Tomb Raider (2018)

Abenteuerfilm | USA/Großbritannien 2018 | 118 Minuten

Regie: Roar Uthaug

Weitere Verfilmung der Videospiele um eine schlagkräftige Millionenerbin, die zugleich als Startschuss für eine neue Filmreihe gedacht ist. Die idealistisch gestimmte Fahrradkurierin schlägt ihr Erbe aus, um sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Vater und dem Grabmal einer japanischen Herrscherin zu machen, deren Wiederauferstehung den Tod unzähliger Menschen nach sich ziehen könnte. Der perfekt getimte Actionfilm ist packend inszeniert, auch wenn die Handlung eine eher scherenschnittartige Geschichte entfaltet. Darin entdeckt die differenziert gezeichnete Protagonistin nach und nach ihre Berufung, ihre Talente und ihr Vermögen zum Wohl der Menschheit einzusetzen.

Filmdaten

Originaltitel
TOMB RAIDER
Produktionsland
USA/Großbritannien
Produktionsjahr
2018
Regie
Roar Uthaug
Buch
Geneva Robertson-Dworet · Alastair Siddons
Kamera
George Richmond
Schnitt
Stuart Baird · Tom Harrison-Read
Darsteller
Alicia Vikander (Lara Croft) · Dominic West (Lord Richard Croft) · Walton Goggins (Mathias Vogel) · Daniel Wu (Lu Ren) · Kristin Scott Thomas (Ana Miller)
Länge
118 Minuten
Kinostart
15.03.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Abenteuerfilm | Actionfilm
Diskussion

Was ist das für eine Anfangssequenz, mit der Regisseur Roar Uthaug seine Fortsetzung der „Tomb Raider“-Videogame-Reihe beginnen lässt: Da schwingt sich eine junge Frau im Kapuzenpulli auf ihr Fahrrad und rast als sogenannter „Fuchs“, benannt nach den berüchtigten britischen Treibjagden, durch die Straßen von London.

An ihrem Reifen klebt eine Horde männlicher Verfolger, auch Arbeitskollegen genannt, denen die Anfang 20-Jährige nicht nur an Wendigkeit, sondern auch an Cleverness immer eine Nasenlänge voraus ist – bis sie von einem Polizeiwagen zu Fall gebracht wird. Dieser Auftakt ist eine Initiation, die auch als Sinnbild über das Erscheinen von Lara Croft als erster weiblicher Superheldin in einem Meer männlich besetzter Action-Adventure-Computerspiele vor rund 22 Jahren funktioniert.

Die Fahrradjagd ist ebenfalls ein Spiel, allerdings im Wettstreit mit den Kollegen und um einen Einsatz von ein paar Hundert Pfund. Lara Croft wird hier nicht als aristokratische Millionärserbin eingeführt, sondern als kluge Fahrradkurierin, die statt des Studiums lieber Kickboxen betreibt, auch mal eine Niederlage einsteckt und mit der Auslieferung von Essen ihre Brötchen verdient. Das tonnenschwere Erbe steht dennoch bereit. Dafür müsste Lara aber ihren Vater Richard nach seiner siebenjährigen Abwesenheit für tot erklären lassen. Sie wäre innerlich auch endlich bereit dazu. Doch da kramt der Notar just im Moment der Unterschrift ein japanisches Zylinder-Puzzle aus seiner Aktentasche hervor.

Dieses Geschenk, das Lara im Todesfall ihres Vaters erhalten soll, beinhaltet einen rätselhaften Hinweis, der zu einer Seekarte nach Yamatai führt. Auf diese abgelegene japanische Insel wurde einst die „Mutter des Todes“, Herrscherin Himiko, verbannt, um ihren tödlichen Bann zu brechen. Vor seinem Verschwinden war Laras Vater Richard auf der Suche nach Himikos letzter Ruhestätte, von der er jetzt laut einer letzten Videobotschaft jeden Hinweis vernichtet wissen will. Ein schlechter Zeitpunkt, um alle Hoffnung in den Wind zu schlagen. Zusammen mit dem in Hongkong angetroffenen Seemann Lu Ren setzt sie Segel Richtung Yamatai. Dort leitet ein alter Widersacher ihres Vaters für einen ominösen Auftraggeber namens Trinity die Suche nach dem verborgenen Grabmal, stochert bislang aber im Dunkeln.

Im Videospiel „Tomb Raider“ konnte man über schmale Stege kraxeln, Steinwände hochklettern, Bögen spannen und knifflige Rätsel lösen. Es ging immer vorwärts; Flucht und Rückzug waren keine Option. Die neue Lara in Gesalt von Alicia Vikander aber vermag das alles; in Hongkong stellt sie schlagkräftig einer jungen Taschendieb-Bande nach, nimmt dann aber klug Reißaus, als ein Messer gezückt wird. Wie die junge Frau ihr zweites Erbe annimmt, nämlich sich mit ihren Talenten und ihrem Reichtum für die Menschheit einzusetzen, und wie sie den Mut dazu findet, erzählt der erste Teil eines offensichtlich als Fortsetzung angelegten Stoffs. 

Dabei hat Lara mit den neuen Blockbuster-Heldinnen „Wonder Woman“ (fd 44 763) oder Rey in „Star Wars“ (fd 43 580) neben der Haarfarbe eine Freundlichkeit und Zugänglichkeit gemeinsam, die die Femme-fatale-Heldinnen der zurückliegenden Blockbuster-Jahrzehnte nicht besaßen. Diese verjüngte Lara braucht auch kein „love interest“, um interessant zu sein. Weiter als von Angelina Jolies fast schon wächsernen Künstlichkeit mit übertriebenen Körperreizen, die in der Neuauflage der Spiele-Reihe deutlich minimiert wurden, könnte das fein geschnittene Gesicht von Alicia Vikander nicht entfernt sein. Sieht man sich die apostrophierte Krise der Männlichkeit an, ist diese einfühlsame, nahbare Gegenspielerin ja vielleicht die neueste Männerfantasie.

Wahrscheinlicher aber ist, dass mit der charakterlichen Ausdifferenzierung einer Figur wie Lara Croft auf den Games-Markt geschielt wird, der nicht nur mehr als Hollywood umsetzt, sondern seine zunehmend weiblichen Spielerinnen mit hochdotierten Actionspielen wie „Beyond: Two Horizons“ oder „Horizon Zero Dawn“ inklusive weiblicher Hauptfiguren bedient und somit sozusagen auch den Geschlechter-Horizont erweitert. Da macht es auch nichts, dass sich die neue „Tomb Raider“-Verfilmung selbst an den erzählerischen Routinen gängiger Abenteuer-Geschichten entlanghangelt. 

Das Aufregende am neuen „Tomb Raider“ ist denn auch nicht die Abfolge spannend getimter Actionsequenzen, sondern die Umformung einer ikonografisch gewordenen Computerspiel-Heldin in eine so zerbrechlich wie zäh wirkende, lebensechte Filmfigur. Das ist es, was der Spiele-Figur Lara Croft mehr Kontur verleiht, als es die gigantischen Rechenleistungen der neuen Konsolen je vermögen. Endlich gibt es mehr Role-Playing im Action-Adventure-Bereich, wenn die Pixelfrau zu Fleisch und Blut erwacht. Vielleicht folgt nach dem „Rise of the Tomb Raider“-Game von 2016 jetzt ja das umgekehrte Spin-off: von der Leinwand zur Konsole.

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