Dokumentarfilm | Dänemark 2017 | 90 Minuten

Regie: Kaspar Astrup Schröder

Dokumentarisches Porträt des dänischen Star-Architekten Bjarke Ingels (Jahrgang 1974), der mit gewagten Entwürfen von sich reden macht, in denen Nachhaltigkeit und schnörkellose Benutzerfreundlichkeit zusammenfinden. Der über einen Zeitraum von fünf Jahren entstandene Film zeichnet das Bild eines rastlosen Erfolgsmenschen. Allerdings nützt sich die Stilisierung zum getriebenen Genie auf Dauer erheblich ab. Kalkulierte Einblicke in Ingels’ Privatsphäre inklusive drohender Erkrankung und einer hollywoodreifen Hochzeit rücken die anfangs recht informative Dokumentation an den Rand eines eitlen PR-Vehikels.

Filmdaten

Originaltitel
BIG TIME
Produktionsland
Dänemark
Produktionsjahr
2017
Regie
Kaspar Astrup Schröder
Buch
Kaspar Astrup Schröder
Kamera
René Johannesen · Boris B. Bertram · Henrik Ipsen
Schnitt
Bobbie Esra Geelmuyden Pertan · Cathrine Ambus · Kaspar Astrup Schröder
Länge
90 Minuten
Kinostart
08.02.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Bildende Künstler sind in jüngster Zeit immer häufiger in den Fokus von Filmemachern geraten, etwa Gerhard Richter, Joseph Beuys, Paula Modersohn-Becker, Paul Cézanne, Alberto Giacometti, Paul Gauguin oder Auguste Rodin. Mit Bjarke Ingels steht nun auch einmal ein zeitgenössischer Architekt vor der Kamera. Der 1974 geborene Däne hat mit seinem Büro Bjarke Ingels Group (BIG) den Aufstieg in Siebenmeilenstiefeln geschafft. Ästhetische Raffinessen stehen bei ihm eher im Hintergrund; was zählt, ist Nachhaltigkeit und schnörkellose Benutzerfreundlichkeit. Glaubt man Ingels’ Mutter, hat alles mit Comics angefangen. Der Musterschüler, so die Legende, der nie Hausaufgaben zu machen brauchte, habe nie an ein Architekturstudium gedacht, bis ihm die Eltern ohne Ankündigung einen Studienplatz besorgten. Seit seinem ersten umgesetzten Entwurf, einem Vereinsheim für einen Schwimmklub in Kopenhagen, schließt sich ein preisgekröntes Projekt an das nächste an. Darunter finden sich Museumsbauten, ein Kraftwerk mit einer Skipiste auf dem Dach, Wohnkomplexe, Hochhäuser und sogar ein Gebäude auf dem Areal des World Trade Centers in New York. Unter der Aufsicht des Star-Architekten Daniel Libeskind zeichnet Ingels für das „World Trade Center 2“ verantwortlich. Während in der Zentrale in Kopenhagen Hunderte von Mitarbeitern an Computern werkeln, ist der Chef, der gerne banale Weisheiten wie „Es geht nur darum, abstrakte Ideen real werden zu sehen“ von sich gibt, mit einem kleinen Team längst nach New York gezogen. Man folgt dem rastlosen Macher beim Joggen am Ufer des East River oder im Taxi, wo er im Stau stecken bleibt und lieber zu Fuß weiterläuft, wobei er die Gebäude um ihn herum im Eiltempo studiert. Gelegentlich steigt er auch aufs Fahrrad, um Investoren zu treffen. Der mit einer unaufdringlichen Geigenmusik unterlegte Film nimmt die Herausforderung an und springt mit Ingels zwischen den Orten seiner Projekte hin und her. Wenn er bei einer Einweihung nicht gerade Mitgliedern des dänischen Königshauses begegnet, auf riesigen Baustellen herumspaziert, über den Druck zu Kompromissen sinniert, in Talkshows sein Image schärft oder sich über sein Porträt im „New Yorker“ freut, zerbricht er sich über die neuesten Umsatzzahlen den Kopf oder erzählt mit energiegeladener Begeisterung über Pläne und Ideen, die er natürlich längst als Comic veröffentlicht hat. Man spürt in jeder Einstellung, dass der Regisseur Kaspar Astrup Schröder das Objekt seiner fünfjährigen Beobachtungen bewundert; allzu häufig lässt der Filmemacher die Kamera über die Silhouette von Manhattan schweifen oder im Flug über imposante Architekturen gleitet, die ihr Urheber aus dem Off kommentiert. Ingels Nennung im „Time Magazine“ als einer der 100 einflussreichsten Menschen wird ebenso zitiert wie Rem Koolhaas’ Einschätzung, dass der jüngere Kollege in der gleichen Liga wie die aus Silicon Valley spiele. Allerdings ermüdet die Stilisierung Ingels zum getriebenen Genie, dem die Beschränkungen eines 24-Stunden-Tages zu eng sind, spätestens in der zweiten Hälfte. Das hat auch der Regisseur bemerkt. Als nach einer Gehirnerschütterung die Möglichkeit eines Gehirntumors im Raum steht, begleitet er Ingels zum MRT. Einige Scans später sieht man den geknickten Patienten den medizinischen Befund studieren. Auf dem Dach einer Baustelle lauscht man dem Gespräch mit seiner Freundin und erfährt, dass keine Lebensgefahr besteht. Leider kommt man nach diesen dramaturgisch wertvollen Nebenwegen nicht umhin, die inszeniert wirkenden Momente als kalkulierte Einblicke in die Privatsphäre eines Überfliegers zu sehen, der menschlich erscheinen möchte. Die Botschaft, dass Erfolg nicht alles sei, wird überdies weiterverfolgt, und im Finale droht sogar eine hollywoodreife Hochzeit. Da kommt man nicht umhin, die anfangs recht informative Dokumentation in ein eitles PR-Vehikel abgleiten zu sehen. Was in gewisser Weise sogar beruhigend ist, denn sonst wäre die behauptete Hyperbegabung und Perfektion einfach nicht zu ertragen gewesen.
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