Free Lunch Society - Komm komm Grundeinkommen

Dokumentarfilm | Österreich/Deutschland 2016 | 94 Minuten

Regie: Christian Tod

Filmisches Plädoyer für die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens vom Standpunkt einer imaginierten Zukunftsgesellschaft aus, in der dieses zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Unter Rückgriff auf die Historie und unter Einbeziehung prominenter Befürworter entfaltet der Dokumentarfilm zentrale Gründe für diese Idee und widerlegt die Vorurteile der Gegner. Die unverhohlene Einseitigkeit gewinnt durch die wissenschaftlich untermauerte Argumentation und eine abwechslungsreiche, auch visuell originelle Inszenierung filmische Überzeugungskraft. Der Film ist am 1. Februar als "Crowdpremiere" an mehr als 100 Veranstaltungsorten zu sehen; die Screenings werden von Diskussionsrunden flankiert.

Filmdaten

Originaltitel
FREE LUNCH SOCIETY - KOMM KOMM GRUNDEINKOMMEN
Produktionsland
Österreich/Deutschland
Produktionsjahr
2016
Regie
Christian Tod
Buch
Christian Tod
Kamera
Lars Barthel · Joerg Burger
Schnitt
Cordula Werner · Elke Groen
Länge
94 Minuten
Kinostart
01.02.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Unvorstellbare Dinge geschehen. Die Geschichte der Menschheit hat es mehrfach gezeigt: Aufklärung, Industrialisierung, digitale Revolution, geopolitische Umwälzungen, die Globalisierung, der Fall der Berliner Mauer. Rückblickend erscheinen selbst die radikalsten Veränderungen plötzlich geradezu zwangsläufig. Deshalb ist es mehr als bloß ein erzählerischer Trick, wenn der österreichische Filmemacher Christian Tod die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens in seinem Dokumentarfilm „Free Lunch Society“ aus der fiktiven Perspektive des 24. Jahrhunderts präsentiert.

Doch obwohl er den Film mit einem Auszug aus der Serie „Star Trek: The Next Generation“ eröffnet, in dem Captain Picard die Vorzüge einer geldfreien Gesellschaft erläutert, will Christian Tod das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens keineswegs in die Nähe von Science Fiction rücken. Vielmehr animiert er die Zuschauer, sich von tradierten Denkschemata zu lösen und einmal über den Tellerrand des kapitalistischen Arbeitsbegriffs hinauszublicken.

Vom Standpunkt einer imaginierten Zukunftsgesellschaft, in der das Grundeinkommen für alle längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist, rekapituliert der Film die wichtigsten „Argumente für“ und die häufigsten „Vorurteile gegen“ das Prinzip einer pekuniären Grundversorgung. Allein schon an dieser Formulierung wird deutlich, dass Tod mit der utopischen Perspektive auch eine entsprechende Haltung einnimmt.

„Free Lunch Society“ ist eine nur im Ton konziliante filmische Streitschrift für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Zu keiner Zeit gibt der Film vor, neutral oder objektiv zu sein. Eine differenzierte, ausgewogene Darstellung darf man daher auch nicht erwarten. Lässt man sich darauf ein, wird man mit einer abwechslungsreich inszenierten und auch visuell ansprechenden Kinoreise belohnt, die nicht nur durch die jüngsten Diskussionen rund um den Globus führt, sondern auch einige erstaunlich weit zurückreichende historische Ansätze und Auseinandersetzungen mit im Programm hat.

So entwickelte der US-Ökonom Milton Friedman bereits in den 1960er-Jahren das Konzept einer „negativen Einkommenssteuer“. Martin Luther King sprach sich angesichts der schon damals virulenten Automatisierung und Digitalisierung ebenfalls für ein Grundeinkommen aus. Und selbst US-Präsident Richard Nixon warb mit seinem „Family Assistance Plan“ für ein staatlich garantiertes Mindesteinkommen. Letztlich jedoch vergeblich. Noch in den 1970er-Jahren wurden in den USA mehrere Experimente mit Probanden durchgeführt, die vorübergehend ein Grundeinkommen erhielten. Die Ergebnisse der Studien aber wurden nie vollständig ausgewertet. Stattdessen setzten sich unter der Präsidentschaft von Ronald Reagan neoliberale Prinzipien durch. Die Idee eines allgemeinen Grundeinkommens geriet beinahe in Vergessenheit, ehe sie in den vergangenen Jahren in den USA, Deutschland, der Schweiz, aber auch Namibia eine gewaltige Renaissance erlebte.

„There’s No Such Thing as a Free Lunch“: Mit dieser Redewendung verweisen Gegner des Grundeinkommens gerne auf die dadurch entstehenden Kosten, derer sich die prominenten Befürworter durchaus bewusst sind. Götz Werner, der Gründer des Drogeriemarkts „DM“, der libertäre Politikwissenschaftler Charles Murray, Daniel Häni, der die Schweizer Initiative Grundeinkommen ins Leben rief, oder Zephania Kameeta, der namibische Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt, sind nur einige derer, die im Film zu Wort kommen und die den Regisseur Christian Tod bei seiner Mission unterstützen, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen.

Tod ist Diplom-Volkswirt und arbeitet an einer Dissertation zum Thema des bedingungslosen Grundeinkommens. Inhaltlich steht die Dokumentation trotz ihrer unverhohlenen argumentativen Einseitigkeit damit auf stabilen Füßen. Dass Tod aber mehr ist als ein Wissenschaftler, der seine Lieblingsthesen vor die Kamera holt, zeigt sich in den von den Kameramännern Lars Barthel und Joerg Burger wunderbar eingefangenen Landschafts- und Stadtbildern, dank derer sich der Film auf Kinobreite dehnt und die ihm gemeinsam mit dem narrativen Science-Fiction-Dreharbeiten eine sehr eigene, mitunter fast meditative Atmosphäre verleihen. Schnee, der vor einer Bahnschranke über eine verlassene Straße weht oder Häuserschluchten mit bunt blinkenden Reklameflächen: Es sind nur wenige, einfache Impressionen, mit denen es dem Regisseur jedoch gelingt, seine Utopie von einem bedingungslosen Grundeinkommen in eine Kinovision zu verwandeln.

Der Film ist am 1.2. in zahlreichen Kinos und anderen Veranstaltungsorten zu sehen und soll von Diskussionen flankiert werden. Eine Übersicht über die Spielstätten findet sich hier.

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