Garten der Sterne

Dokumentarfilm | Deutschland/Schweiz 2016 | 60 Minuten

Regie: Pasquale Plastino

Dokumentarfilm über den Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin, der 1856 eingeweiht wurde. Von den Gräbern der Gebrüder Grimm bis zu Erinnerungsstätten an Aids-Tote und einem Bereich für totgeborene Kinder werden Besonderheiten vorgestellt und in Zusammenhang mit den Bemühungen eines engagierten Vereins gebracht, den Friedhof auch als Ort der Lebenden wahrzunehmen. Der solide inszenierte Film folgt dieser Interpretation und findet trotz der Allgegenwart von Tod und Sterben einen bemerkenswert leichten und unbeschwerten Tonfall.

Filmdaten

Originaltitel
GARTEN DER STERNE
Produktionsland
Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2016
Regie
Pasquale Plastino · Stéphane Riethauser
Buch
Pasquale Plastino · Stéphane Riethauser
Kamera
Stéphane Riethauser
Schnitt
Dalia Castel
Länge
60 Minuten
Kinostart
18.01.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Der Alte St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin, so heißt es, sei ein ganz besonderer Ort. In Berlin-Schöneberg erzählt man sich das schon lange, doch auch weit darüber hinaus hat der Friedhof schon öfters für Schlagzeilen gesorgt. Die beiden Filmemacher Pasquale Plastino und Stephane Riethauser sammeln in ihrem Dokumentarfilm „Garten der Sterne“ einige Argumente für die These von der Einzigartigkeit des 1856 eingeweihten Kirchhofes. Da wären zum Beispiel die Grabstätten der Gebrüder Grimm, die gleich zu Beginn ins Bild gerückt werden und die das Regie-Duo inspiriert haben, ihre buntscheckigen Eindrücke mit dem Märchen vom „Gevatter Tod“ zu verweben. Der Film eröffnet und schließt mit dem Grimm’schen Märchen, das aus dem Off erklingt, während die Kamera über sonnig leuchtende Bäume und Gräber gleitet. Stimmungsvoll vortragen wird das Märchen von der transsexuellen Schauspielerin Zazie de Paris, die seit ihrer Rolle als Fanny im Frankfurter „Tatort“ auch einem breiten Fernsehpublikum bekannt ist. Dass hier eine Ikone der queeren Bewegung zu Wort kommt, ist kein Zufall. Schließlich wurde der Alte St.-Matthäus-Kirchhof in den vergangenen Jahren als „Schwulenfriedhof“ gleichermaßen gefeiert wie denunziert. Das hängt damit zusammen, dass dort nicht nur überproportional viele Homosexuelle ihre letzte Ruhestätte finden, sondern der Verein „Denk mal positHIV“ hier auch einen Ort des Gedenkens für Menschen errichtet hat, die an Aids gestorben sind. Bernd Boßmann, Mitglied des EFEU-Vereins, der sich für den Erhalt und die Weiterentwicklung des Friedhofes engagiert, wehrt sich vehement gegen eine solche Etikettierung. Er war selbst viele Jahre lang in der Schwulenbewegung aktiv, engagierte sich in der Berliner Aidshilfe, trat unter dem Künstlernamen Ichgola Androgyn auf den städtischen Bühnen auf und wirkte in zahlreichen Filmen mit. Sein Lebensgefährte starb an Aids und liegt auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof begraben. Dennoch hält er es für absurd, einem Friedhof eine Sexualität zuzuschreiben. Das Gedenken an die Aidstoten stellt für ihn nur eine Facette dieses besonderen Ortes dar. Einer anderen verdankt der Dokumentarfilm seinen Titel. Denn der Friedhof auf der „Roten Insel“ Schönebergs zählt zu den wenigen Kirchhöfen, auf denen totgeborene Kinder bestattet werden. Auch Boßmann leitet solche Zeremonien. Im „Garten der Sternenkinder“ tummeln sich Kuscheltiere und drehen sich bunte Windräder auf den kleinen Gräbern. Eltern und Geschwisterkinder finden hier einen Platz, um gemeinsam zu trauern. Doch es sind nicht Trauer oder Verzweiflung, die in den Mittelpunkt des Films rücken, sondern eher die Windrädchen. Dieser Friedhof ist auch ein Ort für die Lebenden. Er soll nicht in erster Linie den Toten gehören. Boßmann hat deshalb das erste Friedhofscafé Deutschlands eröffnet, das „Finova“. Dafür baute er das ehemalige Latrinenhaus zu einem Blumenladen mit einem kleinen Café um. Hier darf und soll auch gelacht und geschwatzt werden. Den Tod als Teil des Lebens anzunehmen, bedeutet für Boßmann auch, den Friedhof mit Leben füllen. Die beiden Filmemacher schließen sich in ihrer knapp einstündigen Dokumentation diesem Grundgedanken an. Die von ihnen inszenierte Totenstätte strahlt nichts Furchteinflößendes oder Bedrückendes aus. Ihr Film ist allerdings kein Meisterwerk. Die eng kadrierten Bilder und die liebevoll hervorgehobenen Details brauchen die große Leinwand nicht. Trotzdem ist den Regisseuren etwas nicht Alltägliches geglückt. Sie haben einen Film über einen Friedhof, über den Tod und das Sterben gedreht, der nicht schwer oder düster daherkommt, sondern so leicht und unbeschwert, dass es Spaß macht, sich ihm zuzuwenden. Für Boßmann ist der Tod das „Silvester unseres Lebens“. Er will der oft verbissenen, freudlosen Sepulchralkultur eine neue, fröhlichere Richtung geben. „Garten der Sternenkinder“ unterstützt ihn dabei.
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