Der Geschmack von Leben

Komödie | Deutschland 2017 | 88 Minuten

Regie: Roland Reber

Eine muntere Videobloggerin fährt übers Land und sammelt Geschichten von Menschen ein, wobei sie zugleich ihre sexuellen Fantasien auszuleben versteht. In dem wilden Sammelsurium aus Road Movie, Traktat, Sexfilm und Talkshow geht es um Freiheit und Moral, Religion und Unterdrückung, um Lust und die Probleme des modernen Mannes. Ein heiter-trashiges, provokant-philosophisches Singspiel, das permanent und durchaus selbstironisch die Tonlagen wechselt, voller Widersprüche und Einsichten steckt und einer prinzipiell antiautoritären Haltung verpflichtet ist.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Roland Reber
Buch
Roland Reber · Mira Gittner · Antje Nikola Mönning
Kamera
Mira Gittner
Schnitt
Mira Gittner
Darsteller
Antje Nikola Mönning (Nikki) · Andreas Pegler (Jörg) · Wolfgang Seidenberg (Ludger) · Iris Boss (Jana) · Agnes Thi-Mai (Monika)
Länge
88 Minuten
Kinostart
22.02.2018
Fsk
ab 18; nf
Genre
Komödie | Sexfilm | Trashfilm
Diskussion
Die meist gut gelaunte Videobloggerin Nikki weiß eines ganz genau: „Das ist die wahre Freiheit des Menschen: zu entscheiden, was man schluckt!“ Und da sie gerne schluckt, was sie so schluckt, rät sie Männern im Allgemeinen und durchaus im eigenen Interesse: „Trinkt mehr Ananassaft!“ Mit einem Landrover fährt sie durchs Land, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen, die ihr Stoffe und „Fi(c)ktionen“ für ihren „Vlog“ liefern: „Mich interessieren nicht so sehr die Themen, die abends in den Nachrichten gezeigt werden, sondern mehr das, was die Menschen auf der Straße erzählen. Jeder Mensch hat ja eine Geschichte.“ Beim Geschichtensammeln ist sie gerne auch mal nackt, denn es geht um Themen wie Freiheit, Religion, Moral und Unterdrückung, natürlich um Lust, den modernen Mann und seine Probleme. Das hat aber auch damit zu tun, dass der Film von Roland Reber und seiner betont unkonventionellen „WTP“-Kommune stammt. Wenn ein Mann erst ins Grübeln und dann ins Erzählen kommt, wenn er sich existentielle Fragen über Leben und Tod zu stellen beginnt und ganz ergriffen vom eigenen Tiefsinn salbadert, dann zieht sich die Moderatorin Nikki lieber schnell aus, geht in die Hocke und verschafft dem eitel Sinnsuchenden sogleich Erleichterung. Wobei nicht auszuschließen ist, dass der Orgasmus des Mannes mehr der wohligen Selbstreflexion als Nikkis Einsatz geschuldet ist. „Der Geschmack von Leben“ ist Low-Budget: Traktat, Sexfilm, Road Movie und Talkshow in einem und zugleich eine seltsam trashige, frei flottierende Form von provokant-philosophischem Singspiel, in dem eine Verfechterin des Oralsexes auf den „Pimmelfürsten“ trifft und eine Sadomaso-Fantasie schon mal als Pseudo-Rammstein-Musikclip geboten wird. Scherz, Satire und tiefere Bedeutung. Weil hier umstandslos Einfälle realisiert werden, die nicht nur den bewussten Regelbruch thematisieren, sondern den Regelbruch auch pflegen, muss hier permanent mit allem gerechnet werden. Auch damit, dass ein Einfall verworfen wird, wenn er nicht trägt. Aber immerhin war es ein Einfall! So wird durch die Gegend gefahren, werden Anhalter mitgenommen, singt ein Engel in einem leeren Einkaufszentrum vom „Heideröslein“, steigt Jesus vom Kreuz und regt sich über „Schuld“ auf; nach einem Bad im See werden Würstchen gegessen, die allerdings „nicht so gut wie in Hof“ schmecken. Es gibt Doktorspiele, eine Sau im Unterholz und eine Musicalnummer im Swingerclub. Auch der Regisseur, gezeichnet von mehreren Schlaganfällen, hat einen Cameo-Auftritt mit mobilem Rollstuhl. Andererseits ist eine längere Invektive gegen die miefig-kleinbürgerliche „High life, low fat“-Kultur zu hören, die auch von der Suche nach einem „Gott der Kunst“ handelt, der nicht mit dem Gott der Klerikalen zu verwechseln sei. So variiert der Film permanent die Tonlagen, spielt mit dem Pathos anarchistischer Kulturkritik, um dieses gleich wieder durch Ironie, einen billigen Kalauer oder eine pornografische Sexszene zu hintertreiben. Immer wieder und auf vielerlei Ebenen wird der Regelbruch gepriesen, sei es durch das sommerliche Backen von Weihnachtsgebäck oder dem Spiel mit filmischen Konventionen des Erzählens oder des Schauspiels. Was hier zu sehen ist, ist widersprüchlich und lässt sich inhaltlich nicht auf den Punkt bringen. Worauf es ankommt, ist die prinzipiell antiautoritäre, allein dem Ausdruck des Individuums und seiner Idiosynkrasien verpflichtete Haltung, mit der hier das Filmemachen von einem eingeschworenen Team präsentiert wird. Insofern passt es gut ins Bild, wenn das Interesse der „Vlog“-Moderatorin Nikki in dem Moment zu erlöschen scheint, sobald das Gegenüber in die laufende Kamera zu sprechen beginnt. Diesen Eindruck hat man zwar im „richtigen“ Fernsehen auch häufig, doch was dort verärgert, ist hier konsequent subversiv. Weshalb der Film auch ohne Fördermittel produziert wurde und ohne Fernsehauswertung bleiben wird. Den „Geschmack von Leben“ gibt es (noch) nur im Kino.
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