Ab heute sind wir ehrlich

Komödie | Italien 2017 | 92 Minuten

Regie: Ficarra

Komödie über ein sizilianisches Städtchen, in dem der korrupte Bürgermeister durch einen politischen Neuling ersetzt wird. Als das neue Stadtoberhaupt sein Wahlprogramm umsetzt und Klientelismus, Korruption und lang gehegten Privilegien einen Riegel vorschiebt, wollen ihn die Bewohner schnell wieder loswerden. Die mit trockenem Witz inszenierte Typenkomödie entwirft einen Mikrokosmos liebevoll-bissiger Figuren, erschöpft sich dank einer soliden Story aber nicht in einer Nummernrevue. Auch wenn nicht jeder Witz zündet, funktioniert diese „verkehrte Welt“ als ebenso unterhaltsamer wie letztlicher bitterer Kommentar auf die italienische Gegenwart. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
L' ORA LEGALE
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2017
Regie
Ficarra · Picone
Buch
Edoardo De Angelis · Ficarra · Nicola Guaglianone · Picone · Fabrizio Testini
Kamera
Ferran Paredes
Musik
Carlo Crivelli
Schnitt
Claudio di Mauro
Darsteller
Ficarra (Salvo) · Picone (Valentino) · Vincenzo Amato (Pierpaolo Natoli) · Antonio Catania (Vigile Michele) · Sergio Friscia (Vigile Gianni)
Länge
92 Minuten
Kinostart
31.01.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie
Diskussion

In einem sizilianischen Städtchen wird der langjährige Bürgermeister abgewählt. Doch als sein Nachfolger seine Wahlversprechen wahrmacht und Klientelismus wie Korruption unterbindet, wollen ihn die Bürger schnell wieder loswerden. Ebenso heitere wie satirisch-bittere Typenkomödie.

„Wähle Patanè! Frage Dich nicht, warum!“ – Der (im italienischen Original gereimte) Slogan, mit dem der langjährige Bürgermeister von Pietrammare für seine Wiederwahl wirbt, ist immerhin ehrlich. Was aber auch schon das einzig halbwegs Positive ist, das sich über den korrupten Amtsträger sagen lässt, der mit seinem betonierten Grinsen nicht zufällig an Silvio Berlusconi erinnert. Mit seinem Klientelismus und einer großen Portion Schludrigkeit hat Patanè das kleine sizilianische Städtchen heruntergewirtschaftet. Der Müll türmt sich auf den verdreckten Straßen, Autos und Händler verstopfen den öffentlichen Raum, die Beamten verbringen ihre Tage in der Bar, und nur die Funktionäre profitieren von all dem und mehren unablässig ihren Reichtum.

Patanès einziger Gegenkandidat bei der Wahl ist Pierpaolo Natoli, ein Neuling auf dem politischen Parkett und in allem das pure Gegenteil des vulgären Politikers: ein durch und durch korrekter Lehrer, bescheiden und besonnen, der für „Veränderung“ und „Ehrlichkeit“ wirbt. Entgegen aller Prognosen gewinnt der Außenseiter die Wahl. Der „wind of change“ bläst durch den Ort.

Alle sind von der Mülltrennung überfordert

Doch die Euphorie weicht schnell einer Ernüchterung, als Natoli sein Wahlprogramm tatsächlich umsetzt – und die Bürger realisieren, dass „Veränderung“ und „Ehrlichkeit“ nicht umsonst zu haben sind. Den einen flattern Rechnungen über bislang unterschlagene Steuern ins Haus, andere müssen die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner entsorgen. Die kaffeeverwöhnten Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes werden zur Arbeit gescheucht, der fliegende Gemüsehändler wie auch der selbsternannte Parkplatzwächter verlieren die Lizenzen. Und alle sind mit der neuen Mülltrennung überfordert.

Natoli macht auch vor der eigenen Familie nicht Halt. Seine Schwager Salvo und Valentino, die die Bar des Ortes betreiben, müssen den Raum vor ihrem Lokal freimachen. Die beiden sind die eigentlichen Hauptfiguren des Films und werden von dem Komiker-Duo (Salvatore) Ficarra und (Valentino) Picone gespielt, das den Film auch inszeniert und am Drehbuch (mit-)geschrieben hat.

Ein wiedererkennbarer Mikrokosmos

„Ab heute sind wir ehrlich“ ist allerdings nicht nur eine Nummernrevue oder eine Zwei-Mann-Show; das Rückgrat der Komödie mit absurden Anklängen bildet vielmehr eine solide, gut strukturierte Story. Außerdem konzentriert sich der Film nicht nur auf die beiden „Stars“, sondern rückt das liebevoll-bissig gezeichnete Städtchen Pietrammare in den Mittelpunkt. Ficarra und Picone erschaffen einen Mikrokosmos, der zwar überzeichnet ist, aber viel mit dem aktuellen Italien zu tun hat, in dem (nicht nur) das italienische Publikum sich und seine Gewohnheiten, Wünsche und Heucheleien wiedererkennt.

Denn recht bald versuchen die Bürger geradezu verzweifelt, ihr allzu „korrektes“ Stadtoberhaupt wieder loszuwerden, was mit recht trockenem Witz inszeniert wird. Der Film funktioniert auch deshalb so gut, weil die Regisseure diese „verkehrte Welt“ so stoisch wie ohne Gnade durchexerzieren. So ereifern sich in einer wunderbaren Szene Bürger darüber, die im Rathaus Schlange stehen, dass sich die Verwandten des Bürgermeisters genauso wie alle anderen anstellen sollen: Ein Skandal, wo komme man da hin, wenn nicht einmal mehr Familienmitglieder kleine Privilegien genießen?

Es ist höchst komisch, wenn selbst die Benachteiligten auf der Beibehaltung der alten Sitten beharren. Sehr schön sind auch die szenischen Lösungen, mit denen die Protagonisten in verfahrenen Situationen „ihr Gesicht wahren“.

Vergnüglich heiter, satirisch-bitter

„Ab heute sind wir ehrlich“ überzeugt nicht durchwegs; nicht jeder Witz zündet, und auch Natoli und seine Tochter Betty bleiben als Figuren ziemlich blasse Idealisten. Doch insgesamt funktioniert der Film überraschend gut, sowohl als vergnügliche Komödie wie auch als politisch-moralischer und letztlich ziemlich bitterer Kommentar zur italienischen Gegenwart.

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