Coming-of-Age-Film | Schweiz 2017 | 97 Minuten

Regie: Lisa Brühlmann

Nach dem Umzug in eine neue Stadt steht eine 15-Jährige vor einem schwierigen Neuanfang. Während sie sich von ihren Eltern absondert und mutmaßt, dass sie adoptiert sein müsse, stürzt sie sich vehement in neue Schulfreundschaften, Partys, Abenteuer mit Jungs und illegale Raubzüge. Doch weder Sex noch Drogen können verdrängen, dass sich ihr Körper in einem rätselhaften Maße verändert. Ambitionierte Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, Fantasy- und Horrorfilm, die das Sujet der Körperverwandlung ebenso spannend wie rätselhaft durchdekliniert. Vorzüglich fotografiert und gespielt, interpretiert der Film das Drama der Pubertät auf originelle Weise neu und fordert in seiner lustvollen Grenzüberschreitung heraus. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
BLUE MY MIND
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2017
Regie
Lisa Brühlmann
Buch
Lisa Brühlmann
Kamera
Gabriel Lobos
Musik
Thomas Kuratli
Schnitt
Noemi Katharina Preiswerk
Darsteller
Luna Wedler (Mia) · Zoë Pastelle Holthuizen (Gianna) · Regula Grauwiller (Gabriela) · Georg Scharegg (Michael) · Lou Haltinner (Nelly)
Länge
97 Minuten
Kinostart
01.11.2018
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Coming-of-Age-Film | Horrorfilm
Diskussion

Eine 15-Jährige erlebt in der Pubertät, wie ihr Körper über das erwartbare Maß hinaus beängstigende Veränderungen durchmacht. Ambitionierte Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, Fantasy- und Horrorfilm als Regiedebüt der Schweizerin Lisa Brühlmann.

Mia hat das erste Mal ihre Tage bekommen, und plötzlich ist nichts mehr, wie es mal war. Kein Grund zur Sorge, denkt man da und lässt im Stillen die übliche Leier los: Das ist normal mit 15, das sind die Hormone, du bist jetzt eben in dem Alter, in dem sich dein Körper verändert und du zur Frau wirst und die Welt manchmal Kopf steht und so weiter und so fort. Doch bei Mia läuft es tatsächlich anders, so viel anders, dass sie nicht weiß, ob und mit wem sie darüber reden kann. Es ist nicht ihre Monatsblutung, die Mia verstört, sondern vielmehr die Tatsache, dass seit dem Beginn ihrer Periode zwischen ihre Zehen dicke Schwimmhäute wachsen. Schon Tage vorher überkamen sie seltsame Gelüste. Einmal griff sie im Wohnzimmer ins Aquarium und verschlang gierig zwei Zierfische, das andere Mal stand sie mitten in der Nacht auf, um ein großes Glas Wasser mit Salz zu trinken. Und nun wachsen ihre Zehen zusammen, ihre Beine sind bald mit blauen Flecken übersät und schließlich bilden sich dort dicke, schimmernde Hornschichten. Alle Versuche, diese Veränderungen wegzuschnippeln und abzuschaben, führen zu nichts außer zu blutenden Wunden, Tränen und noch mehr Verzweiflung.

Es ist schon erstaunlich, dass man über das Erwachsenwerden immer wieder neue und andere Geschichten erzählen kann. Dass die Pubertät der wahre Horror sein kann, weiß man aus eigener Erfahrung oder aus Filmen von „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ (1976) bis „Der Nachtmahr“ (2015). Dabei beginnt „Blue My Mind“, der Debütfilm der Schweizer Regisseurin Lisa Brühlmann, klassisch nach gängigem Schema. Mia ist nämlich die Neue. „Warum kommst du mitten im Schuljahr? Bist du gemobbt worden?“, will ein Mädchen wissen. Nein, der Vater hat einen neuen Job, deshalb wohnt sie jetzt in Zürich, in einem schicken, aber trostlos grauen Neubaublock. Mit ihren Eltern kann Mia schon lange nicht mehr und mit den einsetzenden körperlichen Veränderungen verhärtet sich bei ihr der Verdacht, dass sie adoptiert wurde. Und natürlich gibt es auch die coole Clique mit Jungen, die sich wie Hengste verhalten, wenn sie nicht gerade mit dem Controller in der Hand Krieg spielen, und mit Mädchen, die sich ihrer Ausstrahlung und der damit verbundenen Macht sehr bewusst sind. Im Mittelpunkt steht die langhaarige Gianna, die mit ihren beiden Freundinnen macht, was sie will. Sie rauchen, klauen, saufen, nehmen Drogen, haben Sex, und genau das alles will Mia auch. Sie will dazugehören und sie schafft es auch und stürzt sich fortan ins wilde Leben, während sie sich langsam, aber unaufhaltbar in eine Meerjungfrau verwandelt.

Mit dieser Verwandlung bricht Lisa Brühlmann, die auch das Drehbuch geschrieben hat, das gängige Erzählmuster ihrer intensiven und bildstarken Coming-of-Age-Geschichte auf. Denn Mias drastische Metamorphose hat nichts Liebliches, nichts Romantisches. Sie ist keine Arielle, sie muss auch nicht von einem edlen Prinzen erlöst werden. Im Gegenteil. Nur knapp entkommt sie einer Gruppenvergewaltigung. Die Kerle und Männer sehen nur ihre Lippen, ihre Haare, ihren Körper und wollen das haben. Mia verliert immer mehr die Kontrolle. Ihre körperlichen Veränderungen überfordern sie und führen dazu, dass sie sich mit Pillen und Wodka betäubt und halb bewusstlos von einem Exzess in den nächsten taumelt. „Alles ist anders. Ich mache Sachen, die ich nicht möchte oder die ich nicht von mir kenne“, erzählt sie der Therapeutin, zu der ihre ratlosen Eltern sie geschleppt haben. Doch Mia, eindrucksvoll verkörpert von Luna Wedler, die aktuell auch als Titelfigur in „Das schönste Mädchen der Welt“ zu sehen ist, ist kein Opfer. Natürlich kann man ihre Verwandlung in ein Fabelwesen als Gleichnis für die Pubertät lesen. Allerdings versteht man zunehmend, dass diese Welt für sie eine Zumutung ist. Als das Mädchen endlich sein neues Ich akzeptiert, weiß es, dass es in einem anderen Umfeld leben muss und kann dabei auf Gianna zählen, die eine echte Freundin geworden ist. Und so kehrt Mia an den Ort zurück, an dem alles begonnen hat und wo sie frei leben kann.

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