Dokumentarfilm | Großbritannien 2017 | 94 Minuten

Regie: Peter Webber

Zehn Jahre nach der von der BBC virtuos, aber auch recht substanzlos kompilierten Weltnaturdokumentation „Unsere Erde“ tragen 38 Kameraleute erneut überwältigende Eindrücke von Fauna und Flora aus vielen Länder und allen Klimazonen zusammen, die zu einem globalen Tag zusammengefasst werden. Der in Details brillante Film, eine Art „Best of“ aus der Tierwelt, verliert sich allerdings in kurzweiliger Reizüberflutung. Die Dokumentation setzt weniger auf Hintergründe als auf spektakuläre Bilder und unterhält zwanglos, wobei die deutsche Synchronisation des Off-Kommentars etwas steif ausfällt.

Filmdaten

Originaltitel
EARTH: ONE AMAZING DAY
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2017
Regie
Peter Webber · Fan Lixin · Richard Dale
Buch
Frank Cottrell Boyce · Geling Yan · Richard Dale
Kamera
Robin Cox · Max Hug Williams · Kevin Flay · Tom Walker · Steven Cassidy
Schnitt
Andi Campbell-Waite
Länge
94 Minuten
Kinostart
15.03.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm | Tierfilm
Diskussion

Was ist in den vergangenen zehn Jahren eigentlich mit der Welt passiert? Betrachtet man die Alarmzeichen der Natur, den fortschreitenden Klimawandel, die Ozeane voller Plastikmüll oder das Ausscheren der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen, kommt man um die Feststellung kaum umhin: nichts Gutes.

Vor einem guten Jahrzehnt hatte der Regisseur Alastair Fothergill in seinem Dokumentarfilm „Unsere Erde“ (fd 38 751) den mutigen Ansatz verfolgt, die atemberaubende Schönheit des globalen Ökosystems ins Bewusstsein zu heben, das die Menschheit mutwillig zu vernichtet droht. Seine Hoffnung bestand darin, dass die Menschen angesichts der überwältigenden Natur erkennen, was sie zerstören – und ihr Tun überdenken. Ein frommer, durchaus nicht abwegiger Wunsch. Doch an den Schaltstellen der Macht setzten die Entscheider aus „Habgier und Ignoranz“ (Stephen Hawking) alles daran, den Planeten innerhalb des nächsten Jahrhunderts zu vernichten.

Auch die Fortsetzung „Unsere Erde 2“ gibt dies am Ende zu bedenken. Doch der moralische Zeigefinger reicht gerade mal für ein paar Minuten schlechten Gewissens. Ansonsten steht das Staunen im Vordergrund: Seht her! Schaut euch an, wie die Welt sein kann, wenn der Mensch sie in Ruhe lässt! Und die optische Überwältigungsstrategie der Inszenierung ist auch zehn Jahre nach dem ersten Teil schlicht grandios. 38 verwegene Kameraleute haben sich zwischen Nord- und Südpol in luftigen Höhen und lichtlosen Tiefen in Gefahr begeben, um mit modernster Technik Tiere und Pflanzen zu fotografieren, wie man sie noch nie gesehen hat. Über 94 kurzweilige Minuten lang erlebt man einen Tag in Eis und Schnee, in der Tiefsee, auf Bergmassiven, voller Hitze, Trockenheit oder regennasser Schwüle. In jeder Einstellung schaut ein verdutztes Tier-Gesicht in die Kamera, beginnen Dinge zu leuchten, kämpfen Giraffen um ihren Harem, räkeln sich träge Löwen im Schatten oder schlafen Pottwale senkrecht in tiefblauer See.

Die Naturfilm-Produzenten der BBC verfügen seit Jahrzehnten über eine hohe Kompetenz im Kompilieren hochwertiger Bilder. Deshalb haben sie erneut ein Regie-Duo beauftragt, aus dem Peter Webber durch sein künstlerisches Feingefühl herausragt. Zu Webbers bleibenden Verdiensten zählen die Licht- und Schattenspiele von „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (fd 36 674). Um die Kosten eines weltumspannenden Vorhabens wie „Unsere Erde 2“ zu finanzieren, haben die Briten chinesische Partner mit an Bord geholt: Der Dokumentarist Lixin Fan komplettiert das Duo zum Trio. Sein preisgekrönter Film „Der letzte Zug“ (2010) sorgte international für Furore, wartet in Deutschland aber noch auf eine Auswertung.

Mit einem chinesischen Co-Produzenten darf auch der Pandabär im Reigen der schönsten Tiere nicht fehlen. Ein Zugeständnis, das nicht sonderlich schwergefallen sein dürfte. In den Schatten gestellt wird das Tollen der knuddeligen schwarz-weißen Vierbeiner allerdings durch die weit derberen westlichen Verwandten: Wenn sich die Braunbären an Bäumen schrubben, um ihr juckendes Winterfell loszuwerden, provoziert das, unterlegt mit passender Musik, das größte Verzücken im Kinosaal.

Allerdings bleibt angesichts der Fülle an gezeigten Lebewesen mitunter etwas wenig Zeit, die einzelnen „Stars“ richtig zu würdigen. Etwa leuchtende Käfer, die an Höhlendecken winzige Fäden herabhängen lassen, um noch winzigere Fliegen zu fangen, die Zügelpinguine, die unter Millionen Artgenossen genau ihren Partner entdecken, oder die Myriaden von „Palingenia longicauda“, der größten europäischen Eintagsfliegen, die nur noch in Ungarn die Theiß zum „Blühen“ bringen. Alle diese Ereignisse stehen in Konkurrenz zu Löwen, Bären, Affen, Zebras und Narwalen, die viel prächtiger um Aufmerksamkeit buhlen. Und wenn es der nur drei Gramm schwere Kolibri im Kampf um den süßesten Nektar in Ultrazeitlupe mit den Bienen aufnimmt, schlägt er alle Pottwal-Gesänge mit Leichtigkeit.

Dokumentarfilme, die sich explizit mit der Zerstörung der Natur beschäftigen, gibt es viele. Es darf und muss aber auch solche Filme wie „Unsere Erde 2“ geben, die sich zuallererst der Schönheit der Natur ergeben. Kritisch anzumerken ist aber die deutsche Synchronisation, für die Günther Jauch angeheuert wurde, während im ersten Teil mit Ulrich Tukur ein versierter, einfühlsamer Profi die deutsche Fassung des Films einsprach. Jauchs steife Art des Deklamierens ersetzt weder einen Meister wie Tukur noch einen Hollywoodstar wie Robert Redford, der die englische Originalfassung spricht.

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