerikas Anspruch auf Größe und Reichtum. Was Andersons neuen Film „Der seidene Faden“ mit „There Will Be Blood“ verbindet, ist die Fokussierung auf eine ungewöhnliche, fast überlebensgroße Hauptfigur; doch Stil und Stimmung entstammen einer anderen Welt. Diesmal begibt er sich in ein Milieu, das von den Ölfeldern aus „There Will Be Blood“ kaum weiter entfernt sein könnte: die Londoner Modewelt der 1950er-Jahre. Im Mittelpunkt steht Reynolds Woodcock, gespielt von Daniel Day-Lewis, ein Couturier der Sonderklasse, dessen Kreationen die weibliche Oberschicht zu verschworenen Anhängerinnen gemacht hat. Das großbürgerliche Townhouse, in dem er lebt, und in dem auch seine „Werkstatt“ untergebracht ist, demonstriert dem staunenden Zuschauer gleich zu Beginn, dass es höher hinaus nicht mehr geht; über nicht enden wollende Wendeltreppen schraubt sich das Anwesen bis in den Olymp empor, wo der Meister seine Inspirationen in schier überwältigende Wunder aus Tüll und Seide verwandelt. Perfektionismus ist Reynolds’ größte Obsession, und er demonstriert ihn nicht nur im Berufs-, sondern auch im Privatleben. Noch immer vergöttert er seine vor Langem verstorbene Mutter und lässt niemand anderen an seinen Geheimnissen teilhaben als seine unverheiratete Schwester, die für ihn Geschäftspartnerin und Haushälterin zugleich ist. Man erfährt, dass er Affären gehabt hat, aber nie waren sie etwas Ernstes. Bis ihm in der Schweizer Bergwelt eine hübsche und aufmerksame Kellnerin begegnet. Ihr Name ist Alma, und aus einem neckischen Spiel mit Worten, Blicken und Gesten entwickelt sich alsbald eine Liebesgeschichte, die alle früheren übertrifft. Reynolds nimmt Alma mit nach London, wo er sie einzureihen versucht zwischen die abweisende Schwester und die zahllosen Näherinnen, die seine Welt bevölkern. Er bewundert die neue Eroberung wie eine seiner Modeschöpfungen. Er erwartet Vollkommenheit und selbstlose Hingabe, weit davon entfernt, diese auch selbst zu erwidern. Unaufgeforderte Äußerungen Almas, die seine narzisstischen Rituale unterbrechen, blockt er mit harschen Bemerkungen ab wie „Ich kann meinen Tag nicht mit einer Konfrontation beginnen.“ Für ihn ist Alma ein wohlgelungenes Ornament seines Haushalts, eine Muse, wenn er denn eine Muse braucht. Anderson spielt genüsslich mit der Konstellation, obwohl rasch absehbar ist, dass Alma ihren Platz in diesem Haus behaupten will. Es kommt allmählich zu einem Kampf der Willensstärke, der auch dann noch andauert, als Reynolds sie geheiratet hat, um schließlich in einer der von ihm so gehassten Konfrontationen zu enden, die eines Hitchcock-Films durchaus würdig wäre. Der ganze Film kreist um die Beschreibung des selbstorientierten, übersensiblen, einsamen Künstlers, der mit manischer Besessenheit in seinem Werk aufgeht. Für Reynolds ist die Außenwelt mehr eine lästige Notwendigkeit als ein gelebtes Bedürfnis. Er hat sich in den Gewohnheiten seines eleganten, ganz auf sein Genie ausgelegten Alltags mit einer hermetischen Ausschließlichkeit eingerichtet, die anderen von vornherein das Eindringen verwehrt. Reynolds geht so in seiner Arbeit auf, dass alles Tun und Denken, alle täglichen Verrichtungen und Begegnungen sich dieser Hermetik unterordnen müssen. Wo andere Filme erotische Gefühle bedienen, versenkt sich Anderson in die jedes Empfinden umfassende Beschäftigung, die mit der Entstehung einer neuen Modeschöpfung wie in einem Liebesakt verbunden ist. Das Auswählen, Glätten, Abstecken, Zuschneiden und Säumen eines Stoffes verrät alles, was man vom Innenleben dieses Mannes wissen muss. Daniel Day-Lewis lässt sich so sehr mit allen Fasern seines Daseins auf die Rolle ein, dass jede Bewegung, jedes Mienenspiel der totalen Hingabe an die gestellte Aufgabe dienstbar wird, und die luxemburgische Schauspielerin Vicky Krieps steht ihm dabei mutig und hingebungsvoll zur Seite. Ohne solch hohe Konzentration wäre es kaum möglich, dass Konversationen, Spaziergänge, ja sogar ein bis ins Detail zelebriertes Frühstück zum Bestandteil eines Charakterbildes werden, dessen Sensibilität im heutigen Filmschaffen ihresgleichen sucht. So wie jede neue Modeschöpfung eine neue Schicht in Reynolds’ Charakter freilegt, so geht es auch überall sonst zu, nicht zuletzt beim Essen. Die geröstete Käseschnitte mit weichem Ei oder der fälschlicherweise, aber mit voller Absicht in Butter gekochte Spargel und die verdächtig goldgelben Waldpilze werden nicht zufällig vor den Augen der Zuschauer angerichtet, sondern geben Details der komplizierten Beziehung zwischen Reynolds und Alma preis, ohne dass es eines erklärenden Dialogs bedürfte. Anderson, der hier auch die Kamera führt, hat offengelegt, welche Filme er sich vor Produktionsbeginn noch einmal angesehen hat. Er nannte dabei die Filme von Powell und Pressburger, David Leans „Begegnung“ (fd 89) und Hitchcocks „Rebecca“ (fd 1504). Man spürt den Einfluss dieser Filme in jeder Szene: Wie Powell und Pressburger verdichtet er Eleganz zur differenzierten Charakterstudie, wie David Lean destilliert er eine komplizierte Beziehung zum intimen Kammerspiel, und wie Hitchcock garniert er das Ganze mit einer geheimnisvollen Ahnung von Bedrohlichkeit. Das alles macht zusammen mit gelegentlichen Tupfern von Screwball-Komödien und versteckter Ironie den Film aus. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, kann nebenbei durch die Filmgeschichte spazieren. Die Augen können einem dabei manchmal übergehen, und die Ohren tönen.

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