Geniale Göttin - Die Geschichte von Hedy Lamarr

Dokumentarfilm | USA 2017 | 89 Minuten

Regie: Alexandra Dean

In den 1940er-Jahren stieg die österreichische Jüdin Hedwig Eva Maria Kiesler in Hollywood unter dem Künstlernamen Hedy Lamarr (1914-2000) zum Star auf. Während sie als Filmdiva weltweit verehrt wird, ist ihre naturwissenschaftliche Begabung weitgehend unbekannt. Lamarr trug in den 1940er-Jahren maßgeblich zur Erfindung des Frequenzsprungverfahrens bei, das für drahtlose Datenübertragungen wesentlich ist. Erst kurz vor ihrem Tod erhielt sie die Anerkennung für ihre technischen Errungenschaften. Der Dokumentarfilm rekonstruiert die weitgehend unbekannte Geschichte mit Hilfe verloren geglaubter Sprachaufnahmen Lamarrs sowie Interviews mit Angehörigen, Freunden und Bewunderern. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
BOMBSHELL: THE HEDY LAMARR STORY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Alexandra Dean
Buch
Alexandra Dean
Kamera
Buddy Squires · Alex Stikich
Musik
Keegan DeWitt · Jeremy Bullock
Schnitt
Lindy Jankura · Alexandra Dean · Penelope Falk
Länge
89 Minuten
Kinostart
16.08.2018
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Künstlerporträt

Heimkino

Verleih DVD
EuroVideo (16:9, 1.78:1, DD5.1 engl./dt.)
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Dokumentarisches Porträt von Hedy Lamarr, die als Filmdiva in den 1940er-Jahren Erfolge feierte, während ihre naturwissenschaftliche Begabung, der u.a. zu maßgeblichen Erfindungen im Bereich der drahtlosen Übertragung führte, unbekannt blieb.

Diskussion

Es lohnt sich, den Auftritt der US-Schauspielerin Hedy Lamarr (1914-2000) in der „Merv Griffin Show“ im Jahr 1969 auf Youtube anzusehen und nachzuerleben, wie sie auch mit Mitte 50 noch auf Männer wirkte. Eine Frau von blendender Schönheit, deren intellektuelle Brillanz wohl genau deshalb schwer unterschätzt wurde. Das Filmporträt von Alexandra Dean zeigt nur in einem kurzen Zusammenschnitt, wie sich die Schauspielerin, die zehn Jahre lang nicht mehr im Licht der Öffentlichkeit gestanden hatte, in dieser Talkshow präsentierte. Sie kündigt ein Buch an, in dem sie eine unbekannte Seite von sich enthüllen wollte. Moderator Griffin und sein Talkgast Woody Allen gehen witzelnd darüber hinweg. Was soll schon gemeint sein? Nach kurzer Plauderei über Hollywood, Glamour und Schönheit wird die Besucherin hinauskomplimentiert. Das Buch hat Hedy Lamarr nie geschrieben.

Der Blick hinter das Star-Image fördert bei Lamarr allerdings wirklich Aufregendes zutage. Die 1914 in Wien als Hedwig Kiesler geborene Schauspielerin entfachte mit Nacktszenen in Gustav Machatys Spielfilm Ekstase (1933) einen Skandal. Ab 1938 reüssierte sie in Hollywood, doch schon Samson und Delilah von Cecil B. DeMille besiegelte ihre Karriere. Ihr Ruhm als „most beautiful girl in the world“ war größer als die Qualität ihrer Filme. Doch da gibt es auch noch die unwahrscheinliche, aber wahre Geschichte der unterforderten Traumfabrik-Arbeiterin, die eine Erfinderin war.

Gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil entwickelte Lamarr im Zweiten Weltkrieg eine codierte Funkfernsteuerung für Torpedos, die 1942 patentiert wurde, aber bis Kriegsende nicht zum Einsatz kam. Lamarrs geniale Idee des Frequenzsprungverfahrens, das die Projektile für Störmanöver unempfindlich machen sollte, wurde ab Mitte der 1950er-Jahre vom US-Militär genutzt, ohne dass die Urheberin dafür gewürdigt oder finanziell beteiligt worden wäre. Heute ist Lamarrs „frequency hopping“ unabdingbar für eine sichere Kommunikation. Der Marktwert der für GPS, WLAN und Bluetooth genutzten Technik wird auf 30 Milliarden US-Dollar geschätzt, heißt es am Ende des Dokumentarfilms.

Dass an Lamarr eine große Wissenschaftlerin verloren ging, ist seit 25 Jahren bekannt. Ihr „Doppelleben“ war auch schon in Hedy Lamarr – Geheimnisse eines Hollywoodstars von Fosco und Donatello Dubini ein Thema. Alexandra Dean hakt genauer nach und überzeugt durch manche Präzisierung speziell im ingenieurstechnischen Bereich. Die Animationen der Illustratorin Jennifer Hom machen auch Laien begreiflich, wie die Frequenzsprungtechnik und ihre Anwendungen funktionieren. Allerdings führt der feministische Furor, mit dem Dean zu Werk geht, mitunter zu einer Art visuellen Schnappatmung. Es wirkt hektisch, wenn die Filmemacherin nahezu jede inhaltliche Aussage und jeden O-Ton-Schnipsel mit einem passenden (Archivfilm-)Bild oder Diagramm unterfüttert. Eine Dokumentation sollte keine Achterbahnfahrt sein, sondern Raum für Reflexionen lassen. Der formal wenig erfinderische Film setzt auf einen Mix aus Filmausschnitten, Archivmaterial und Talking Heads. Wobei sich die Mitwirkung von Prominenten wie Diane Kruger oder Mel Brooks kaum erschließt. Interessanter sind die Perspektiven der Familienmitglieder; Lamarr war siebenmal verheiratet, hatte zwei leibliche Kinder und einen Adoptivsohn; ihre Lebensgeschichte würde als Filmskript vermutlich abgelehnt: zu absurd.

1933, im Jahr des „Ekstase“-Skandals, heiratete die Tochter wohlhabender Juden den Wiener Waffenfabrikanten Fritz Mandl, der trotz seiner jüdischen Herkunft Geschäfte mit Nazi-Deutschland machte und vergeblich versuchte, sämtliche „Ekstase“-Kopien aufzukaufen. 1937 floh sie aus dem goldenen Käfig in den Kleidern eines Dienstmädchens über Paris nach London und bucht mit ihrem letzten Geld eine Passage auf einem Luxusliner nach New York. Ihr Kalkül, mit dem an Bord befindlichen Hollywood-Studioboss Louis B. Mayer bekannt zu werden, ging auf: Bei der Ankunft in der USA hatte sie einen Vertrag mit MGM in der Tasche und einen neuen Namen. Als Hedy Lamarr verschwieg sie in Hollywood ihre jüdische Herkunft. Ihr Erfindertalent war ebenso wenig gefragt. Stattdessen schickte sie Mayer auf Kriegsanleihen-Tour.

Im Gegensatz zu Ingrid Bergman oder Katharine Hepburn ist Hedy Lamarr aber nicht als große Aktrice in die Filmgeschichte eingegangen. Vielleicht mangelte es ihr an Schauspieltalent, vielleicht wurde sie aber einfach auch nur unterschätzt und dementsprechend wenig gefördert. Lamarr wird oft mit dem Bonmot zitiert, dass sie bloß dämlich dreinschauen musste, um schön zu wirken. Wie die anderen Materialien sind allerdings auch die Filmausschnitte wenig mehr als ein Schmiermittel für die rasende Doku-Maschinerie. Es mag rechtliche Gründe geben, dass Lamarrs Filme nur kurz zitiert werden. Bedauerlich ist das Stückwerk auf jeden Fall, insbesondere angesichts von Machatys wunderbar lyrischem Ehedrama Ekstase, von dem man gerne eine längere Passage gesehen hätte.

Rund 20 Filme später versuchte sich die Schauspielerin in den späten 1940er-Jahren als Filmproduzentin, scheitert allerdings auch in diesem Metier. Auch das ist eine Lamarr-Episode, von der man wenig wusste. Es ist eine von vielen Facetten, aus denen das schillerndes Porträt einer „genialen Göttin“ erwächst. Lamarrs letzte Jahre waren von Medikamentensucht und missglückten Schönheitsoperationen überschattet. „Gedanken sind wichtiger als Aussehen“, hatte der Star behauptet, sich am Ende aber doch an Äußerlichkeiten geklammert. Doch selbst noch auf dem OP-Tisch meldete sie sich mit innovativen Ideen in eigener Sache zu Wort. Andere Altstars verlangten später Beauty-Korrekturen à la Lamarr. Sie war die Widersprüchlichkeit in Person, was ihr wohl selbst klar war und sie 1969 in der „Merv Griffin Show“ sagen ließ: „Ich bin eine ganz einfache, komplizierte Frau.“

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