Wohne lieber ungewöhnlich

Komödie | Frankreich/Belgien 2016 | 95 Minuten

Regie: Gabriel Julien-Laferrière

Sieben französische Scheidungsgeschwister zwischen vier und 17 Jahren haben die ständige Pendelei zwischen unterschiedlichen Wohnungen satt. Sie verbünden sich gegen ihre mehrfach getrennten und neu verheirateten Elternteile und ziehen gemeinsam in eine riesige Altbauwohnung in Paris. Dort sollen sich die insgesamt vier Elternpaare künftig um sie kümmern. Die beherzte Komödie bietet einen erfrischend neuen Blick auf das Leben in Patchwork-Familien, wobei der Fokus ganz auf den Kindern liegt, die als klüger, radikaler und mutiger gezeichnet werden. Gemeinsam entdecken sie die Vorteile von Stabilität, Zusammenhalt und die einer Großfamilie, was auf Dauer auch die Erwachsenen ahnen.

Filmdaten

Originaltitel
C'EST QUOI CETTE FAMILLE?!
Produktionsland
Frankreich/Belgien
Produktionsjahr
2016
Regie
Gabriel Julien-Laferrière
Buch
Camille Moreau · Olivier Treiner · François Desagnat · Romain Protat
Kamera
Cyrill Renaud
Schnitt
Thomas Beard
Darsteller
Julie Gayet (Sophie) · Thierry Neuvic (Philippe) · Julie Depardieu (Agnès) · Lucien Jean-Baptiste (Hugo) · Claudia Tagbo (Babette)
Länge
95 Minuten
Kinostart
17.05.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Komödie
Diskussion
Frankreich gehört zu den europäischen Ländern mit der höchsten Scheidungsrate. Den laxen Umgang mit der Ehe nutzt Regisseur Gabriel Julien-Laferrière für eine Komödie, die sich allerdings primär mit den Trennungskindern befasst. Auch hierbei geht es weniger um die emotionale Seite als um die logistische, was im Kino eine erfrischend neue Sichtweise ist, obwohl sich das Thema längst anbietet; man sieht schließlich in jedem Scheidungsfilm mindestens ein Kind von einem Haushalt zum anderen wandern, immer auf dem Sprung, das richtige Elternteil am richtigen Tag aufzusuchen, um mit ihm den vorgeschriebenen Teil an Lebenszeit zu verbringen. Für diese Kinder verlagert sich das Wohnen auf mindestens zwei, wenn nicht mehr Orte. Das spielt der Film nicht nur mit einem, sondern mit sieben Kindern durch. Sie sind Ganz-, Halb- oder Garnicht-Geschwister, manche über ein Elternteil miteinander verwandt, manche auch aus zwei vorhergehenden Familien in eine dritte gepflanzt. Die Verwandtschaftsbeziehungen sind letztlich egal, auch wenn sie zu lustigen Gedankenspielen über Wahl- und biologische Zugehörigkeit anregen. Entscheidend ist, dass die Inszenierung sich fragt, wie viele Elternwechsel pro Woche sieben Kinder von vier Elternpaaren hinlegen müssen, und was sie von dieser Situation halten. Nicht viel, um es vorsichtig zu formulieren. Besonders dem Teenager Bastien reicht es mit dem Nomadenleben. Er schmiedet einen Plan, der die Zukunft für ihn und seine diversen Geschwister revolutionieren soll: Alle Kinder ziehen in eine gemeinsame Wohnung. Dort finden sich dann in festgelegtem Rhythmus abwechselnd die verschiedenen Eltern ein, um für jeweils 24 Stunden Aufsichts- und Zuwendungspflicht zu erfüllen. Die Pendel-Logistik soll ab jetzt also bei den Erwachsenen liegen – von daheim in die Kinderwohnung und zurück. Bastien berät sich mit seinen sechs Leidensgenossen, und alle sind begeistert. Es steht auch gleich die passende Eigentumswohnung zur Verfügung, da eine der Omas kürzlich gestorben ist. Platz ist also da, und Geld wird sowieso kaum erwähnt; zu viel Realität soll dann doch nicht in die Geschichte dringen. Der Plan, wie man die Eltern für diese Idee gewinnen kann, geht wider Erwarten, wenn auch mit viel Gezeter, auf. Bei den Verhandlungen sieht man alle Eltern und alle Kinder in einem Raum, was nicht nur durch die Anzahl der Personen beeindruckend ist, sondern auch durch die einzelnen Fronten: Wut und Verwirrung auf Seite der Alten, Vernunft und Organisationstalent auf der der Jungen. Das Leben in der neuen WG startet großartig. Die Wohnung, ein Pariser Altbau mit Zimmerfluchten, Gängen und Salons, wird von den sieben Kindern zwischen vier und 17 Jahren mit Schwung in Beschlag genommen. Die Eltern tun sich mit der neuen Lebensführung etwas schwerer, merken aber trotzdem, dass ihnen die Gruppenerfahrung gefällt. Die Väter hängen eine Schaukel in den Flur, die Mütter fangen zu kiffen an, bald verbringen die Erwachsenen mehr als die vorgesehene Zeit in der Kinderwohnung. Es tritt das ein, was in WGs im besten Fall eintritt, in französischen Komödien hingegen grundsätzlich: Entspannung. Der Film hält sich mehr an die Kinder als an die Erwachsenen. Obwohl auch die Erziehungsberechtigten ein paar amüsante Konflikte austragen, sind die Kinder klüger, radikaler, übermütiger. Sie sind zahlreich genug, um unterschiedlichste Charaktere vorzustellen; das liefert Wortwitz und Situationskomik gleichermaßen. Einmal laufen alle Kinder nebeneinander auf dem Bürgersteig, im vollen Bewusstsein ihrer Verschwörung. Das verleiht dem Film etwas von einem Western: Er ist mit jugendlichem Kampfgeist angefüllt, so wie später mit jugendlicher Solidarität, wenn man die Kinder zusammen planen, diskutieren oder kuscheln sieht. Das gemeinsame Wohnen formt sie zu einer Bande, die füreinander da ist und Verantwortung übernimmt, oft für die Erwachsenen gleich mit. Es gibt für diese WG ein paar Hürden zu nehmen, emotionale und bürokratische. Kurz wird auch auf das Misstrauen der Gesellschaft verwiesen, wenn es um ungewohnte Formen von Familie, Erziehung oder Selbstverantwortung geht. Aber immer hält die Inszenierung die Geschichte leicht und unterhaltsam, wenngleich die Wendungen zunehmend kitschiger werden. Was aber nichts an der Tatsache ändert, dass der Film vor Augen führt, wie Kinder mit den Schwierigkeiten von Liebe oder Trennung besser zu Rande kommen als ihre Eltern – und trotzdem nicht zu großen Zynikern werden.
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