Dokumentarfilm | Rumänien/Deutschland/Tschechien/Bulgarien/Frankreich 2018 | 129 Minuten

Regie: Adina Pintilie

Eine Filmemacherin erforscht gemeinsam mit einem Ensemble von professionellen Schauspielern und Laien das Thema Intimität. Dabei werden auch die Betrachter in die visuell stark stilisierten Selbsterforschungs-, Bekenntnis- und Geständnisräume der Protagonisten hineingezwungen. Der um Inklusion bemühte „experimentelle“ Therapiefilm gibt nicht-normativen Körperbildern und sexuellen Lebensweisen Raum. Dass der Film selbst autoritär und im Sinne einer „befreiten Intimität“ normativ argumentiert, gehört neben den formalen Unebenheiten zu den Ambivalenzen dieses Werks. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
TOUCH ME NOT
Produktionsland
Rumänien/Deutschland/Tschechien/Bulgarien/Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Adina Pintilie
Buch
Adina Pintilie
Kamera
George Chiper-Lillemark
Musik
Ivo Paunov
Schnitt
Adina Pintilie
Länge
129 Minuten
Kinostart
01.11.2018
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm | Drama
Diskussion

Wenn die Protagonistinnen und Protagonisten in Adina Pintilies „Touch Me Not“ von Räumen sprechen, und sie tun dies auf mal umschriebene, mal explizite Weise recht ausgiebig, dann meinen sie weder einen konkreten, durch vier Wände markierten Raum noch einen sozialen und schon gar keinen öffentlichen. Vielmehr sprechen sie von den schwer zu fassenden Bereichen der Intimität, also von Räumen, deren Grenzen durch innere Barrieren wie Angst, Schuld- und Schamgefühle oder Misstrauen markiert sind. Welcher „Raum“ wird beispielsweise durch die Berührung eines Gesichts „betreten“, das anzufassen Überwindung kostet oder vielleicht sogar Widerwillen erregt, weil es von hervorstehenden Zähnen dominiert wird und einem Mund, der unkontrolliert Speichel aussondert? Wo verlaufen die Grenzen für eine Frau, die sich vor Berührungen graust? An welchem Punkt beginnen sie „unangenehm“ zu werden oder versetzen vielleicht sogar in Angst oder Panik?

Mit diesen und ähnlichen Fragen hat nicht nur das Ensemble aus professionellen und nicht-professionellen Darstellern zu tun, das Pintilie vor die Kamera geholt hat, sondern auch die rumänische Filmemacherin selbst, deren Rolle in ihrem Langfilmdebüt weit über die einer teilnehmenden Beobachterin hinausgeht. Mit diesen und ähnlichen Fragen hat aber auch die Betrachterin zu tun, die mit den Figuren in eben diese „Räume“ hineingezwungen wird. Ob man in diese Selbsterforschungs-, Bekenntnis- und Geständnisräume überhaupt hineinwill, danach fragt Pintilie freilich gar nicht. Anders ausgedrückt: Für ein Projekt, das sich so sehr der Freiheit, also dem Öffnen von Grenzen und dem „Fallen von Masken“ verschreibt, ist „Touch Me Not“ erstaunlich autoritär. Denn man kann sich in diesem Film schlichtweg nicht „frei“ bewegen.

„Touch Me Not“ wird von der Regisseurin als persönliches Forschungsprojekt zum Thema Intimität beschrieben. Auf semidokumentarische Weise begleitet der aus einem Improvisationsworkshop erarbeitete Film Laura, Tómas und Christian, drei Hybrid-Charaktere aus ihren eigenen Biografien und Pintilies Material, bei der Erkundung ihrer Intimität. Die 50-jährige Laura Benson konfrontiert ihre Asexualität offensiv mit bestellten Begegnungen: einem tätowierten bulgarischen Callboy sieht sie beim Duschen und Masturbieren zu. Mit der Transfrau Hanna Hofmann, die ihre Brüste Gusti und Lilo nennt, hört sie Brahms und macht zaghafte Körperübungen, während sie in der Arbeit mit dem Sexualtherapeuten Seani Love erstmals das Zulassen von Berührungen erprobt und in Gestalt einer Schreitherapie ihrer angestauten Wut Ausdruck zu verleihen versucht. Außerdem beobachtet Laura Benson mehrfach in einem Krankenhaus Mitglieder einer Berührungstherapie-Gruppe.

Der isländische Schauspieler Tómas Lemarquis, der im Alter von 13 Jahren seine komplette Behaarung verlor (nicht zuletzt wegen seiner fragilen „sci-fi-haften“ Erscheinung wurde er in Filmen wie „Blade Runner 2049“ besetzt) und Christian Bayerlein, ein Rollstuhlfahrer mit spinaler Muskelatrophie, nehmen an dieser Berührungstherapie im Krankenhaus teil, die Pintilie wie ein Laborexperiment in einem „white cube“ inszeniert. Christian zu berühren, beschreibt Tómas als „gut und beängstigend“. Er spricht viel über seine unterdrückten Gefühle und Ängste, die er bekennt, im Laufe des Films zum Teil abgelegt zu haben. Christian, der körperlich stark eingeschränkt ist, beschreibt dagegen sehr freimütig seine sexuelle Lust und geht auch bewundernswert offen mit den Abwehrreaktionen seines Umfelds um; sinngemäß lautet sein Argument: auch Abwehr ist eine berechtigte „Emotion“. Nachdem er sich anfangs „wie ein Gehirn, das man herumträgt“ fühlte, lernte er seine Sexualität auszuleben und zu genießen. Während der Therapie macht er die Bekanntschaft der nicht-behinderten Grit; die beiden werden ein Paar.

Eine weitere Akteurin ist die Regisseurin selbst. Am Anfang und Ende adressiert sie aus dem Off ein namenloses Du, erzählt von Mutterträumen und Ängsten. Zwischendrin interviewt sie ihre Protagonisten wie eine Therapeutin über einen Bildschirm, einmal tauscht sie mit ihnen auch die Plätze. Die filmische Apparatur wird dabei immer wieder auf etwas prätentiöse Art ins Bild gerückt.

Als filmisches Ergebnis ist „Touch Me Not“ schwer zu klassifizieren. Denn das therapeutische Moment besitzt in dem Mischverhältnis von Fiktion, Dokumentation und Experiment eindeutig Überhang. Zudem wechselt Pintilie immer wieder die stilistischen Mittel: vom cleanen, aseptischen Tableau zum schwül-pulsierenden Setting eines Swingerclubs, von der konzentrierten Anordnung in Lauras Wohnung zu einem recht fahrigen Stalker-Plot. Aufdringlich Explizites wie das herausrufende Lied „Freedom“, das sich leitmotivisch durch den Film zieht, und unheimelnde Industrie-Sounds, ein Teppich aus metallisch scheppernden und klopfenden Geräuschen, stehen gleichberechtigt neben willkürlich wirkenden Musikentscheidungen. Oder was hat der Song „Die Befindlichkeit des Landes“ von „Einstürzende Neubauten“ hier verloren – ein Lied, das mit dem „Narbengelände“ wohl kaum verwundete Körper und Seelen meint, sondern vielmehr das in der Nachwendezeit kaputtgebaute Berlin? Formalästhetisch wirkt „Touch Me Not“ oftmals wenig durchdacht – auch Hybridität ist schließlich nicht vor dem Vorwurf konzeptueller Unebenheit geschützt.

Als filmisches (Therapie)experiment ist „Touch Me Not“ ein herausfordernder Beitrag zur Inklusion. Pintilie hinterfragt normative Vorstellungen von Sexualität, Schönheit und Intimleben – wobei die Verkürzung des Begriffs der Intimität auf Berührungen und Sexualität zumindest diskutiert werden müsste. Aber dennoch: Körper und Begehrensformen, die im Alltagsleben, vor allem aber auf einer Kinoleinwand gewöhnlich keine oder wenig Sichtbarkeit haben, bekommen eine Bühne, sich zu zeigen und Intimes auszusprechen. Und Pintilies kompletter Distanzlosigkeit zum Trotz kommt in keinem Moment auch nur der Verdacht auf, hier würde jemand vorgeführt oder gar ausgebeutet. Doch so unkonventionell und nicht-normativ die dargestellten Weisen und Ausdrucksformen von Sexualität auch sein mögen: Letztlich argumentiert auch „Touch Me Not“ auf seine – freilich unnormative – Weise für eine bestimmte Vorstellung von Intimität. „Gesund“ ist, wer frei ist, wie die letzte Einstellung der nackt tanzenden Laura zeigt. Wer sich nicht befreien – oder anfassen – lassen will, der oder die hat ein ernsthaftes Problem. Denn eines lässt sich kaum bestreiten: „Touch Me Not“ ist selbst eine Berührung.

Kommentar verfassen

Kommentieren