Die Haut der Anderen

Erotikfilm | Deutschland 2016 | 113 Minuten

Regie: Thomas Stiller

Ein pornosüchtiger Autor erotischer Literatur verliebt sich in eine verheiratete Krankenschwester mit nekrophil-masochistischen Neigungen. Die stilistisch eigentümliche Mischung aus Drama und Erotikthriller präsentiert sich als ziemlich deutscher Versuch über tabuisierte Obsessionen. Von der Norm abweichende Sexualität wird dabei über einen Kamm geschert. Das weibliche Begehren wird als schuldhaft dargestellt, die häuslich-männliche Gewalt hingegen verharmlost.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2016
Regie
Thomas Stiller
Buch
Thomas Stiller
Kamera
Marc Liesendahl
Schnitt
William James
Darsteller
Oliver Mommsen (Marc) · Isabel Thierauch (Justine) · Torsten Michaelis (Eric) · Judith Hoersch (Sylvia) · Marco Hofschneider (Pierre)
Länge
113 Minuten
Kinostart
19.04.2018
Fsk
ab 16; f
Genre
Erotikfilm | Thriller
Diskussion
Schlaglichter auf Schädel, Knochen, Zähne, ein totes Reh, Blut, Fleisch. Eine Raupe kriecht langsam. Die raunende Musik zu den wie in einem Scheinwerferkegel kurz aufblitzenden Momentaufnahmen im Vorspann legt einen Thriller nahe. In einem dunklen Hotelzimmer telefoniert dann ein wütender, offenkundig verletzter Mann mit einer Frau. Im Hintergrund sitzt eine alternde Prostituierte auf dem Bett. Er faucht ins Telefon: „Das hättest du nicht von mir verlangen dürfen!“ Die Frau am anderen Ende der Leitung weint. Und entschuldigt sich. Auf diese Exposition folgt eine Rückblende: die Liebesgeschichte von Marc und Justine. Doch die Enthüllung, was Justine von Marc verlangt hat, erfolgt erst ziemlich gegen Ende; als Loop kehrt dann auch die Eröffnungsszene wieder. Thomas Stiller hat „Die Haut der Anderen“ nicht nur geschrieben und inszeniert, sondern auch ohne Förderung oder Fernsehsender produziert – respektive finanziert. Biografische Überschneidungen zur männlichen Hauptfigur sind nicht ausgeschlossen. Marc schreibt sehr erfolgreich erotische Literatur, in der er sexuelle Begierden jenseits romantischer Vorstellungen entfaltet. Gegenwärtig aber quält ihn eine Schaffenskrise. Er möchte sich nicht immer wiederholen. Die Begegnung mit Justine beflügelt ihn zu neuen Ergüssen. Das lese sich ja „wie ‚Shades of Grey’“, bemerkt sein umtriebiger Lektor. Er fände es „scheiße“, aber „verkaufen“ würde sich das sicher gut. „Die Haut der Anderen“ ist durchaus so etwas wie ein deutscher oder zumindest spießbürgerlicher Versuch über tabuisierte Obsessionen; moralisches Urteil inklusive. Marc und die Krankenschwester Justine, deren Name nicht von ungefähr an den Roman von de Sade denken lässt, haben beide ihr obsessives Päckchen zu tragen. Marc ist pornosüchtig; neben dem Laptop steht griffbereit eine Tissue-Packung. Zweisamkeit kommt in seinem Universum nur vermittelt vor. In einem Hotelzimmer hat er eine Kamera installiert, vor der sich Frauen ausziehen und masturbieren. Er verfolgt das im Nebenzimmer und befriedigt sich auch, was wiederum die Frauen auf dem Flachbildschirm in ihrem Zimmer sehen können. Live-Pornografie à la Internet. Justines Leidenschaften bleiben hingegen lange im Ungewissen; sie wurden in der Eingangsszene ja auch als Cliffhanger etabliert. Sie frönt in ihrem verborgenen Schuppen nekrophilen Tendenzen; sie sieht dort toten Tieren, die sie auf der Straße aufsammelt, beim Verwesen zu. Der Schuppen ist auch Zufluchts- beziehungsweise Rückzugsort: Justines Ehemann, ein gefeierter Theaterregisseur, wird regelmäßig gewalttätig. Zu sehen sind seine Übergriffe nie, wohl aber die Folgen: Justines Körper ist mit Hämatomen übersät. Diese Übergriffe, so gesteht sie Marc, hätten erst begonnen, als sie sich „Sachen“ von ihrem Mann gewünscht habe. Diese „Sachen“, so stellt sich bald beim Sex mit Marc heraus, sind masochistische Wünsche: Justine möchte gewürgt werden. Das ist das „Unding“, dass sie von Marc verlangt. Er weist sie schockiert zurück; sie aber hat sich zum zweiten Mal „schuldig“ gemacht – und beteuert, dass sie sich ändern könne. Gewürgt werden zu wollen ist hier offenbar das schlimmste Vergehen. Die Gewalt von Justines Ehemann wird von der Figur auf diese Weise gerechtfertigt. Der Film lässt dies nicht nur stehen, sondern forciert es auch noch, so als wäre ein weibliches, selbstbestimmtes sexuelles Begehren nicht erlaubt. Justines individuelles Begehren wird dann auch noch mit der voyeuristischen Pornosucht der männlichen Hauptfigur gleichgesetzt. Die erstrebenswerte Norm und Rettung: Kuschelsex.
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