Wann wird es endlich wieder Sommer?

Dokumentarfilm | Deutschland 2017 | 102 Minuten

Regie: Barbara Lubich

Die auf Anti-Nazi-Demonstrationen bekannt gewordene Dresdner Bläsergruppe „Banda Comunale“ verwandelte sich 2015 durch die Begegnung mit geflüchteten Musikern aus dem Nahen Osten und Afrika in die vielköpfige „Banda Internationale“, die mittels der verbindenden Kraft der Musik neue Formen wechselseitiger Achtung und eines integrativen Miteinander erprobte. Der Film begleitet die Gruppe ein Jahr lang bei Proben, Auftritten und im Alltag; einzelne Mitglieder werden auch jenseits des Bandalltags etwas ausführlicher vorgestellt. Die mitunter recht eigenwillige Montage verlangt zunächst etwas Geduld, bis sich aus den impressionistischen Einzelbeobachtungen ein komplexes Bild gemeinsamen Musizierens ergibt, in dem gut gelaunte Aufbrüche, kaum zu lösende Widersprüche und Rückschläge realistisch nebeneinander existieren.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Barbara Lubich · Michael Sommermeyer
Buch
Barbara Lubich
Kamera
Ralf Jakubski · Barbara Lubich · Michael Sommermeyer
Schnitt
Ralf Jakubski · Barbara Lubich · Michael Sommermeyer
Länge
102 Minuten
Kinostart
15.02.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Wenn sich auf den Straßen patriotische Wutbürger versammeln, um gemeinsam den Untergang des Abendlandes zu beschwören, dann ist es seit den 1970er-Jahren guter Brauch, dass sich Gegendemonstranten von einer Banda wie etwa dem „Sogenannten Linksradikalen Blasorchester“ den Marsch blasen lassen. Früher wurden dabei Lieder der Arbeiterbewegung gespielt, Songs der Anarchisten oder der Resistenza; heute setzt man publikumswirksam eher auf Balkan Beats oder Klezmer.

Die Dresdner „Banda Comunale“, seit Jahren auf Anti-Nazi-Demonstrationen aktiv, erlebte 2015, dass sich die Pegida von gut gelaunten Gegendemonstranten nicht sonderlich beeindrucken ließ. Stattdessen mussten Flüchtlingsheime geschützt und spontane Willkommenskonzerte gespielt werden, um etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen. Dabei kam es bald zu intensiveren Kontakten mit geflüchteten Musikern oder talentierten Amateuren aus Syrien, Irak, Iran, die mitspielen wollten. Die „Banda Communale“ mutierte in der Folge zur vielköpfigen „Banda Internationale“, wobei sich die Musiker von ihrer Fixierung auf Pegida positiv emanzipierten und ihre Zeit für Wichtigeres nutzen, für Kommunikation, Austausch und eine erste Form von Integration. Auch unter Einbezug von neuem Songmaterial aus dem arabischen Raum, um, wie es einmal sehr schön formuliert wird, auf die drohende Islamisierung Europas vorbereitet zu sein.

Die Dokumentaristen Barbara Lubich und Michael Sommermeyer haben die „Banda Internationale“ ein Jahr lang begleitet, in Proberäumen, auf Reisen, bei Konzerten; einzelne Musiker werden auch abseits des Bandalltags porträtiert. Es dauert allerdings einige Zeit, bis man in den Film hineinfindet. Anfangs ist es fast schon ärgerlich, wie die Montage fahrig bis unkonzentriert einzelne Szenen etabliert und immer dann, wenn es gerade interessant zu werden verspricht, zu einer anderen Szene, einer anderen Person, einem anderen Konflikt oder der nächsten ausgelassenen Musik-Performance wechselt, bis der ursprüngliche Faden wieder aufgegriffen und weitergeführt wird.

Man braucht also etwas Geduld, bis die Geschichte in Form von impressionistischen Einzelerzählungen Fahrt aufnimmt. So lernt man den schillernden Iraner Hamid kennen, der für seine Liebe zu Heavy Metal ins Gefängnis ging und jetzt mit seinem dunklen Humor den Gegenpart zum ausgestellten Frohsinn der Banda übernimmt. Der philosophierende Oud-Virtuose Thabet versucht seine Musik Richtung Jazz zu treiben; Ezé aus Burkina Faso, der einst als Deutschlehrer arbeitete, pflegt seine Liebe zum Schlager, die dem Film auch den Titel verschaffte.

Die Geschichten der Migranten sind komplex, teilweise über mehrere Generationen hinweg grundiert und mit unterschiedlichsten ideologischen Implikationen auch im Blick auf die jeweilige Haltung zur Religion versehen.

Es gibt aber auch Musiker, die bereits in ihrem Herkunftsland professionell gearbeitet haben und denen das zivilgesellschaftliche Engagement der „Banda Internationale“ ökonomisch wie glamourös nicht genügt und die Gruppe wieder verlassen. So ist das im Film dokumentierte Jahr von allerlei gut gelaunten Aufbrüchen, kaum zu lösenden Widersprüchen und mal bürokratischen, mal emotionalen Rückschlägen geprägt.

Die flexibel wachsende Band machte während der Dreharbeiten regelrecht „Karriere“, spielte viele Konzerte zwischen „Heimatsound“-Festival, Kirchentag, Strafvollzugsanstalt und einem Auftritt in Polen, wurde bejubelt und schließlich von der Kulturstaatsministerin Grütters für ihr Engagement ausgezeichnet. Trotz all dem drängt sich der Eindruck ein, dass die „Banda Internationale“ mehr ist als ein Vorzeigeprojekt in Sachen Integration oder ein cleverer Schachzug des Dresdner Stadtmarketings. Die idealistische Initiative von Künstlern handelt vielmehr, wie vermittelt auch immer, aus ihrer eigenen Migrationserfahrung heraus und weiß um die verbindende Kraft der Musik. Man kann den Film, trotz seiner offenkundigen Mängel, durchaus als realistisch-optimistische Bestätigung dieser Annahme verstehen. Ob die Sommer aber jemals wieder so werden, wie man sie erinnert, sei dahingestellt.

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