König der Könige (1927)

Bibelfilm | USA 1927 | 154 Minuten

Regie: Cecil B. DeMille

Monumentales Stummfilmepos über das Leben Jesu. Cecil B. DeMille konzentriert sich auf den erwachsenen Jesus, seine Gefolgschaft und die Ränke schmiedenden Gegner und setzt vor allem die spektakulären Momente aus den Evangelien höchst effektvoll in Szene: Die Auferweckung des Lazarus, die Reinigung des Tempels, die Ölbergszene und die Kreuzigung. Die Erzählung des Films ist im Vergleich eher uneinheitlich ausgefallen, wird vom technischen Aufwand, der unter anderem auch Sequenzen im teuren Zweistreifen-Farbverfahren beinhalt, aber ohnehin in den Schatten gestellt. - Sehenswert ab 12.
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Filmdaten

Originaltitel
THE KING OF KINGS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1927
Produktionsfirma
DeMille Pictures Corp.
Regie
Cecil B. DeMille
Buch
Jeanie Macpherson
Kamera
J. Peverell Marley
Musik
Hugo Riesenfeld
Schnitt
Anne Bauchens · Harold McLernon
Darsteller
H.B. Warner (Jesus) · Dorothy Cumming (Maria) · Ernest Torrence (Petrus) · Joseph Schildkraut (Judas Ischariot) · Jacqueline Logan (Maria Magdalena)
Länge
154 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 12.
Genre
Bibelfilm | Stummfilm

Monumentales Stummfilm-Bibelepos von Cecil B. DeMille, der bei seiner Version des Lebens Jesu auf spektakuläre Effekte, Frömmigkeit und Sex setzte.

Diskussion
Das Felsengrab steht offen. Jesus, in weißem Gewand, schreitet auf Maria zu, deren Kleid rubinrot leuchtet. Zwei Sequenzen seines Stummfilm-Epos „The King of Kings“ ließ Cecil B. DeMille im sündhaft teuren Zweistreifen-Farbverfahren drehen, das lediglich Grün- und Rottöne wiedergab. Dass die Auferstehung in den irrealen – man könnte behaupten: übernatürlichen – Farbklängen von 2-Strip-Technicolor erstrahlt, bedarf keiner Erklärung. Wo sonst, wenn nicht hier, ist Farbe statt Schwarz-weiß geboten? Aber auch für den Filmbeginn ließ DeMille die Technicolor-Kamera laufen. Und scherte sich nicht darum, dass er Seligkeit und Sündenpfuhl damit auf eine Stufe stellte: Wir lernen Maria Magdalena als Kurtisane kennen, die ein rauschendes Fest feiert – in Pink und Dunkelgrün. Als die laszive Lady erfährt, dass ihr Liebhaber Judas seine Zeit mit einem Zimmermann aus Nazareth verbringt, schäumt sie und rauscht mit einer von Zebras gezogenen Kutsche davon. 15 Filmminuten später wird sie von Jesus exorziert. In wiederum beeindruckenden Trick-Einstellungen verscheucht der Heiland die Sieben Todsünden aus Maria Magdalenas Körper. „König der Könige“ bildet den Mittelteil einer inoffiziellen Bibeltrilogie zwischen DeMilles erster „Zehn Gebote“-Version von 1923 und seinem Tonfilm „Im Zeichen des Kreuzes“ (1932), in dem Charles Laughton als Nero die ersten Christen drangsaliert. Alle drei Filme irrlichtern zwischen ausgestellter Frömmigkeit, Sex und spektakulärem Grusel. „König der Könige“, wenige Monate vor dem „Jazz Singer“ noch stumm gedreht, blieb über Jahrzehnte so populär, dass erst 1961 ein großes Hollywoodstudio wieder einen Jesusfilm in die Kinos brachte – Nicholas Rays „King of Kings“, der trotz des gleichlautenden Titels andere erzählerische Akzente setzte als DeMille. Anders als später Ray ließ der wohl maßloseste Traumfabrikant des Kinos die Geburt im Stall zu Bethlehem und Jesu Jugendjahre weg, konzentrierte sich ganz auf den späteren Charismatiker, seine Gefolgschaft und die Ränke schmiedenden Gegner. Am Ende segnet Jesus als giganteske himmlische Erscheinung die moderne Welt: am unteren Bildrand sind Empire State Building, Big Ben und auch das Brandenburger Tor zu erkennen. Am Ostermontag präsentiert arte eine neue Restaurierung des Stummfilms von Lobster Films aus Paris. Die Fassung entspricht der Gala-Premiere vom April 1927 in New York. Das Kameranegativ existiert nicht mehr, so musste weitgehend auf eine persönliche Kopie DeMilles zurückgegriffen werden. Das Material war durchweg schwarz-weiß, inklusive der rötlichen, grünen und – für Nachtszenen – blauen Viragen. Die insgesamt 15 Technicolor-Minuten wurden in anderen Archiven gefunden. Die Zwischentitel liefern die entsprechenden Ziffern des Neuen Testaments gleich mit – sofern es sich um Bibelzitate handelt. Noch heute beeindrucken Szenen wie die Auferweckung des Lazarus, die Reinigung des Tempels, die Ölbergszene oder die Kreuzigung, die DeMille – eher alttestamentarisch – mit Gewitter, Sturm und desaströsem Erdbeben aufplustert. Judas, der sich reuevoll an einem Baum aufgehängt hat, wird noch als Leiche von einer Erdspalte verschlungen. Hohepriester Kaiaphas, von Gottes Zorn geschockt, nimmt die Schuld auf sich: „Lord God Jehovah, visit not Thy wrath on Thy people Israel – I alone am guilty!“ Mit dieser Wendung konterkarierte Drehbuchautorin Jeanie Macpherson antisemitische Lesarten der Passionsgeschichte, die auch in den USA verbreitet waren. DeMilles Besetzung ist eigenwillig. Dorothy Cumming, die Darstellerin der Mutter Maria, war beim Dreh 28, Christus-Darsteller Henry Byron Warner 50 Jahre alt, aber gut in Form. Offenbar sollte Jesus auf keinen Fall sexy wirken (was man Jeffrey Hunter in Nicholas Rays Neuverfilmung durchaus attestieren kann). Ausgerechnet Judas Ischariot, gespielt von dem gebürtigen Wiener Joseph Schildkraut, ist mit Abstand der attraktivste Jünger. Und er bekommt eine Hauptrolle – Judas missversteht Jesu Mission als die eines künftigen irdischen Königs und wendet sich dann enttäuscht von ihm ab –, während Simon Petrus (Ernest Torrence) im Vergleich marginalisiert wird. Maria Magdalena (Jacqueline Logan) und ihre Bekehrung stehen zwar anfangs im Fokus, aber die Ex-Sünderin verliert später an Bedeutung. Die Unebenheiten des Scripts werden von den effektvollen Schauwerten des Films weitgehend in den Schatten gestellt. Dank Cecil B. DeMille wurde der Heiland zu „Jesus Christ Superstar“ – vier Jahrzehnte vor Andrew Lloyd Webbers erfolgreicher Rockoper. Musikalisch überzeugt die auf der Synchronspur von 1928 basierende (neu eingespielte) Fassung nicht durchweg. Hugo Riesenfeld schrieb die Partitur, die allzu oft Musik von Händel, Berlioz, Verdi und Wagner direkt zitiert und das Material zeitweilig hart und ungeschickt aneinanderfügt. Vielleicht nimmt sich in Zukunft ein zeitgenössischer Komponist dem „König der Könige“ an.
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