Horror | USA/Großbritannien 2018 | 115 Minuten

Regie: Alex Garland

Um herauszufinden, was mit ihrem Ehemann geschehen ist, der auf krankhafte Weise verändert von einem Militäreinsatz zurückgekommen ist, bricht eine Biologin mit einem Team von Wissenschaftlerinnen in jene Küstenregion der USA auf, wo die Natur und die Menschen eine unheimliche Wandlung erfahren. Der Mystery-Thriller nach dem ersten Band einer Romantrilogie von Jeff VanderMeer erzählt visuell und akustisch ambitioniert vom Verlorengehen der Menschen angesichts der Konfrontation mit etwas Unfassbarem. Die Rätselhaftigkeit des Mikrokosmos verbirgt sich im Bildhaften; die überbordende, fremde Pracht definiert damit die metaphysischen Fragestellungen des Stoffes. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ANNIHILATION
Produktionsland
USA/Großbritannien
Produktionsjahr
2018
Regie
Alex Garland
Buch
Alex Garland
Kamera
Rob Hardy
Musik
Geoff Barrow · Ben Salisbury
Schnitt
Barney Pilling
Darsteller
Natalie Portman (Lena) · Jennifer Jason Leigh (Dr. Ventress) · Gina Rodriguez (Anya Thorensen) · Tessa Thompson (Josie Radek) · Tuva Novotny (Cass Sheppard)
Länge
115 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Horror | Literaturverfilmung | Science-Fiction

Heimkino

Verleih DVD
Universal
Verleih Blu-ray
Universal
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Diskussion
Die Stille um diese Mission, sagt die Hauptfigur Lena (Natalie Portman) einmal, ist lauter als sonst. Zusammen mit einem Expeditionsteam von Wissenschaftlerinnen ist sie in einer Küstenregion der USA unterwegs, wo sich die Natur auf mysteriöse Weise verändert hat – und die Menschen verändert, die dieses Gebiet betreten. Lange scheint es, als seien die Geräusche der Welt zusammen mit den Gefühlen der Menschen als erste ausgelöscht worden, wie es der Titel des Films so unheilvoll ankündigt. Es erklingt kaum Musik, während die Umwelt gleichsam verstummt. In kahlen Räumen sitzen Menschen, die sich sinnlos an Gesprächen versuchen und hervorbringen wollen, was nicht hervorzubringen ist. Ein Regierungsbeamter verhört Lena nach ihrer Rückkehr aus dem mörderischen Biotop Area X, das hier „The Shimmer“ genannt wird. Er will wissen, was dort mit ihr und den anderen Expeditionsteilnehmern geschah, und mit allem anderen, was in dieser Zone einst lebte und nun auf andere Weise weiterlebt. Lena weiß es nicht. Sie folgte ihrem Mann Kane (Oscar Isaac), einem Soldaten, der ein Jahr lang von dieser Region verschluckt worden war, dann aber eines Tages heimkehrte eine leere Hülle, ohne Erinnerungen und bald von schwersten, lebensbedrohlichen Krämpfen und Blutungen heimgesucht. Die Romantrilogie von Jeff VanderMeer, die mit dem Buch „Auslöschung“ beginnt, handelt von den Grenzen der menschlichen Erkenntnis und davon, wie sich Schönheit und Grausamkeit im Erhabenen vermischen. In der visuell überbordenden Adaption der Vorlage erzählt Regisseur Alex Garland hingegen vor allem von Menschen. Um deren Verlorenheit sichtbar zu machen, greift die Inszenierung auf das Breitwandformat zurück, das Garland schon in „Ex Machina“ (fd 43 033) verwendete und auf paradoxe Weise prachtvoll in Innenräumen erstrahlen ließ. Um Lena und ihren Mann herum aber bleibt es kalt, eisig kalt. Und für das Publikum, das nicht in Nordamerika oder China ins Kino gehen kann, bleibt diese Kälte im Heimkino-Format stecken. Mit Garlands Weigerung, die Ursache des Geschehens zu erklären, erschien der Film dem Paramount Studio für einen weltweiten Kinostart wohl zu riskant; doch im Zeitalter der Streaming-Dienste aber gibt es ja Alternativen; hierzulande startet der Film nun bei Netflix. Die Ursachen verstecken sich in diesem Stoff hinter ihren Erscheinungen: ohne zu zeigen – und ohne das Budget, Phänomene zeigen zu können –, wäre er nicht denkbar. Irgendwann betritt Lena mit ihrer Expedition die Schimmern-Region. Das Team besteht aus fünf Frauen, allesamt Wissenschaftlerinnen wie die Biologieprofessorin Lena. Unter ihnen ist auch eine Psychologin, die von Jennifer Jason Leigh mit einer faszinierend rauchigen Härte und Traurigkeit gespielt wird. Bald häufen sich die Anzeichen, dass die vorausgegangenen Entdecker durchgedreht sind, zerbrochen an sich selbst und an der Hölle, die die anderen sind. Oder an etwas Unvorstellbarem. Sie müssen durch einen Schleier, der die Luft zu einer Art Gelee zu machen scheint, treten. Das Licht bricht farbig durch die Vegetation. Meist ist es ein wenig zu hell, egal ob in den Quarantänezimmern, Büros oder dem satten Stück Natur, das sich nach und nach die Zivilisation einverleibt. Das Gras ist zu grün, um von dieser Welt zu sein; und lang gezogene, vibrierende Töne klingen bedrohlich – künstlich auch sie, aber zu leise, um schrill zu klingen. Das Unwirkliche legt sich über die Wirklichkeit. Mutierte Kreaturen, riesig und böse, brechen aus Sümpfen und Wäldern. Die Gruppe zerfällt in ihrer Panik, als die Frauen bemerken, dass auch sie sich verändern - oder vielmehr verändert werden. Gleichwohl erzählt der Film fast nie von Hektik. Die Bewegungen, die den Film durchziehen, scheinen kontrolliert, beherrscht, womöglich resigniert. Natalie Portman erlaubt ihrer Figur Lena nur wenige Sekunden des Glücks, in Rückblenden mit ihrem Mann Kane, und nur wenige der Verzweiflung, als sie auf zurückgelassenem Videomaterial erkennt, was mit ihm in der Area X geschehen ist. Am Ende, das sich von dem der Romanvorlage deutlich unterscheidet, explodiert das Unbekannte in Partikeln von Farben, aus denen sich Neues zusammensetzt. Wabernd und vage elektronisch umfängt die Musik von Geoff Barrow und Ben Salisburg den Zuschauer, fremd und schön und bedrohlich zugleich. Eine Literaturverfilmung lässt die Sprache an ihr Ende kommen. Dennoch bleibt bei all dieser ausgestellten Kunstfertigkeit ein Rest von Distanz. Die innere Auslöschung des Menschen lässt sich nur indirekt in (Film-)Bilder verwandeln. Die Ästhetik des Entsetzlichen muss Umwege gehen, auf denen sie sich in „Annihilation“ bisweilen verirrt.
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