Docteur Knock - Ein Arzt mit gewissen Nebenwirkungen

Komödie | Frankreich/Belgien 2017 | 114 Minuten

Regie: Lorraine Lévy

In einem verschlafenen Bergdorf übernimmt ein neuer Arzt die Praxis und schafft es binnen Kurzem, das Wartezimmer zu füllen. In der harmlos-heiteren Adaption des legendären Theaterstücks von Jules Romains aus dem Jahr 1923 geht es um die Frage, ob der Erfolg des Mediziners das Resultat moderner Diagnostik, einer geschickten Marketingstrategie oder seiner besonderen Anziehungskraft ist. Die satirische Abrechnung mit Manipulation jeglicher Art verflacht zu einer rückwärtsgewandten Klischeevorstellung von einfachen Provinzlern, die von einem geheimnisvoll-schlitzohrigen Fremden aufgemischt werden.

Filmdaten

Originaltitel
KNOCK
Produktionsland
Frankreich/Belgien
Produktionsjahr
2017
Regie
Lorraine Lévy
Buch
Lorraine Lévy
Kamera
Emmanuel Soyer
Schnitt
Sylvie Gadmer
Darsteller
Omar Sy (Knock) · Ana Girardot (Adèle) · Alex Lutz (Pfarrer Lupus) · Sabine Azéma (La Cuq) · Audrey Dana (Mademoiselle Mousquet)
Länge
114 Minuten
Kinostart
22.02.2018
Fsk
ab 6; f
Genre
Komödie | Literaturverfilmung
Diskussion

Als der neue Landarzt die Praxis im idyllischen Bergdorf Saint Maurice übernimmt, wissen ihn die Anwohner nicht recht einzuordnen. Etwas ist anders an ihm. Aber was?

Bislang war hier selten einer ernsthaft krank. Der scheidende Arzt Dr. Parpalaid verordnete zum Leidwesen des örtlichen Apothekers meist nur Hausmittel und Ruhe, wenn sich jemand in seine Praxis verirrte. Doch mit Dr. Knock hält nicht nur die moderne Medizin Einzug, sondern auch eine andere Wahrnehmung: aus gesunden Menschen werden Patienten mit diversen Krankheiten in unterschiedlichen Stadien – und vor allem potentielle Kunden.

Schnell erliegt das Dorf dem Charme und Einfühlungsvermögen des neuen Arztes. Oder ist es lediglich seine effiziente Geschäftsstrategie? Während sich die Sprechstunde füllt, die Wehwehchen und Hausbesuche sich häufen und die verschlafene Apotheke plötzlich vor Business brummt, bleibt lediglich der intrigante Pfarrer skeptisch und versucht Dr. Knock mit allen Mitteln auf die Schliche zu kommen. Doch der eloquente Arzt und seine begeisterte Patientenschar scheinen für alles eine einleuchtende Erklärung parat zu haben. Dr. Knock bleibt der unantastbare Gott in Weiß, bis die wunderschöne, aber todkranke Adèle und ein Bandit aus Knocks zweifelhafter Vergangenheit am Lack zu kratzen beginnen.

Mit „Docteur Knock“ verfilmt die französische Regisseurin Lorraine Lévy ein Stück des Schriftstellers Jules Romains aus dem Jahr 1923. Die schon mehrfach fürs Kino und das Fernsehen adaptierte satirische Komödie führt am Beispiel der Medizin vor, wie man Menschen durch geschicktes Marketing manipulieren kann. Lévy entzieht dem Stoff, der als Kritik am Kapitalismus wie an jeder Ideologie, aber auch als Vorbote des Nationalsozialismus gelesen werden kann, allerdings seine ursprüngliche Düsterkeit. Die auch als Drehbuchautorin aktive Filmemacherin hat für ihre Kinoversion das Theaterstück gegen den Strich gebürstet und inszeniert es als heiteres Lustspiel vor sonnendurchfluteter Bergkulisse. In der Rolle der Hauptfigur schickt sie den dunkelhäutigen Schauspieler Omar Sy ins Rennen um die Gunst des Dorfes, was eine in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Entscheidung ist.

Anfangs wirkt die Wahl und dessen Auftreten in einer Zeit, als es schwarze Landärzte in Frankreich noch nicht gab, interessant und der bis zum Schluss nicht aufgelöste Running Gag um seine mysteriöse Andersheit sehr erfrischend. Doch die pittoreske Fototapete des Films, bevölkert von schrulligen Stereotypen, zieht an Knock vorbei, ohne dass sich ein Spalt Tiefgründigkeit auftun würde. Schwerer wiegt allerdings, dass das mehrdeutige Schillern um seine Figur erlischt. Denn Knock ist nur auf den ersten Blick mehrdimensionaler gezeichnet als die übrigen Charaktere. So wie die Dörfler dem Bild einfältiger Landpomeranzen entsprechen, so spiegelt sich in Knock das Stereotyp des unbekannten, unberechenbaren, andersfarbigen Fremden. Er ist zugleich Gauner und Wohltäter, herzloser Womanizer und leidenschaftlich Liebender – ein trivialer Dualismus, der ihn zu einer eurozentristischen Klischeevorstellung gefrieren lässt.

Wenn man dies realisiert, verliert der Film seinen ganzen Charme. Es ist zu simpel, ein weißhäutiges Idyll mit einem schwarzen Schlitzohr aufzumischen, und auch viel zu rückwärtsgewandt, selbst wenn das im Film mit keiner Silbe erwähnt wird. In der französischen Tageszeitung „Le Monde“ hieß es dazu sehr richtig, dass die bisher bekannteste Adaption aus dem Jahr 1951, „Dr. Knock läßt bitten“ (fd 3384) von Guy Lefranc, im Vergleich dazu deutlich weniger alt aussieht.

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