Drama | Großbritannien 2017 | 98 Minuten

Regie: Andy Nyman

Ein auf parapsychologische Phänomene spezialisierter Psychologe wird von einem totgeglaubten Kollegen herausgefordert, drei übernatürliche Vorkommnisse wissenschaftlich zu erklären. Der episodenhaft nach einem Bühnenstück gestaltete Film besticht durch die mit großer Sorgfalt inszenierte Beschreibung der Ängste und Zerrüttung der Protagonisten. Doch inszenatorisch zieht sich der Film allzu schnell auf etablierte Standards des filmischen Horrors zurück, die zwar effektiv, aber wenig originell eingesetzt werden.

Filmdaten

Originaltitel
GHOST STORIES
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2017
Regie
Andy Nyman · Jeremy Dyson
Buch
Andy Nyman · Jeremy Dyson
Kamera
Ole Bratt Birkeland
Schnitt
Billy Sneddon
Darsteller
Andy Nyman (Professor Goodman) · Martin Freeman (Mike Priddle) · Paul Whitehouse (Tony Matthews) · Alex Lawther (Simon Rifkind) · Nicholas Burns (Mark van Rhys)
Länge
98 Minuten
Kinostart
19.04.2018
Fsk
ab 16; f
Genre
Drama | Horrorfilm | Literaturverfilmung
Diskussion
Andy Nyman vermisst den Horror auf der Bühne. „Komplett irrsinnig und verrückt“, urteilt der Schauspieler, Autor und Regisseur, dass nur selten Genrestoffe fürs Theater geschrieben werden. Gemeinsam mit seinem Kindheitsfreund Jeremy Dyson machte er sich vor einigen Jahren deshalb daran, diesem Missstand abzuhelfen. Ihr Stück „Ghost Stories“ feierte 2010 im Liverpool Playhouse seine Uraufführung, schaffte den Sprung ans Londoner West End, nach Shanghai, Lima, Moskau und nun auch ins Kino. Ungeachtet des internationalen Bühnenerfolgs führt die Adaption aber jetzt vor Augen, warum das Grauen sich im Kino leichter tut. Immerhin muss ein gutes Horrorstück hervorragend, ja nahezu perfekt geschrieben sein. Die Manipulation des Blickfelds ist der Theaterästhetik so wenig eingeschrieben wie das entsetzte Gesicht in Großaufnahme; einem Theaterregisseur liefert sich das Publikum nie ganz aus, den Autoren dafür umso mehr. Eine einzige Beruhigung hält diese spezifische Filmvariante bereit: Es sprechen die Davongekommenen! Professor Philip Goodman hat sich darauf spezialisiert, angeblich übernatürliche Phänomene zu entlarven. Sein Vorbild in dieser Disziplin, der totgeglaubte Psychologe Charles Cameron, nimmt eines Tages Kontakt zu Goodman auf und fordert ihn heraus, drei Fälle zu erklären, vor denen er selbst kapitulieren musste. Diese Fälle sind Menschen, die durch die Begegnung mit dem Unerklärlichen zerbrachen, verzweifelten oder in ihren Tiefen erschüttert wurden. Ein Nachtwächter mit Alkoholproblemen und kranker Tochter, ein 20-Jähriger im erstickenden Elternhaus, ein Geschäftsmann, an dessen glatter Fassade scheinbar noch das Schlimmste abperlt. Gespielt werden sie von einem zerfurchten Paul Whitehouse, dem zuckend-stammelnd-jammernden Alex Lawther und von Martin Freeman, der noch jede seiner Rollen mit Ironie aufladen konnte und hier absichtlich in ätzenden Sarkasmus kippt. Goodman, von Andy Nyman selbst gespielt, sucht sie an merkwürdigen Nicht-Orten auf, die dazu einladen, als Seelenlandschaften der Gesprächspartner interpretiert zu werden. Der Nachtwächter erzählt seine Geschichte in einem leerstehenden Pub, der nur schal vom Tageslicht erhellt wird; der Junge schleicht durch ein finsteres Reihenhaus, das selbst verwunschen erscheint; der Arrogante führt Goodman durch eine einsame Hochebene, um dort zu jagen. Das wären wunderbare Voraussetzungen, um weniger psychologischen Horror als die Psychologie des Horrors auszutesten: Was, wenn überhaupt, lebt in einem nach solch furchtbaren Erfahrungen noch weiter? Das erschien dem Autoren- und Regie-Duo Nyman & Dyson filmisch wohl nicht genug. Deshalb führt der Weg dorthin, wo das Genre schon tausendfach war: in die Nervenheilanstalt oder in den Wald. Dort gelten die Regeln, die immer schon galten. Die Dunkelheit suggeriert das Furchtbare; eine plötzliche Erscheinung, präsentiert mit einem schrillen Strich oder einem lauten Schlag, gibt ihm schemenhaft Gestalt. Das ist in seiner Schablonenhaftigkeit leidlich effektiv, weil sich mancher Schock, vor allem der akustisch induzierte, eben nicht durch Vorahnung abmildern lässt. Auch darin liegt die spezifische Kraft des Horrors im Kino. Aber dieses Wissen ist gefährlich; es lädt dazu ein, die Inszenierung stets nur auf das Erprobte, das Funktionale auszurichten. Den Regeln des Genres entsprechend, eskalieren Goodmans Nachforschungen irgendwann auf geradezu hysterische Art und Weise, die in den Marketingfloskeln des Films vom „puren Grauen“ und von Dingen raunen lässt, die „jenseits der Vorstellungskraft“ liegen. Tatsächlich aber wird „Ghost Stories“ mit beinahe jeder Minute schlechter, während die vagen Erinnerungen an einen besseren Film in ihm weiterspuken, etwa an einen traurigen Nachtwächter, der von sich und seinem Leben erzählen durfte, ehe zum ersten Mal die völlige Finsternis und ihre so wohlbekannten Kinder über die Leinwand hereinbrachen.
Kommentar verfassen

Kommentieren