Abenteuerfilm | USA 2018 | 110 Minuten

Regie: Ava DuVernay

Verfilmung des gleichnamigen Fantasy-Jugendromans von Madeleine L’Engle über die Abenteuer eines in seinem Selbstwertgefühl beschädigten 14-jährigen Mädchens, das durch eine Erfindung seines verschollenen Vaters Raum und Zeit zu überspringen lernt und mit Hilfe von drei engelgleichen Beschützerinnen eine Reise zu fernen Planeten antritt. Dem unentschlossen inszenierten Film fehlt eine entscheidende Vision zur Umsetzung der philosophischen Gedankenwelt des Buches. Dadurch bleibt er in pompösen Spruchweisheiten und aufwendigen Illustrationen stecken, die sich wenig von anderen Fantasy-Spektakeln abheben.

Filmdaten

Originaltitel
A WRINKLE IN TIME
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Ava DuVernay
Buch
Jennifer Lee
Kamera
Tobias A. Schliessler
Schnitt
Spencer Averick
Darsteller
Storm Reid (Meg Murry) · Oprah Winfrey (Mrs. Which) · Mindy Kaling (Mrs. Who) · Reese Witherspoon (Mrs. Whatsit) · Deric McCabe (Charles Wallace Murry)
Länge
110 Minuten
Kinostart
05.04.2018
Fsk
ab 6; f
Genre
Abenteuerfilm | Literaturverfilmung | Science-Fiction-Film
Diskussion

Die Schriftstellerin Madeleine L’Engle (1918-2007) hatte vor nunmehr 56 Jahren große Mühe, ihr Buch „A Wrinkle in Time“ (deutsch zunächst als „Spiralnebel 101“ und „Die Zeitfalte“) bei einem Verleger unterzubringen. Niemand glaubte daran, dass diese Geschichte von einem 14-jährigen Mädchen auf unglaublicher galaktischer Reise ein Erfolg werden könnte. Dass lauter unkonventionelle Kombinationen aus Märchen und Science Fiction bald auch andernorts den Büchermarkt und das Kino überschwemmen würden, war damals noch nicht abzusehen. Dabei haben sie alle bei Madeleine L’Engle gelernt, die Autoren von „Die unendliche Geschichte“, „Harry Potter“ und „Die Tribute von Panem“.

L’Engles Roman ist randvoll mit Anleihen bei der modernen Kinderpsychologie, bei den Gebrüdern Grimm, bei griechischen Sagen, der Bibel und der Quantenphysik. Die Fabel, die L’Engle erzählt, bezieht ihre Originalität aus der fantasievollen Vermischung solch unterschiedlicher Quellen zu einem Abenteuer, das für Kinder erdacht ist und wahrscheinlich auch nur von Kindern in all seiner unbefangenen Naivität verstanden wird. Daraus einen Film zu machen, ist von vornherein ein anmaßendes Unternehmen. Fürs Fernsehen ist es 2003 mit dem Zweiteiler „Gefangene der Zeit“ schon einmal schiefgegangen, und L’Engle hat das Ergebnis damals mit einem vernichtenden Verdikt bedacht.

Nun ist die Geschichte fürs Kino von Walt Disney produziert worden, einem Produktionshaus, das keine 100 Millionen Dollar in eine Verfilmung steckt, von der es nicht annimmt, dass vor allem junges Publikum die Kinos stürmen werde. Andererseits will Disney aber auch zeigen, wie fortschrittlich man dort den Stimmungen der Zeit folgt. Deshalb präsentiert sich „Das Zeiträtsel“ dem sensibilisierten Zuschauer als Paradestück der Gleichberechtigungsbewegung: Sowohl die Regisseurin Ava DuVernay („Selma“ (fd 42 914)) als auch die junge Hauptdarstellerin Storm Reid und andere Figuren des Films sind Frauen und Afro-Amerikaner. Der Film wird dadurch mit zusätzlichem Diskussionsstoff beladen, der mit der abwechselnd bunten und finsteren Geschichte wenig zu tun hat, außer dass er ein aktuelles Motiv dafür bereithält, warum die kleine Meg von ihren Schulkameraden so schlecht behandelt wird.

Obwohl sie in einer liebevollen Wissenschaftlerfamilie aufwächst, leidet Meg unter einem wachsenden Verlust ihres Selbstwertgefühls. Als dann noch ihr Vater nach einem physikalischen Experiment spurlos verschwindet, findet sie sich in ihrer Welt nicht mehr zurecht. Hilfe kommt in Form von drei engelsgleichen Wesen. Sie begleiten Meg, ihren jüngeren Bruder und einen gleichaltrigen Freund auf einer Reise ins Universum, um den verschollenen Vater zu finden. Unter der bedächtigen Führung der drei Beschützerinnen gelangen sie zuerst zu einem Planeten, der von gigantischen Pflanzen bevölkert wird, die in Farben sprechen. Nun, da die Kinder gelernt haben, genauso wie Megs Vater mit Hilfe einer die geometrischen Dimensionen überspringenden Erfindung Raum und Zeit zu wechseln, fliegen sie wie auf einem magischen Teppich von Planet zu Planet und von Abenteuer zu Abenteuer, bis sie in der Finsternis des absolut Bösen landen, aus der es kaum einen Ausweg zu geben scheint.

Wie nicht anders zu erwarten war, hat DuVernay die 100 Millionen Dollar hauptsächlich zur Kreation fantastischer Geschöpfe und Landschaften eingesetzt. Ihr Pech dabei ist, dass gerade das junge Publikum, mit dessen Zuneigung der Film rechnet, mit einer Fülle von Fantasy-Filmen aufgewachsen ist, die es an bildgewaltige Panoramen und ausgetüftelte Effekte gewöhnt haben. Zu Anfang kann „Das Zeiträtsel“ mit den vielen Kino-Vorgängern noch mithalten, wenn der Film von strahlendem Licht durchflutete, in ihrer Farbenpracht überwältigende Landschaften schafft. Doch je düsterer die Geschichte wird, desto eintöniger und repetitiver gerät die optische Fantasie. Dabei wirkt sich besonders negativ aus, dass kein konsequenter Stil erkennbar wird, sondern zum Beispiel auch modernistische Einsprengsel den vor allem bei den drei Engelsfiguren ins Extrem getriebenen Hang zur dekorativen Überzeichnung ohne viel Sinn und Verstand unterbrechen.

Was Madeleine L’Engles Buch letztlich für seine Bewunderer über Jahrzehnte hin attraktiv gemacht hat, ist die in der Geschichte und ihren Figuren versteckte individuelle Philosophie der Autorin, die nicht bei der Vorstellung haltmacht, dass sich – wie Megs Vater einmal sagt – 91 Milliarden Lichtjahre mit dem Schnippen eines Fingers überspringen lassen, sondern die stets das einigende Band alles Lebendigen, das die Widrigkeiten des Lebens überwinden hilft, ins Zentrum der Geschichte rückt. Je länger der Film dauert, umso mehr verlässt er sich hingegen auf Ausstattung und Effekte und macht dadurch überdeutlich, wie groß der Abstand von L’Engles Denkweise und Vision durch die zwischenzeitliche Entwicklung des Fantasy-Genres geworden ist. Pompöse Spruchweisheiten, wie sie im Überfluss vorkommen, können die Gedankenwelt des Buches nicht ersetzen. Ebenso wenig wie der kaum eine Minute schweigende emotionale Musikteppich.

Kommentar verfassen

Kommentieren