Nach einer wahren Geschichte (2017)

Thriller | Frankreich/Polen/Belgien 2017 | 101 Minuten

Regie: Roman Polanski

Eine Pariser Schriftstellerin gerät nach dem durchschlagenden Erfolg ihres jüngsten Romans in eine Schaffenskrise. Da lernt sie eine geheimnisvolle Fremde kennen, die ihr durch die Krise hilft, sich dabei aber immer intensiver in ihr Leben einmischt. Der auf einem Roman von Delphine de Vigan fußende Machtkampf der beiden Frauen ist als klassischer Thriller strukturiert. Die Inszenierung hält die Handlung jedoch bewusst diffus und lässt Spannung wie Genrekonventionen gleichermaßen ins Leere laufen. Daraus resultiert eine eher konventionelle Geschichte über die Grenzen zwischen Erzählung und Realität.

Filmdaten

Originaltitel
D'APRÈS UNE HISTOIRE VRAIE
Produktionsland
Frankreich/Polen/Belgien
Produktionsjahr
2017
Regie
Roman Polanski
Buch
Roman Polanski · Olivier Assayas
Kamera
Pawel Edelman
Schnitt
Margot Meynier
Darsteller
Emmanuelle Seigner (Delphine) · Eva Green (Elle) · Vincent Perez (François) · Josée Dayan (Karina) · Camille Chamoux (Presseagentin)
Länge
101 Minuten
Kinostart
17.05.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Thriller
Diskussion
Wie ein Gespenst taucht sie im Film auf. Nach der Signierstunde, die die gefeierte Schriftstellerin Delphine (Emmanuelle Seigner) erschöpft abbrechen lässt, steht sie ihr direkt gegenüber. Als „Elle wie Elisabeth“ stellt sie sich vor. Ein Name, der fortan durch Delphines Leben geistert und sie nicht mehr loslassen wird. Denn Elle (Eva Green) ist nicht gekommen, um sich eine Widmung in ihre Taschenbuchausgabe von Delphines Roman schreiben zu lassen. Sie drängt sich in das Leben der Schriftstellerin. Nicht als schlichter Fan, sondern als Gleichgesinnte. Elle ist Ghostwriterin. Jemand, der die Geschichten anderer schreibt, dabei selbst im Hintergrund bleibt – ein Phantom. Delphine verfällt ihr. Schon bei ihrer zweiten Begegnung vertraut sie sich ihr an, findet in ihr eine Freundin, die ihr durch eine Schreibblockade hilft. Während die Schriftstellerin an einer Freundschaft und dem damit verbundenen Ausbruch aus der Einsamkeit ihres Berufsdaseins interessiert ist, greift Elle vom ersten Moment an direkt in Delphines Arbeit ein. Unaufhörlich mischt sie sich in den Schreibprozess ein: mal mit einfühlsamen Worten, mal mit offener Streitlust, immer mit der Forderung, die eigene Biografie zum Sujet zu machen. Doch eine derartige Arbeitsweise hat die Autorin bereits von ihrer Familie distanziert. Delphine lebt allein und vereinsamt im schicken und doch gespenstischen Paris. In ihrer Wohnung führt Regisseur Roman Polanski die Lebenswelten beider Frauen betont langsam zueinander. Auf die gleiche Art, mit der Elle in Delphines Dasein getreten ist, scheint sie es nun zu imitieren, ja, zu vereinnahmen. Auf die beiläufige Beobachtung, dass die neue Freundin die gleichen Stiefel trägt, folgt eine ganze Reihe seltsamer Annäherungen, bis Elle schließlich den Platz am Schreibtisch einnimmt, während die Schriftstellerin in der Unschärfe des Bildhintergrundes verschwindet. Die Inszenierung hält die Erzählung bewusst diffus. „Nach einer wahren Geschichte“ ist ein Film, der vieles andeutet, den Schritt ins Konkrete aber stets verweigert. Eine potenzielle Liebesaffäre zwischen beiden Frauen, die sich bei einem gemeinsamen Abend mit einem langen, innigen Blick anbahnt, flacht alsbald wieder ab. Ebenso die Familienkrise der einsamen Autorin: Ehemann François und ihre Kinder sind zwar weit entfernt, aber kaum mehr als Fußnoten. Die emotionalen Abzweigungen, die Polanski gemeinsam mit seinem Co-Autor Olivier Assayas aus der Romanvorlage von Delphine de Vigan herausgeholt hat, werden nur angerissen, aber nie verfolgt. Der Film bleibt auf Distanz, lässt Leidenschaft und Genrekonventionen gleichermaßen in der Luft hängen. Selbst einigen Drohbriefen und dem Hinweis, dass Delphine „ in Gefahr“ sei, verweigert der Regisseur jede Wirkungsmacht. Alle Spuren von Suspense und Obsession, die einen Großteil von Polanskis bisherigem Oeuvre geprägt haben, werden hier sukzessive verwischt. Wo Filme wie „Ekel“ (fd 13 553) oder „Der Mieter“ (fd 19 973) noch die Fähigkeit besaßen, Paranoia und psychische Leiden mit einer Kraft auf die Leinwand zu bringen, die Hauswände aufzureißen vermochte, erinnert in „Nach einer wahren Geschichte“ nur noch Alexandre Desplats seltsam antiquierte Filmmusik an einen Thriller, auf den Polanski sich nicht einlassen will. Der Film pendelt sich vielmehr auf einen abgegriffenen Realität/Fiktion-Topos ein. Nach einigen dramaturgischen Volten bleibt irgendwann nur noch das Schreiben als einziger Fluchtpunkt der Erzählung. Delphine scheint durch Elles Biografie, aus dem die geheimnisvolle Begleiterin im Laufe des Films mehr und mehr preisgibt, eben jene Inspiration zu gewinnen, die es braucht, um die Schreibblockade erneut zu durchbrechen. Nachdem das Leben ihrer eigenen Familie einen gefeierten Bestseller inspiriert und Delphine gleichzeitig aus diesem Leben verdrängt hat, muss jemand anderes für den großen Roman ausgeschlachtet werden. Eine Erkenntnis, die Polanski Anlass gibt, Erzähltes und Erlebtes in einem einzigen Moment miteinander zu verzahnen: jenem Moment, als Delphine wieder zu schreiben beginnt. Mit zitternden Händen schmiert sie die erste Seite ihres Notizbuches voll. Doch der ekstatische Augenblick, in dem endlich etwas zu Papier gebracht wird, kommt über eine Andeutung nicht hinaus, ein Gespenst, ausgeschrieben in vier großen Lettern: E-L-L-E.
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