Actionfilm | USA 2018 | 140 Minuten

Regie: Steven Spielberg

In der Zukunft haben zwei Entwickler die perfekte virtuelle Realität OASIS erschaffen. Als einer von ihnen stirbt, tritt ein Teenager mit seinem Avatar gegen die Ressourcen eines Megakonzerns an, der die OASIS für sich gewinnen möchte. Spektakulär gestaltete Verfilmung eines Romans über virtuelle Welten mit zahlreichen Anspielungen auf die Popkultur der 1980er-Jahre, während die analoge Gegenwart als grob skizzierte Dystopie angelegt ist. Letztlich bleibt der Versuch, Überwältigungskino und eine Geschichte von Freundschaft und Zusammenhalt zu verknüpfen, oberflächlich, weil die Figuren und ihre realweltlichen Probleme aller erzählerischer Bemühungen zum Trotze nur als Intermezzi des Spektakels erscheinen.

Filmdaten

Originaltitel
READY PLAYER ONE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Steven Spielberg
Buch
Zak Penn · Ernest Cline
Kamera
Janusz Kaminski
Schnitt
Michael Kahn
Darsteller
Tye Sheridan (Wade Watts / Parzival) · Olivia Cooke (Samantha Cook / Art3mis) · Ben Mendelsohn (Nolan Sorrento) · T.J. Miller (i-R0k) · Simon Pegg (Ogden Morrow / Og)
Länge
140 Minuten
Kinostart
05.04.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Actionfilm | Literaturverfilmung | Science-Fiction-Film
Diskussion

So sieht für manche wohl die perfekte virtuelle Welt aus: geschmeidig in ihren Bewegungen, berstend vor Vielfalt – ein Ort für Raser, Krieger und Träumer. Ein Ort, wie es im Film heißt, an den man kommt wegen der vielen Dinge, die man dort tun kann, und an dem man bleibt wegen der unendlichen Möglichkeiten, jemand anderes zu sein.

So erzählt es jedenfalls Parzival, in der analogen Welt als Wade Watts bekannt, in einem einführenden Voiceover-Monolog, der die gesamte Hintergrundgeschichte der Buchvorlage von Ernest Cline zu Beginn der Adaption eher ungelenk zusammenfasst. Einer der beiden Gründer der digitalen Sekundärwelt OASIS ist verstorben – Mark Rylance spielt diesen James Halliday als verhuschte Blaupause aller Nerds dieser Welt – und will dem Gewinner eines Wettbewerbs die alleinige Kontrolle über OASIS vermachen. Dazu gilt es, Prüfungen zu bestehen, Rätsel zu lösen und sich unterwegs als profunder Kenner der Popkultur der 1980er-Jahre zu erweisen, die Halliday so liebte. Was den einen schon beim Lesen des Romans als liebevolle Hommage und als Ermächtigungsfantasie sozial randständiger Außenseiter erschien, stieß andere ob der Starrheit seiner Retromanie vor den Kopf: Hier wird statt der eigenen die Fantasie eines anderen begangen wie ein Wandschrank. Auskennertum siegt über die produktive Aneignung kultureller Artefakte.

Doch die Binsenweisheit, dass im Kino nur über das Zeigen erklärt werden sollte, scheint Ernest Cline, der gemeinsam mit Zak Penn auch das Drehbuch schrieb, durchaus verinnerlicht zu haben. Insgesamt geht es weniger um Videospiele – also um das Nachvollziehbarmachen von Prozessen –, auch wenn das Game „Adventure“ bei der letzten Prüfung eine gewaltige Rolle spielt. Viel häufiger sind die Referenzen auf Filme, das Einstreuen von Bildzitaten wie das des DeLorean, mit dem der Avatar Parzival durch die OASIS kurvt und mit dem man einst bekanntlich sogar „Zurück in die Zukunft“ (fd 25 263) reisen konnte.

Dieses Auto gerät an seine Grenzen bei einem irrsinnigen Wettrennen durch ein digital rekonstruiertes New York – eine Actionsequenz, die alles schlägt, was an Schlachtengetöse folgt und die eindrucksvoll beweist, welche Freiheiten das digitale Filmemachen bereithält. In bemerkenswert langen Einstellungen fliegt die Kamera durch den virtuellen Raum, heftet sich für Sekundenbruchteile an dieses, dann an jenes Fahrzeug, die alle aneinander, an ihrem Tempo, an der Stadt oder an einem der zahlreichen Hindernisse spektakulär scheitern – ohne dass dieser Raum je diffus, willkürlich zusammengestückelt oder zu groß erscheint für den, der ihn erzeugen ließ und inszeniert.

Eines der Hindernisse ist ein Tyrannosaurus Rex. Und dies ist noch einer der weniger schlagkräftigen Beweise, warum dieser Stoff wie gemacht war für den Regisseur Steven Spielberg, der selbst schon tätig war in der Ära, die Halliday und seine Adepten so verehren, und der seine Arbeiten – damals öfter noch als heute – anreicherte mit einer sentimentalen Nostalgie nach einem Leben, das es so vielleicht noch nie gab. Spielberg jedenfalls erschuf eine Sehnsucht, die lange furchtbar verkitscht erschien und nach der man sich in ironiegetränkten Zeiten nun vielleicht zurücksehnen mag. Gerade im Kino.

Denn das Spektakel bildet nur die eine Seite der Welt von Cline und Spielberg – es ist die technisch perfekte, in der die Illusion gerade nicht mehr menschlich oder weltlich aussehen muss, und es ist manchmal gar für die, die sich so gerne in sie flüchten, die langweiligere. Spätestens, als Parzival seine Konkurrentin Art3mis kennenlernt, regt sich in Wade Watts der Wunsch, hinter die Kulisse des Budenzaubers zu schauen, ihren Namen zu erfahren und damit, so altmodisch muss es hier sein, auch ein bisschen ihre Persönlichkeit. Dort draußen herrscht eine andere Art von Krieg, wo die Armen sich in turmhohe Wohnwagen-Stapel zusammenzwängen, während der Megakonzern IOI alle Verschuldeten in einen Frondienst zwingt und die OASIS mit den am besten ausgerüsteten Avataren flutet, die sich an die Lösung von Hallidays Rätsel machen.

Dort draußen ist allerdings auch der einzige Ort, an dem man eine anständige Mahlzeit bekommt, sagt Halliday einmal. Und in diesem Draußen erkennt man eine erzählerische Sensibilität wieder, die im zeitgenössischen Blockbuster-Kino verloren schien. Doch die Zeit, sie auszuarbeiten, bleibt gering. Es lockt eine Welt, in der Kopfgeldjäger sich einen verchromten Totenschädel als Torso modellieren können. Es lockt ein Kampf, in dem es um alles geht. Und es lockt die womöglich gefährlichste, weil altmodischste und jetzt schon überholte Sehnsucht von allen: die nach einer digitalen Parallelwelt, in der das Big Business nicht das Sagen hat.

Kommentar verfassen

Kommentieren