Grenzenlos (2017)

Liebesfilm | USA/Deutschland/Frankreich/Spanien 2017 | 112 Minuten

Regie: Wim Wenders

Ein als Wasserbauingenieur getarnter Geheimagent und eine Meereswissenschaftlerin im Kampf gegen den Klimawandel begegnen sich in einem Hotel in der Normandie und verlieben sich ineinander. Zunächst aber müssen sie sich wegen ihrer Missionen wieder trennen. Als der Mann in die Gewalt von Terroristen gerät, stürzt die nichtsahnende Frau durch die plötzliche Funkstille in eine Krise, die ihre Arbeit in einem U-Boot zu gefährden droht. Bedeutungsschwangeres Melodram, das brennende Themen verhandeln und zugleich von einer bedingungslosen großen Liebe erzählen will. Wim Wenders’ symbolüberfrachtete Inszenierung zerbricht jedoch an ihrer Schwere und stellt die mangelnde Substanz des Plots dadurch umso deutlicher heraus. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SUBMERGENCE
Produktionsland
USA/Deutschland/Frankreich/Spanien
Produktionsjahr
2017
Regie
Wim Wenders
Buch
Erin Dignam
Kamera
Benoît Debie
Musik
Fernando Velázquez
Schnitt
Toni Froschhammer
Darsteller
Alicia Vikander (Danielle Flinders) · James McAvoy (James Moore) · Alexander Siddig (Dr. Shadid) · Reda Kateb (Saif) · Celyn Jones (Thumbs)
Länge
112 Minuten
Kinostart
02.08.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Liebesfilm | Literaturverfilmung | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Warner (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)
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Diskussion
Es ist ein glücklicher Zufall, dass sich die beiden Hauptfiguren an der nordfranzösischen Küste begegnen. In einem noblen, aber abgelegenen und weitgehend menschenleeren Hotel in der Normandie haben sie sich eingemietet, um sich auf die schwierigste und gefährlichste Mission ihres Lebens vorzubereiten: Die Schwedin Danielle Flinders und der Schotte James More, mit viel Engagement gespielt von Alicia Vikander und James McAvoy. Die beiden Fremden eint ihr Idealismus, ihr Engagement und ihr Ehrgeiz im Beruf, der hier einmal wirklich viel mit Berufung zu tun hat. Sie ist Professorin für Biomathematik und Meereswissenschaftlerin, kämpft gegen den Klimawandel und will „das Leben“ verstehen; er tarnt sich als Wasserbauingenieur, arbeitet aber tatsächlich für den britischen Geheimdienst. Ein Privatleben jenseits dessen haben sie weitgehend aufgegeben. Der Film beginnt mit Szenen, in denen die Meereswissenschaftlerin eine Tauch-Expedition vorbereitet, die sie in einem knallgelben U-Boot in die tiefste Tiefsee führen wird. Dann sehen wir ihn, der als verdeckter Ermittler versucht, potenzielle Selbstmordattentäter unschädlich zu machen. Dabei gerät er selbst in die Fänge von Dschihadisten. Dann erst zeigt Regisseur Wim Wenders in „Grenzenlos“, wie die Liebe in das Leben dieser beiden Workaholics eingeschlagen ist – im ersten von vielen Rückblicken. Es soll nicht irgendeine Liebe sein, das macht der Film im Nu klar, sondern eine Amour fou, die von beiden sofort als die Liebe ihres Lebens erkannt wird, keine Affäre oder ein Verliebtsein, das vergeht. Wenders’ neuer Film ist eine im altmodischen Sinne romantische, also bedingungslos ernst gemeinte Liebesgeschichte, die in einer überaus komplizierten Struktur erzählt ist: Es gibt zwei Zeitebenen – die Vergangenheit des einige Wochen zurückliegenden Kennenlernens und der wenigen gemeinsamen Tage in der Normandie, und die Gegenwart – und zwei räumliche Ebenen, wenn der Film zwischen den beiden Figuren hin- und herspringt: Vom afrikanischen Somalia zum arktischen Nordatlantik, von der Wüste in die Tiefsee. Auch thematisch müssen hier permanent große Entfernungen überwunden werden, denn es geht gleichzeitig um Klimawandel, den drohenden Weltuntergang, um Terrorismus, um das Verhältnis von Wissenschaft und Glauben; zugleich soll die Liebe eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlen. Diese Ideen und noch viele mehr werden in den langen Gesprächen zwischen dem Liebespaar entfaltet, die der Film in Rückblicken zeigt und die beiden als Erinnerung in ihrer folgenden Einsamkeit Trost spenden. Freilich ist diese Einsamkeit überaus unterschiedlich geartet: Der Todeskerker der Islamisten mit ständigen Folterungen, Scheinhinrichtungen und tatsächlichen Morden an Gefangenen stellt James vor ganz andere Herausforderungen als Danielle, die vor allem darunter leidet, dass ihr Smartphone auf See nicht funktioniert. Wurde sie als selbstbewusste Frauenfigur eingeführt, verfällt sie flugs einem allzu vertrauten Klischee: Der neue Geliebte meldet sich nicht, also zweifelt sie schnell an seiner Liebe, anstatt zu vermuten, dass es (wie ja in der Tat) wohl gute Gründe für die Funkstille gibt. Statt auf Augenhöhe mit dem Mann auf ihre Weise auch die Welt zu retten, blickt Danielle in der zweiten Filmhälfte nur noch mit tränenfeuchten Augen fortwährend auf ihr Telefon, verhält sich zunehmend hysterisch, fährt zwischendurch gar nur deswegen an Land, weil der Empfang so schlecht ist, und vergisst über der ganzen Beziehungschose den drohenden Untergang der Welt, dessen Bekämpfung ihr zuvor doch Sinn des Lebens war – so denunzieren Wenders und Drehbuchautorin Erin Dignam ihre Figuren. Alles klingt bedeutsam und liegt doch nahe an manchen Kalendersprüchen. Der Soundtrack von Fernando Velázquez macht alles nicht besser, indem er jedes von der Inszenierung gewollte Gefühl noch verstärkt und alles in einen undifferenzierten Tonteppich hüllt. Dafür sorgen die Bilder von Benoît Debie immer wieder für spektakuläre, intensive Augenblicke, ohne dass sie den Film als Ganzen prägen könnten – dafür sind Wenders die Worte und Gedanken der Figuren gegenüber dem Visuellen zu wichtig. So ist „Grenzenlos“ überfrachtet mit Bedeutung, zerbricht aber an der eigenen Schwere. Fast jede Einstellung scheint hier auch symbolisch-poetisch und prinzipiell gemeint zu sein. Passten die in trägem Tempo mäandernden Erzählungen von Wenders’ Spielfilmen der 1970er- und 1980er-Jahre noch in ihre Zeit, indem sie ein neues Deutschlandbild jenseits der Zackigkeit früherer Jahrzehnte und der hysterischen Zivilität der 1960er skizzierten, wirkt dieser Stil bei „Grenzenlos“ schal und nicht etwa produktiv unzeitgemäß. Tatsächlich ist dieser Film entlarvend, weil es der konventionellste von Wenders’ Spielfilmen ist, und so deutlicher wird, wie dünn die Substanz hinter der zur Schau getragenen, komplizierten Erzählstruktur und den technischen Gimmicks ist. Falls Wim Wenders als Künstler tatsächlich der Romantiker sein sollte, als den man ihn gern charakterisiert, dann gehört er deren konservativem, antiaufklärerischem Flügel an, der predigen und religiös grundierte Botschaften verbreiten will, darüber aber die ästhetische Kraft und Poesie der romantischen Provokation einbüßte. Auch überzeugte Wenders-Fans dürften mit „Grenzenlos“ an ihre Grenzen stoßen.
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