Science-Fiction | USA 2018 | 540 (10 Folgen à 50-60) Minuten

Regie: Alex Graves

Serienverfilmung nach Richard K. Morgans gleichnamigem Roman um ein Zukunftsszenario, in dem es möglich geworden ist, menschliches Bewusstsein zu digitalisieren. Dies wiederum ermöglicht – zumindest für eine reiche Elite – die Chance ewigen Lebens, weil sich das digitalisierte Ich auf einem Chip immer wieder in neue Körper einsetzen lässt. Ein Mann, der einst gegen dieses System kämpfte und über besondere Fähigkeiten verfügt, wird in Staffel 1 in einem neuen Körper reaktiviert und soll im Auftrag eines reichen und mächtigen Mannes die Hintergründe eines Mordanschlag aufdecken. Die Ermittlungen konfrontieren ihn letztlich mit seiner eigenen Vergangenheit. In Staffel 2 wird der Held erneut in einen neuen Körper gepackt und auf seinen Heimatplaneten Harlan's World verfrachtet, wo er unter Mordverdacht und ins Visier einer Elitetruppe und einer sinistren Gouverneurin gerät und seiner verloren gelaubten Liebe wieder begegnet. Die Serie braucht eine Weile, bis sie es schafft, ihr dystopisches Neo-noir-Szenario über blutige Action hinaus erzählerisch zu verdichten, findet dann aber doch immer wieder Szenen, die interessante ethische und existenzielle Fragen aufwerfen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ALTERED CARBON
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Alex Graves · Uta Briesewitz · Peter Hoar · Nick Hurran · Andy Goddard
Buch
Laeta Kalogridis (Chefautor/Serienschöpfer) · Nevin Densham · Steve Blackman · Brian Nelson · Russel Friend
Kamera
Martin Ahlgren · Neville Kidd · Corey Robson · Bernard Couture · P.J. Dillon
Musik
Jeff Russo
Schnitt
Byron Smith · Barry Alexander Brown · Michael Ruscio · Geoff Ashenhurst · Erin Deck
Darsteller
Joel Kinnaman (Takeshi Kovacs/Ryker) · James Purefoy (Laurens Bancroft) · Martha Higareda (Kristin Ortega) · Chris Conner (Poe) · Kristin Lehman (Miriam Bancroft)
Länge
540 (10 Folgen à 50-60) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Science-Fiction | Serie | Thriller

Science-Fiction-Serie um ein Unsterblichkeitsprogramm nach dem gleichnamigen Roman von Richard K. Morgan

Diskussion

Staffel 1

Was würde aus uns Menschen werden, wenn es gelänge, das Altern und den Tod zu besiegen? Würde es uns reifer und klüger machen, wenn wir die Chance hätten, über die begrenzte Zeitspanne von rund 70 oder 80 Jahren hinaus zu leben und Erfahrungen zu sammeln? Würde uns das Befreitsein von der Angst vor dem Ende zu mehr Gelassenheit und Güte verhelfen?

Nach der Serienadaption von Richard K. Morgans gleichnamigem Roman ist das Gegenteil der Fall: Der Menschheitstraum vom ewigen Leben, der seit dem Gilgamesch-Epos immer wieder beschworen wird, entpuppt sich darin als dystopischer Albtraum. Der Mensch, das beschwört einer der (etwas pathetischen) Off-Monologe der Hauptfigur, ist ein von Natur aus aggressives, egoistisches Raubtier. Die Unsterblichkeit potenziert das noch. Wenn die Einsicht in die Begrenztheit der eigenen Existenz wegfällt, so die misanthropische These, dann fallen auch die moralischen Skrupel weg. Oder, wie es einer der Bösewichte frei nach Nietzsche ausdrückt: „Gott ist tot. Wir sind an seine Stelle getreten“.

Unsterblichkeit als Frage des Geldes

In dem Cyberpunk-Szenario der Serie lässt sich das, was man früher „Seele“ nannte, digitalisieren. Das eröffnet viele neue Möglichkeiten, zum Beispiel wenn es darum geht, sich in virtuelle Welten zu versetzen (oder andere dorthin zwangszuversetzen) und interstellare Reisen zu bewältigen. Besonders weitreichend ist eine Neuerung, durch die sich die so genannten „Stacks“, Speicherchips, die Menschen im Nacken eingepflanzt werden und deren Bewusstsein speichern, problemlos extrahieren und in andere Körper implantieren lassen. Wenn der Körper stirbt, kann das Ich auf diese Weise in einem anderen Körper, einem sogenannten „Sleeve“, fortbestehen, wobei die Frage, ob und wie oft man einen solchen Sleeve bekommt beziehungsweise wie dieser beschaffen ist, von den Finanzen abhängt, über die man verfügt.

Die Elite, die so genannten „Meths“ (nach „Methusalem“), leistet sich schöne, gesunde Sleeves und lässt diese beliebig oft klonen. Sie besitzt auch entsprechende Speicher und Back-ups, um sich für den Fall abzusichern, dass ihr Stack einmal beschädigt wird, was sie potenziell unsterblich macht. Die weniger Betuchten greifen auf billigere Sleeves zurück und müssen sich im Zweifelsfall damit abfinden, dass ihr Stack keine neue Heimstatt mehr findet und auf Eis gelegt wird. Es gibt aber auch einige, vor allem die gläubigen Neo-Katholiken, die die Praxis der Stack-Verpflanzung ganz ablehnen und sich dafür entscheiden, freiwillig sterblich zu bleiben beziehungsweise auf die Erlösung und Auferstehung durch Gott zu hoffen.

Zu den Gegnern der Unsterblichkeit zählt auch die Hauptfigur Takeshi Kovacs. Bei ihm ist es weniger religiöse Scheu, die ihn motiviert, als vielmehr eine ethisch-politische Überzeugung. Er ist ein so genannter Envoy, Mitglied einer Kampfgruppe, die sich gegen das Protektorat und seine Unsterblichkeitspolitik mit Waffengewalt zur Wehr setzte, weil diese mit krasser gesellschaftlicher Ungerechtigkeit verbunden ist. Allerdings wurden die Envoy vernichtend geschlagen. Takeshi fiel in die Hände seiner Feinde.

Mord oder Selbstmord?

Dass sich sein Stack in der ersten Episode der Serie nach 150 Jahren auf Eis plötzlich in einem neuen Körper wiederfindet, ist nicht seine Entscheidung. Takeshi (Joel Kinnaman) wurde auf Initiative eines der reichsten und mächtigsten Meths namens Bancroft (James Purefoy) mobilisiert, um mit seinen Envoy-Fähigkeiten einen dubiosen Mordanschlag auf Bancroft aufzuklären. Dabei wurden Bancrofts Sleeve und auch sein Stack zerstört. Dank Back-ups und Ersatz-Sleeves lebt er zwar weiter, hat aber keine Erinnerung an den Anschlag. Oder war es ein Selbstmordversuch?

Takeshi soll herausfinden, wer Bancroft auslöschen wollte. Seine Recherchen deuten  bald darauf hin, dass der Mordversuch mit jenen Exzessen zusammenhängt, die sich Bancroft und andere als Vergnügung leisten: Krasse Misshandlungen von Prostituierten bis hin zum Sexualmord sind mittlerweile eine gängige Dienstleistung, schließlich kann man den Opfern hinterher einfach einen neuen Sleeve spendieren und sich damit von der Schuld befreien. Ist dieses Spiel aus dem Ruder gelaufen? Das vermutet jedenfalls eine junge Polizeibeamte (Martha Higareda), die den Fall einer toten Prostituierten untersucht und deren Ermittlungen sich mit denen Takeshis kreuzen.

Ein actionreiches und ziemlich blutiges "Future noir"-Szenario

Die von der Serienschöpferin Laeta Kalogridis geschaffene Adaption braucht eine Weile, bis sie in Gange kommt. Zunächst entfaltet sie sich als konfuses, actionreiches und ziemlich blutiges "Future noir"-Szenario rund um einen „hard boiled“-Helden, der etwas zu cool und ausdrucksarm ist, als dass man schnell mit ihm warm würde. Die fiktive Welt, in der er seinen Ermittlungen nachgeht, ist zwar nicht uninteressant und wartet mit einigen schönen Motiven auf, etwa rund um Takeshis Absteige, das Hotel „The Raven“, dessen Besitzer eine Künstliche Intelligenz mit Faible für Edgar Allan Poe ist (Chris Conner), wirkt ansonsten aber vor allem wie eine „Blade Runner“-Kopie.

Die Erzählung nimmt allerdings Fahrt auf, als sich die Krimihandlung langsam verdichtet und Nebenfiguren ins Spiel kommen, die emotionalen Drive in die Serie bringen. Interessant ist vor allem die Figur der Polizistin Ortega, die in der Megametropole Bay City, ehedem San Francisco, ein wachsames Auge auf Takeshi hat. Der Sleeve, in dem der Envoy nun steckt, gehörte einst ihrem Kollegen und Geliebten; diesen Körper nun von einem anderen Menschen in Bancrofts Diensten besetzt zu sehen, ist der Gesetzeshüterin ein Dorn im Auge. Doch zwischen ihr und Takeshi wachsen im Zuge ihrer Ermittlungen allmählich irritierende Gefühle. Die Frage ist, ob sie aus dem Körper herrühren? Oder dem Körper gelten? Oder zielen sie auf das Bewusstsein, das jetzt in dem Körper steckt?

Raum für existenzielle Fragen

Mit dieser Liebesgeschichte verbunden ist die Frage, ob und wie die ins digitale Zeitalter transportierte Leib-Seele-Dualistik der Stack/Sleeve-Technologie wirklich funktioniert und was sie fürs Menschsein bedeutet - einer der interessanten Aspekte der Serie. Außerdem sind mit der Figur der Polizistin auch Fragen rund um das „Unsterblichkeitsprogramm“ verbunden, die über das arg reißerische Dekadenz-Szenario rund um die Meths hinausgehen. Ortega, die mexikanische Wurzeln hat, stammt aus einer neo-katholischen Familie. Ihre Mutter lehnt deshalb die Unsterblichkeit ab; Ortega selbst hinterfragt allerdings diese religiöse Demut gegenüber angeblich gottgegebenen Grenzen, und das mit guten Gründen. Denn ist es nicht ein zutiefst humanistischer Impuls, den Tod, der Existenzen auslöscht und Beziehungen zerreißt, überwinden zu wollen? In einer wunderbaren Sequenz kommt es darüber zu einer hitzigen Debatte zwischen Mutter und Tochter.

Im Rahmen einer „Dia de Muertos“-Familienfeier hat die Tochter nämlich, wie es mittlerweile viele ärmere Familien tun, wenigstens für einen Abend einen Sleeve für den Stack ihrer verstorbenen Oma besorgt, damit die alte Dame nun in Gestalt eines tätowierten Schlägertyps noch einmal bei den ihren sein kann. Solche Szenen, die sich auf differenzierte Weise auf die existenziellen Dimensionen des „Unsterblichkeitsprogramms“ einlassen, sorgen dafür, dass das Science-Fiction-Spektakel nach und nach doch eine Sogwirkung entfaltet und als Reflexion rund um das Thema, wie eine digitalisierte Zukunft der Menschheit aussehen könnte und welche ethischen und philosophischen Fragen daraus resultieren, interessante Anknüpfungspunkte bietet.

Staffel 2

Wer ist Takeshi Kovacs? Es ist nicht leicht, jemanden zu erkennen, wenn man den Körper wie die Wäsche wechseln kann, dank einer futuristischen Technik, die es ermöglicht, das Bewusstsein auf einen „Stack“ genannten Chip zu bannen und in wechselnde „Sleeves“ zu implementieren. Die Kopfgeldjägerin Trepp (Simone Missick), die in einem schummrigen Nachtclub nach Takeshi Kovacs sucht, braucht eine Weile, bis sie dahinterkommt, dass der Gesuchte niemand anders als die schöne Sängerin ist, die in dem Etablissement gerade eine melancholische Interpretation von „I got you under my skin“ zum Besten gegeben hat.

Der Gender-Wechsel des Protagonist von „Altered Carbon“ ist allerdings nicht von langer Dauer; die Kopfgeldjägerin erschießt seinen weiblichen „Sleeve“ und nimmt seinen „Stack“ in eine Kolonie namens Harlan’s World mit; kurz darauf findet sich Kovacs im muskelgestählten, mit besonderen Kampf- und Überlebensfähigkeiten ausgestatteten Körper eines Elitesoldaten wieder, beigesteuert von Anthony Mackie.

Die Wiederkehr einer verloren geglaubten Liebe

Dessen Kampfkraft hat er bald bitter nötig, denn kaum auferstanden, findet sich Kovacs inmitten tödlicher Kalamitäten wieder. Hinter seiner Entführung steckt ein „Meth“, ein Mitglied der privilegierten Oberschicht des Future-Noir-Universums, in dem die Serie spielt. Dieser will Kovacs zwingen, ihm als Bodyguard zu dienen, wird alsbald aber brutal ermordet. Da Kovacs kein Freund der Meth ist, sondern früher zur Rebellenbewegung gegen die Meth-Herrschaft zählte, fällt der Verdacht auf ihn.

In der politisch aufgeheizten Stimmung auf Harlan’s World, in der eine sinistre Gouverneurin (Lela Loren) das Sagen hat und wo die Elitetruppe von Ivan Carrera (Torben Liebrecht) hinter ihm her ist, versucht Kovacs, die Hintergründe des Mordes aufzuklären, dem bald weitere Tote folgen. Dabei geht es Kovacs nicht nur um sein eigenes Überleben. Denn seine frühere Geliebte, die Rebellenführerin Quellcrist Falconer (René Elise Goldsberry), ist keineswegs für immer ausgelöscht, sondern quicklebendig und in die Morde auf Harlan‘s World verstrickt.

Menschsein in transhumanen Zeiten

Wie schon in Staffel 1 dauert es eine Weile, bis die existenziellen Aspekte des auf der „Altered Carbon“-Romanreihe von Richard Morgan fußenden Science-Fiction-Szenarios zum Tragen kommen. Zunächst klingen diese nur in Kovacs‘ bedeutungsschwangeren Off-Kommentaren zwischen den blutigen Zusammenstößen an, die den rasanten, etwas verwirrenden Auftakt der Staffel bilden. Doch mit der Zeit mausert sich die Fortsetzung zu einem süffigen Erzählstoff, der solide Thriller-Spannung mit Gedankenspielen rund ums Menschsein in einer Zeit vereint, in der die Digitalisierung so weit fortgeschritten ist, dass die „Seele“ selbst zum Datensatz und der Körper zur austauschbaren Hardware geworden ist. Denn die Frage, wer Takeshi Kovacs wirklich ist, erfährt einen unerwarteten Twist, wenn sich der Protagonist plötzlich mit einem fleischgewordenen Backup seines „Stacks“ konfrontiert sieht, dem wesentliche Erfahrungen fehlen, die Kovacs in der Zwischenzeit gemacht hat.

Erinnerung und Identität

Dabei geht es unter anderem um die Bedeutung der Erinnerungen für die Identität. Kovacs klagt zwar anfangs noch über die „Geister“ der Vergangenheit, die die dunkle Kehrseite eines durch die Stacks/Sleeves-Technologie künstlich verlängerten Lebens seien, merkt aber bald, wie kostbar sie auf der anderen Seite sind, als sich nämlich herausstellt, dass seine wiedergekehrte große Liebe unter einer Art Amnesie leidet, und Kovacs alles daran setzt, ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, damit sie wieder ganz sie selbst werde.

Poe (Chris Conner), die Künstliche Intelligenz, die Kovacs schon in Staffel 1 als treues Faktotum zur Seite stand und sich zu einer der sympathischsten Figuren der Serie mauserte, kämpft derweil mit einem „Glitch“ in seinem System, wehrt sich aber mit Händen und Füßen gegen ein „Reboot“ – aus Angst, dass seine Erinnerungen gelöscht werden könnten. Poe beweist erneut mehr Augenmaß für die wichtigen Dinge im Leben als so mancher der Menschen, die angesichts der transhumanistischen Techno-Errungenschaften und des virtuellen „anything goes“ glauben, dass ihnen neben der Gegenwart auch die Zukunft gehöre; das verdrängte Vergangene aber schlägt im Laufe der Serie unerwartet zurück. Wobei das Thema der Erinnerung auch eine gesellschaftliche Dimension erhält. Denn Geschichtsschreibung lässt sich manipulieren, und gespeicherte Daten lassen sich umschreiben oder löschen – doch die Geschichte selbst, das, was geschehen ist, lässt sich nicht revidieren. Und wird überdies Folgen haben.

 

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