Biopic | USA 2017 | 119 Minuten

Regie: David Gordon Green

Beim Terroranschlag auf den Boston Marathon im Jahr 2013 verliert ein junger Mann beide Beine, kann aber die Beschreibung eines der Attentäter geben. Seine plötzliche Berühmtheit wirkt sich allerdings erschwerend auf seine Genesung und die Rückkehr in den Alltag aus, da vor allem der psychische Heilungsprozess gestört wird. Die Inszenierung will mit quasi-dokumentarischen Mitteln die Rehabilitation des schwerverletzten Opfers nachzeichnen, verheddert sich aber in klischeehaften Beschreibungen des privaten Umfelds. Dadurch wird eine tiefer lotende Beschäftigung mit dem Trauma des Überlebenden verpasst. Auch unterbleibt eine kritische Hinterfragung des dem Opfer aufgezwungenen Heldenbildes.

Filmdaten

Originaltitel
STRONGER
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
David Gordon Green
Buch
John Pollono
Kamera
Sean Bobbitt
Schnitt
Dylan Tichenor
Darsteller
Jake Gyllenhaal (Jeff Bauman) · Tatiana Maslany (Erin Hurley) · Miranda Richardson (Patty Bauman) · Richard Lane jr. (Sully) · Clancy Brown (Big Jeff)
Länge
119 Minuten
Kinostart
19.04.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Biopic | Drama
Diskussion

Es ist anscheinend schwer, einen Film über die Opfer des Terroranschlags auf den Boston Marathon im Jahr 2013 zu machen, der nicht in patriotischen Gefühlen steckenbleibt. Man muss Regisseur David Gordon Green zugestehen, dass er es zumindest versucht hat. Aber gelungen ist es ihm nur in wenigen Szenen. Sein Film unterscheidet sich zwar deutlich von „Patriots Day“ (2016, deutscher Titel: „Boston“ (fd 44 489)), trägt aber nur wenig zur Analyse der Hintergründe des Rummels um Jeff Bauman bei, der bei dem Anschlag beide Beine verlor, aber noch halb im Koma dem FBI eine Beschreibung eines der beiden Attentäter gab. Wenn überhaupt etwas für den Film einnimmt, dann ist es die schauspielerische Leistung von Jake Gyllenhaal. Doch auch der kann nicht verhindern, dass „Stronger“ immer wieder in Klischees abdriftet, die die guten Absichten torpedieren. Viel zu oft wird Jeffs privates Umfeld ausgeleuchtet, vor allem seine kettenrauchende, meist betrunkene Mutter, deren Gedanken mehr Jeffs wachsender Berühmtheit gelten als den Bedürfnissen ihres Sohnes. Ein Auftritt bei Oprah Winfrey ist ihr wichtiger als ein Badezimmer, das für seine Bedürfnisse geeignet wäre. 

Green inszeniert zwar manchmal mutig gegen die Kakophonie der Arbeiterklasse an, verliert dabei aber immer wieder aus dem Auge, worum es bei einem Rückblick auf diesen die ganze US-Nation erschütternden Terroranschlag und auf die traumatischen Folgen für Betroffene gehen sollte. Außen vor bleibt auch, was den Täter Tamerlan Tsarnaev und seinen Bruder zu der schrecklichen Tat motiviert hat. Keine Antwort gibt der Film auch auf die Frage, warum dem schwerletzten Bauman sogleich ein Heldentum angedichtet wurde, was dessen Umgang mit den psychischen Folgen des Attentats sehr erschwerte.

Politische Konnotationen, die so ungeheuer wichtig wären, meidet die Inszenierung wie Gift. Stattdessen zieht sich die komplizierte Liebesbeziehung des beinamputierten Jeff zu seiner Freundin als roter Faden durch den Film. Nicht einmal ein Happy End wird dem Publikum erspart, obwohl der wirkliche Jeff Bauman inzwischen von der Frau, die er heiratet, als sie von ihm schwanger wird, bereits wieder geschieden ist.

Auch als ein Film, der sich quasi-dokumentarisch mit der Rehabilitation von Schwerverletzten beschäftigt, tritt „Stronger“ zu kurz. Die Inszenierung gestattet zwar ausführliche Blicke auf den schmerzhaften und langwierigen Heilungsprozess, sucht ihr Heil aber gleich wieder bei fotogeneren Buddy- und Familienszenen. Der Umgang mit posttraumatischem Stress hätte einen mutigeren, kritischeren und vor allem hilfreicheren Film verdient gehabt. So ist „Stronger“ letztlich nicht mehr als ein langer und oft sogar langweilender Film voll guter Absichten, der die vielen Fragen, die sich bei Sehen aufdrängen, nicht beantwortet und auch keine neuen Fragen stellt, die das beunruhigende Thema vertiefen würden.

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