Mystery | Luxemburg/Belgien/Deutschland 2017 | 107 Minuten

Regie: Govinda van Maele

Ein wortkarger Deutscher flüchtet mit der Beute aus einem Überfall in ein abgelegenes Dorf in Luxemburg. Er verliebt sich in die Tochter des Bürgermeisters und scheint sich in den ländlichen Alltag zu integrieren. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein, und auch hinter der dörflichen Idylle tun sich Abgründe auf. Der erfrischend mutige Genre-Mix verbindet Elemente des Horrorgenres mit inszenatorischen Elementen des Independent-Kinos, bleibt als soziale Allegorie aber vage. Der bemüht realitätsnahe Low-Budget-Stil verschleppt überdies das Tempo, was auf Kosten der Spannung geht. Dennoch ein reizvoller Debütfilm. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
GUTLAND
Produktionsland
Luxemburg/Belgien/Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Govinda van Maele
Buch
Govinda van Maele
Kamera
Narayan Van Maele
Musik
Mocke
Schnitt
Stefan Stabenow
Darsteller
Frederick Lau (Jens Fauser) · Vicky Krieps (Lucy Loschetter) · Marco Lorenzini (Jos Gierens) · Leo Folschette (Arno Kleyer) · Gérard Blaschette (Hendrik Kleyer)
Länge
107 Minuten
Kinostart
03.05.2018
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Mystery | Thriller

Erfrischend mutiger Genre-Mix zwischen Horror und Independent-Kino über einen Räuber, der in einem scheinbar idyllischen Dorf untertaucht.

Diskussion
Das Dorfleben ist der blanke Horror. Dieses urbane Klischee hegt das westliche Kino schon seit Jahrzehnten, mal im Gewand eines sozialkritischen Dramas oder als Anti-Heimatfilm, der die provinzielle Enge zur Schau stellt. Mal aber auch wörtlich und zugleich als ins Allegorische gewendeter Horrortrip. Der luxemburgische Drehbuchautor und Regisseur Govinda Van Maele versucht in „Gutland“, diese beiden unterschiedlichen Herangehensweisen miteinander zu verbinden, was aus seinem Spielfilmdebüt ein hochspannendes Projekt macht. Ein von der Außenwelt abgeschottetes Dorf eignet sich auch deshalb so hervorragend als filmisches Experimentierfeld, weil es einen geschlossenen Mikrokosmos bietet: eine kleine Welt mit eigenen Regeln. Auf den ersten Blick scheint das in „Gutland“ eine heile Welt zu sein. Mit der Zeit aber entpuppen sich die dortigen Regeln als grausam und unerbittlich. Zu spüren bekommen das all jene, die sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze halten wollen, und natürlich die Fremden, die ungebeten aufkreuzen. Im Falle des kleinen luxemburgischen Dorfes ist das ein bärtiger, langhaariger Deutscher in Jeansjacke, der mitten zur Erntezeit nach Arbeit fragt. Es passt zur mutigen Jonglage mit Genreversatzstücken und Stilelementen, dass der von Frederick Lau überzeugend als wortkarg und spröde verkörperte Mann einem „lonesome cowboy“ ähnelt. Ein moderner Westerner, der sich zwar nicht hoch zu Pferde, sondern zu Fuß dem Dorf nähert, dafür aber mit einer Tasche voll Geld. Moralisch beschreitet die Inszenierung den unbequemen, anspruchsvollen Weg und stellt nicht nur einen Flüchtling, sondern zugleich auch einen Verbrecher ins Zentrum. Jens befindet sich nach einem bewaffneten Überfall nämlich auf der Flucht vor der Polizei. Viel mehr erfährt man über ihn allerdings nicht. Für die Zuschauer wie für die Dörfler bleibt er ein undurchsichtiger, undurchschaubarer Fremder. Umgekehrt gilt dies aber auch für die Einheimischen, die ein düsteres Geheimnis teilen, was sich bald erahnen lässt. Anfangs wird Jens überall brüsk abgewiesen. Nachdem sich aber Lucy, die Tochter des Bürgermeisters, an ihn herangeschmissen und eine Nacht mit ihm verbracht hat, findet er plötzlich doch eine Arbeit. Auch von Lucy erfährt man wenig. Vicky Krieps verleiht ihr eine ansteckend-mädchenhafte Fröhlichkeit, die aber ähnlich wie die Knurrigkeit von Frederick Lau letztlich nur eine oberflächliche Maske ist. Mit der Zeit scheint Jens seinen Platz in der Dorfgemeinschaft zu finden. Die Beziehung zwischen ihm und Lucy wird ernsthafter. Für Lucys kleinen Sohn schlüpft Jens sogar in die Rolle des Ersatzvaters. Und um in der örtlichen Blaskapelle mitmachen zu können, lernt er sogar Trompete. Doch irgendwo draußen lauern seine beiden Komplizen, die an das Geld heranwollen. Und in einem leerstehenden Haus am Dorfrand kommt er einem kollektiven Verbrechen auf die Spur, in dem auch ihm eine tragende Rolle zukommen soll. Aus der anfangs so friedlichen Integration erwächst immer mehr ein blutiger Assimilationshorror. Dieser Handlungsstrang lässt sich unschwer als Kommentar zur nationalistischen Flüchtlingspolitik dechiffrieren, der im Windschatten des Horrorplots allerdings metaphorisch vage bleibt. Und da die Figuren psychologisch bestenfalls zweidimensional ins Genreraster eingepasst wurden, erweist sich „Gutland“ in Kern als Horrorfilm, der mit den filmischen Mitteln des Independent-Kinos erzählt wird. Handkamera, lange Einstellungen, fotografische Momentaufnahmen, ein geduldiges Erzähltempo und die zurückhaltende Filmmusik prägen den Stil. Statt auf Hochglanz und „bigger than life“ setzt die Inszenierung auf einen pseudodokumentarischen, realistischen Look. Im Gegensatz zu Genreklassikern wie den Verfilmungen von Ira Levins „Die Frauen von Stepford“ (1975 und (fd 36 569)) verbreitet der Film keine luxuriös-futuristische Exotik, sondern bleibt seinem bodenständigen, bäuerlich-biederen Umfeld verhaftet. „Gutland“ gewinnt aus der Kombination von Sozialrealismus und Horrorfantasie einen besonderen Reiz, bremst die Genredynamik aber durch den behäbigen Arthouse-Erzählrhythmus aber immer wieder aus. Besonders augenfällig wird dies, wenn Van Maele Alfred Hitchcock die Ehre erweist, der ebenfalls mit den Genres spielte. Der Dreiklang aus gestohlenem Geld, Unterschlupf und Horror weckt Assoziationen an „Psycho“ (fd 9570), und wenn der Protagonist im Maisfeld um sein Leben rennt, ist auch „Der unsichtbare Dritte“ (fd 8754) nicht weit. Was Spannung und Nervenkitzel anbelangt, liegen allerdings Welten zwischen den beiden.
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