Drama | Frankreich 2016 | 101 Minuten

Regie: Léa Mysius

Eine 13-Jährige macht mit ihrer Mutter und ihrer neugeborenen Schwester Urlaub an der französischen Atlantikküste. Ihr Aufenthalt wird von der Diagnose überschattet, dass sie bald erblinden wird. Der Schock über die Hiobsbotschaft verflüchtigt sich aber in eine aufkeimende Liebe zu einem älteren Jungen, mit dem das Mädchen rebellische Abenteuer erlebt. Das meisterhafte Adoleszenzdrama beschwört virtuos den Reichtum und die Gefährdungen dieses Lebensalters. Mit großer Souveränität entfaltet der Film die Lust an der Modellierung des Selbst, findet aber auch kraftvolle Bilder für Aggression, die es braucht, um sich von den elterlichen Modellen zu lösen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
AVA
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2016
Regie
Léa Mysius
Buch
Léa Mysius · Paul Guilhaume
Kamera
Paul Guilhaume
Musik
Florencia Di Concilio
Schnitt
Pierre Deschamps
Darsteller
Noée Abita (Ava) · Laure Calamy (Maud) · Juan Cano (Juan) · Tamara Cano (Jessica) · Ismaël Capelot
Länge
101 Minuten
Kinostart
27.09.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Jugendfilm
Diskussion
Der schwarze Hund ist der Vorbote seines Herrn. Ava steht im Badeanzug am Strand eines französischen Küstenortes und beobachtet das durch die Menge streifende Tier. Ihr Auge fällt auf sein dichtes, glänzendes Fell. Es schnüffelt herum, stibitzt von ihren Pommes frites, nimmt die Fährte eines anderen Geruchs auf. Bald erblickt die 13-Jährige seinen Besitzer: einen jungen Mann, zu dem sie sich vom ersten Moment an hingezogen fühlt. Er macht wie sie den Eindruck eines Außenseiters und Störenfrieds. Sie beide sind nicht vom Schicksal verwöhnt. Er campiert am Strand, in einem der Bunkerreste aus dem Zweiten Weltkrieg; sie macht Urlaub mit ihrer Mutter und der neugeborenen Schwester, muss aber primär mit der Diagnose fertig werden, dass sie bald erblinden wird. Der Hund führt die beiden zusammen. Er steht sinnbildlich für das Leben, seine quirlig-vitalen und sinnlichen Aspekte, aber auch für die traurigen, melancholisch-destruktiven Seiten; sein tiefschwarzes Äußeres erinnert an Anubis, einen ägyptischen Totengott. Das elektrisierende Adoleszenzdrama von Léa Mysius lebt von diesem Spannungszustand. Die Regisseurin versteht es meisterhaft, die wechselhaften Zustände dieser nicht einfachen Lebensphase in Bilder zu kleiden. Expressiv setzt sie dafür die verschiedensten Mittel ein, leuchtende Farben, das Spiel von Licht und Schatten, das Ineinanderfließen von Traumwelt und fiktiver Realität, Voice-Over oder Splitscreen; filmgeschichtlich spielt das Gangsterdrama „Bonnie und Clyde“(fd 15 130) eine Rolle. Die Hauptfigur gewinnt dadurch Tiefe und Vielschichtigkeit; die erregende Buntheit des Lebens und der Ausdrucksreichtum des Kinos blitzen darin auf. Während Ava im ersten Teil mit sich selbst beschäftigt ist und sich dem jungen Fremden nähert, wandelt sich der Film im zweiten Teil in die Gestalt eines sich von dieser Realität lösenden Road Movies, als sie sich mit ihm auf einem Motorrad aus dem Staub macht. Ava sieht sich mit dem Erlöschen ihres Sehsinnes ausgerechnet in dem Alter konfrontiert, in dem ihre Sinnlichkeit erwacht, sich ihre Wahrnehmung extrem steigert und das begehrte Objekt mit den Augen geradezu verschlungen wird. Ihr Handeln ist sprunghaft, immer auch von Trotz, Wut und Zorn angetrieben, auf die Krankheit, auf künftige Entbehrungen, die fehlende Einfühlung ihrer Mitmenschen. Angesichts des langweiligen Küstenorts verspürt sie umso mehr einen unstillbaren Hunger nach Abenteuern; manchmal neigt sie deshalb zu grandiosen Posen. Nach der Konfrontation mit der grässlichen Diagnose will sie zunächst die Krankheit, ihren Schock und ihre Ängste kontrollieren. Bei ihrer Mutter findet sie dabei wenig Unterstützung. Sie verspricht Ava zwar, ihr einen erinnerungswürdigen Sommer zu bereiten, doch angesichts der aufblühenden Tochter ist sie mehr mit der Frage beschäftigt, ob sie selbst noch begehrenswert ist, und bandelt ebenfalls mit einem Mann an. Auf diese Weise kann sich Ava aber mehr und mehr aus den Fängen der Mutter befreien. Sie verschafft sich selbst den aufregendsten Sommer ihres Lebens, lebt im Hier und Jetzt, statt in Gedanken die Erblindung schon vorwegzunehmen. Der erste Schritt dazu ist der Gang an den einsamen Strand, dorthin, wo sich der junge Mann herumtreibt. In einer großartigen Szene verdichtet Mysius, was Ava bei ihm sucht und findet. Ava und ihr Gefährte haben ihre Körper mit am Strand gefundenen Materialien geschmückt. Statt sich nach Art ihrer Mutter zu schminken, reibt sich Ava die Haut mit grauem Schlamm ein und piekst sich trockene Ästchen und Strandhafer ins hochgesteckte Haar. Man sieht zwei stolze Angehörige eines wilden Stammes vor sich stehen. Ein Gewehr im Anschlag, schrecken sie nackte Sonnenanbeter auf und treiben sie lustvoll vor sich her. In diesen Bildern bündeln sich die Themen des Lebensalters: die Ausgelassenheit, die Sorglosigkeit, der Spaß an der Selbstmodellierung und am Sich-Verkleiden, der Wunsch, zu experimentieren und einen eigenen Lebensentwurf zu entwerfen, die kreative Energie, sich in einer modernen Gesellschaft mit archaischen Ritualen selbst zu versorgen. Und natürlich auch die Aggression, die es braucht, sich von den Lebensmodellen der Eltern zu lösen. „Ava“ von Léa Mysius ist ein Glücksfall fürs Kino. Man wünscht sich mehr von solchen Filmen.
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