Nobody's Watching

Drama | Argentinien/Spanien/Kolumbien/Brasilien/USA 2017 | 102 Minuten

Regie: Julia Solomonoff

Ein schwuler argentinischer Schauspieler, der in seiner Heimat erfolgreich in einer Soap mitspielte, versucht, in New York in seinem Job Fuß zu fassen. Er tut sich dabei jedoch äußerst schwer und muss sich mit anderen Jobs über Wasser halten. Der Film wirft mitten in den unruhigen Alltag der Hauptfigur, deren Geschichte sich erst allmählich aus Facetten zusammensetzt, und besticht als sensibles Porträt wie auch als Milieustudie rund um die unterschwellige Brutalität einer urbanen Mittelschicht, die hier aus der Perspektive eines Immigranten gezeigt wird. (O.m.d.U.)

Filmdaten

Originaltitel
NADIE NOS MIRA
Produktionsland
Argentinien/Spanien/Kolumbien/Brasilien/USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Julia Solomonoff
Buch
Christina Lazaridi · Julia Solomonoff
Kamera
Lucio Bonelli
Schnitt
Pablo Barbieri Carrera · Karen Sztajnberg · Andrés Tambornino
Darsteller
Guillermo Pfening (Nico Lencke) · Katty Velasquez (Lena) · Nadja Settel (Aupair) · Paola Baldion (Viviana) · Petra Costa (Petra)
Länge
102 Minuten
Kinostart
05.04.2018
Fsk
Genre
Drama
Diskussion
Niemand schaut zu – das könnte in Zeiten, in denen jeder Großstädter ständig im Visier irgendwelcher Überwachungskameras ist, durchaus befreiend klingen, gerade in New York, wo der Film von Julia Solomonoff spielt. Allerdings ist Nico, die Hauptfigur, von Beruf Schauspieler und als solcher existenziell davon abhängig, Zuschauer zu haben. In seiner Heimat Argentinien hatte er es dank der TV-Serie „Rivales“ auch schon zu einiger Bekanntheit gebracht. In den USA, in die es ihn nach seinem Ausstieg aus der Serie verschlagen hat, zählt das aber nichts, wie ihm später einmal eine Produzentin sagt. Peu à peu merkt man, dass Nico ziemliche Probleme damit hat, in der neuen Wahlheimat Fuß zu fassen. Nach New York gekommen ist er eigentlich wegen der Aussicht, im Film eines befreundeten Regisseurs mitzuspielen; das Projekt will aber einfach nicht aus den Startlöchern kommen. Und andere Rollen sind schwer zu haben, was unter anderem auch daran liegen könnte, dass Nico Englisch nur mit leichtem spanischem Akzent spricht und zugleich äußerlich so gar nicht ins Latino-Klischee passt. Also schlägt sich Nico anderweitig durch, um die WG-Miete für seine Unterkunft bei einer lesbischen Freundin bezahlen zu können, erledigt kleine Jobs, springt immer wieder als Babysitter für eine Freundin ein und hält sich auch mal mit kleinen Diebstählen über Wasser. Solomonoffs Film wirft die Zuschauer mitten in Nicos Alltag hinein, der so inszeniert ist, dass sich ein Gefühl latenter Unruhe und Unbehaustheit vermittelt: Immer wieder begleitet man Nico bei seinen Wegen durch die Stadt, zu Fuß oder per Fahrrad, in den Park zum Babysitten, zu seinen diversen Jobs, in Clubs, wo Nico als schwuler Single nach neuen Männerbekanntschaften Ausschau hält, zu Treffen mit Freunden. Erst allmählich beginnt sich aus den Facetten dieses Lebens eine kohärente Geschichte zu entwickeln, und nur langsam beginnt man zu begreifen, warum sich zwischen den Augen des liebenswerten Protagonisten ständig eine Sorgenfalte zu befinden scheint. Dass Nicos Situation beruflich und finanziell ziemlich prekär ist, macht auch sein privates Leben nicht einfacher. Zum einen, weil Nico offensichtlich voller Scham über seinen mangelnden Erfolg ist und noch nicht einmal seiner Mutter, mit der er regelmäßig skypt, reinen Wein einschenken kann; zum anderen weil die Abhängigkeit davon, bezahlte Jobs für Freunde zu erledigen, ihm nicht guttut. Vor allem das Verhältnis zu der Familie, für die er babysittet, ist kompliziert – Nico fällt es nicht leicht, Geld für etwas zu nehmen, was er eigentlich gerne aus Freundschaft tun würde; zumal er an dem kleinen Jungen, auf den er aufpasst, sehr hängt. Obendrein ist ohne richtigen Job aber auch Nicos Visum für den Aufenthalt in den USA in Gefahr. Und in die Heimat zurückkehren will er offensichtlich partout nicht, auch wenn er dort vielleicht an alte Erfolge anschließen könnte. Was vor allem mit einer für Nico sehr schmerzlichen, in die Brüche gegangenen Liebschaft mit einem „Rivales“-Produzenten zusammenhängt, die der Schauspieler noch nicht verdaut hat. Dass man von Anfang an von Solomonoffs sensiblem Porträt gepackt wird, liegt unter anderem an der Lebhaftigkeit, mit der der Film als Milieustudie daherkommt. Das Thema „Aufstrebender Schauspieler in New York“ kreuzt sich mit einer Immigrations-Geschichte und bereitet damit den erzählerischen Boden dafür, aus einer ungewöhnlichen Perspektive einen Blick auf die urbane, bildungsbürgerliche Mittelklasse zu werfen – ein Milieu, zu dem der Protagonist eigentlich dazugehört, weil er in Argentinien in ähnlichen Verhältnissen lebte, und doch auch wieder nicht, weil er in New York einfach nicht richtig Fuß fassen kann. Dabei wird hinter der Freundlichkeit und Weltoffenheit seiner New Yorker Bekannten allmählich eine erschreckende Härte erkennbar – und hinter Nicos Umtriebigkeit eine große Einsamkeit: mit den schwindenden Erfolgschancen scheint auch die Empathie-Bereitschaft um ihn her rapide abzunehmen. Das Mitgefühl und die Solidarität, die der Figur von den anderen Protagonisten vorenthalten wird, dürfte ihm indes von Seiten der Zuschauer sicher sein: Hauptdarsteller Guillermo Pfening schafft es eindringlich, hinter der Maske des Schauspielers, der stets versucht, eine optimistische, sympathisch-unkomplizierte Fassade zu wahren, die Unsicherheiten, Enttäuschungen und Verletzungen herauszuarbeiten. Das Drehbuch, das sein Porträt wie ein Mosaik aus einer Vielzahl von Steinchen entstehen lässt, und die Kamera, die ihm bis zum Schluss kaum je von der Seite weicht, geben ihm dafür den gebührenden Rahmen.
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