Die Nacht der Nächte (2017)

Dokumentarfilm | Deutschland 2017 | 97 Minuten

Regie: Yasemin Samdereli

Eine dokumentarische Zusammenführung der Erfahrungen von vier Paaren aus unterschiedlichen Kontinenten und Kulturkreisen nach jeweils mehr als fünfzig Jahren Partnerschaft und Liebe. Der Film entlockt seinen Gesprächspartnern behutsam Erinnerungen und Empfindungen und vermittelt die befreienden Aspekte gemeinsamer Gespräche, in denen Komisches und Tragisches, Heiteres und Dunkles miteinander korrespondieren. Bedingt durch die vier Schauplätze entsteht trotz der sorgfältigen Auswahl der Paare eine gewisse Oberflächlichkeit, während eingefügte Knetanimationsübergänge bisweilen beliebig wirken.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Yasemin Samdereli · Nesrin Samdereli
Buch
Yasemin Samdereli · Nesrin Samdereli
Kamera
Marcus Winterbauer
Schnitt
Mechthild Barth
Länge
97 Minuten
Kinostart
05.04.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Sieben Jahre nach ihrer sowohl auf Festivals als auch im Kino höchst erfolgreichen Komödie „Almanya – Willkommen in Deutschland“ (fd 40 333) präsentieren die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli ihren zweiten Film. Endlich, möchte man hinzufügen. Denn das Debüt war so fabulierfreudig, so voller Lust am Ausprobieren filmischer Mittel, dass dies wie ein Versprechen wirkte: Seht her, wir bringen frischen Wind ins deutsche Kino! Mit fast schlafwandlerischer Finesse fügten die Samderelis private Geschichten zum tragikomischen Gesellschaftsporträt, spielten mit absurden und grotesken Elementen, dass es ein Vergnügen war. Wie aber würde der zweite Film aussehen? So ähnlich oder ganz anders? Fortsetzung oder Kontrapunkt?

Zunächst entschieden sich die Schwestern, keinen Spiel-, sondern einen Dokumentarfilm folgen zu lassen. Ihr Gegenstand: Ehepaare, die schon mehr als fünfzig Jahre miteinander leben, gemeinsam durch Höhen und Tiefen gingen und trotz Krisen beieinander blieben. Dafür wurden Interviewpartner aus verschiedenen Kontinenten gesucht: ein indisches Paar, das sich gegen das Kastensystem auflehnte und deshalb mit seinen Familien brechen musste; Japaner, die zwangsverheiratet wurden; ein knurriges Nachkriegspaar aus dem Ruhrgebiet – und ein homosexuelles Paar aus den USA, das erst vor kurzem eine Ehe eingehen durfte.

Gemeinsam mit ihrem Kameramann Marcus Winterbauer legten die Samderelis Wert darauf, die Paare in ihrer natürlichen Umgebung zu filmen, bei alltäglichen Verrichtungen im Haushalt und im Freien. Dabei gelangen sensible atmosphärische Studien, die im besten Fall auch Auskunft über die Innenwelt der jeweiligen Figur geben – so wie bei Isao, dem kleingewachsenen Japaner, der leidenschaftlich seine Bonsai-Bäume pflegt. Oder bei Heinz, dem Deutschen, der stolz und ohne Arg sein gemauertes Bett präsentiert. In den Interviewsequenzen sitzen die Paare jeweils nebeneinander und erzählen ihre Geschichten, manchmal stockend, dann wieder von Lachanfällen begleitet wie bei den Indern, die erste schüchterne Berührungen rekapitulieren. Isao ist zu Tränen gerührt, wenn er von der Reue spricht, die er gegenüber seiner Frau empfindet: Wäre er doch ein bisschen netter gewesen; jetzt könne er es nicht mehr ändern – Nachdenken über verflossene Zeit und das Glück, das nie mehr nachgeholt werden kann.

Über die „Nacht der Nächte“ selbst weiß Shigeko aus Japan noch, dass sie ihren frisch getrauten Mann nicht küssen wollte. Norman und Bill aus den USA schwärmen auch nach fünfzig Jahren vom Fell vorm Kaminfeuer. Und Hildegard, die sachliche Deutsche, die ihre Jungfräulichkeit mit in die Ehe brachte, erklärt knapp: „Wir hatten keine Gebrauchsanweisung, und es hat doch geklappt...“ Weil der Film kaum Zeit hat, in solchen Momenten auf den Gesichtern zu ruhen, sondern bald zum nächsten Paar übergeht, um eine Balance zwischen den Schauplätzen zu wahren, kommt Bedauern über die Entscheidung auf, gleich vier Paare porträtieren zu wollen. Denn vermutlich hätte jedes für sich einen eigenen Film getragen. Quantität bedingt hier nicht unbedingt eine neue Qualität; zumal auch die Montage vor dem Problem gestanden haben mag, immer wieder Spannungsbögen aus relativ Ähnlichem erzeugen zu müssen.

Als Intermezzi haben die Samderelis knappe Knetanimationen von Izabela Plucinska eingefügt. Daraus ergeben sich bisweilen starke, eigenständige Kurzfilme, etwa nach den Erinnerungen des indischen Paares, wie sehr ihnen ihre im Kastendenken gefangenen Familien zu schaffen machten: „Sie sind nicht so weit gegangen, einen von uns umzubringen...“ Auf diese Sentenz folgt eine Trickszene, die eine Frau zeigt, die mit einer Haarnadel eine Öffnung in eine riesige Mauer kratzt, sodass sie mit ihrem Begleiter schließlich hindurchgehen kann: Symbol für weiblichen Überlebenswillen. Nicht alle Animationen sind so sinnfällig wie diese; manche wirken beliebig, dann wieder verschwinden die Trickteile über längere Strecken ganz aus dem dramaturgischen Gefüge.

Insgesamt ist „Die Nacht der Nächte“ ein Film, der seinen Gesprächspartnern behutsam Erinnerungen und Empfindungen entlockt, die oft tief in ihrer Seele verborgen und – den Traditionen ihres Kulturkreises entsprechend – nicht unbedingt für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Zugleich ist zu erleben, wie befreiend das gemeinsame Gespräch sein kann, die Erinnerung an Hoffnung, Sehnsucht, Liebe. Der Zuschauer, der sich Zeit nimmt, in die Erfahrungswelten der alten Paare einzutauchen, verlässt das Kino berührt und ermutigt.

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