Zentralflughafen THF

Dokumentarfilm | Deutschland/Frankreich/Brasilien 2018 | 101 Minuten

Regie: Karim Aïnouz

In den Hangars des stillgelegten Tempelhofer Flughafens leben geflüchtete Menschen in dünnwandigen Wohnwaben auf engstem Raum. Ein Jahr lang dokumentiert der Film den Alltag in der größten Flüchtlingsunterkunft Berlins, streng alternierend zwischen Freizeitaktivitäten der Stadtbevölkerung und dem improvisierten Dasein im Hangar. Ein geflüchteter Syrer steuert aus dem Off Erzählungen bei. Das eröffnet neue, wohltuend humorvolle Perspektiven auf das Ankommen in Deutschland, auf Heimat, Heimatlosigkeit und das Dazwischen.

Filmdaten

Originaltitel
CENTRAL AIRPORT THF
Produktionsland
Deutschland/Frankreich/Brasilien
Produktionsjahr
2018
Regie
Karim Aïnouz
Buch
Karim Aïnouz
Kamera
Juan Sarmiento G.
Schnitt
Felix von Boehm
Länge
101 Minuten
Kinostart
05.07.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Es fehlt nicht an Humor. Eigentlich ist das Ganze ein Witz, eine Art Treppenwitz der Geschichte: Die Hangars eines stillgelegten Flughafens, zumal die von Tempelhof, dem ehemaligen Nazi-Vorzeigeprojekt, Hort der Luftbrücke und späteren Militärbasis der US Air Force, fungieren als Flüchtlingsunterkunft. Ein Flugfeld, so scheint es „Zentralflughafen THF“ von Karim Aïnouz zu erzählen, kann man durchaus umwidmen; ein Flugfeld kann zur Heimat werden. Etwa für urbane Gärtner, inklusive deren basisdemokratischen Ritualen. Ein Hangar aber bleibt weiterhin ein Transitraum. Sogar Flugzeuge parken noch davor. Einige Geflüchtete, die nach Tempelhof kommen, hätte angesichts der Flugzeuge die Angst gepackt, in ihre Heimat zurückgeschickt zu werden, nach Afghanistan oder nach Syrien. Das sei das Lustigste, was er hier gehört habe, berichtet Ibrahim Al Hussain, ein junger Syrer, dessen Geschichte und Worte aus dem Off den Film strukturieren. Über ein Jahr hat Aïnouz das Leben von Al Hussain in der temporären Unterkunft beobachtet, die ursprünglich nur für einen Aufenthalt von wenigen Tagen oder Wochen gedacht war. Al Hussain blieb aber 15 Monate dort, andere bleiben noch länger. Keiner weiß, wann und wie es weitergeht. Bis zu einer Nachricht, die unversehens vom Amt kommen kann, ist Zeit für Impfungen, Deutschkurse, Papierkram. Und fürs Warten, Warten, Warten. Das kann dann auch so aussehen: Drei Freunde sitzen zusammen und rauchen Wasserpfeife. Sie blicken von den Bierbänken vor dem Hangar aufs Flugfeld. Das sei ein so einzigartiger Ausblick, sagt einer, am liebsten würde man für immer hier bleiben. Alle lachen. Wieder so ein guter Witz. Die Jahreszeiten kommen und gehen, es wird Sommer, Herbst, Winter und Frühling. Die Bienen des Imkers auf dem Flugfeld summen wieder in ihren Waben. Dieses Bild wiederholt sich und verweist auf ein anderes: auf die Waben im Hangar. In vielsagenden Totalen vermisst die Kamera von Juan Sarmiento G. die Räume. Weiße Quadrate reihen sich Wand an Wand in der riesigen Halle. Es gibt nur Vorhänge, keine Türen. „Die Feuerschutzbestimmungen“, wird einem Bewohner achselzuckend beschieden, der nach etwas mehr Intimität oder Privatsphäre fragt. Der brasilianische Regisseur Aïnouz, selbst Sohn eines politischen Flüchtlings aus Algerien, lebt inzwischen in Berlin. Sein Blick auf die Wahlheimat, auf den Flughafen, auf die Geflüchteten und auf die Deutschen ist einer von außen, gleichzeitig distanziert und ungeheuer empathisch. Er fügt den vielen Dokumentarfilmen über Flucht und die Ankunft in Deutschland eine dezidiert neue Perspektive hinzu: unaufgeregt, erhellend und irgendwie hoffnungsfroh. Der Außenbereich der Hangars ist vom Flugfeld durch einen Zaun getrennt. Immer wieder wechselt Aïnouz mittels einer traumwandlerischen Montage von der einen Seite zur anderen: Hier der Hangar und der Versuch anzukommen im temporären Zuhause, dort das Freizeitvergnügen der Berliner, die sich im Sommer wie im Winter mit Skateboards, an Gleitschirmen oder auf Schlitten und Fahrrädern das Flugfeld aneignen. Mittlerweile sind die Flüchtlinge aus dem Hangar in ein Containerdorf gezogen, das gegen Ende des Films auf dem Flugfeld aufgebaut wird. Mehr Privatsphäre, mehr Türen, mehr Selbstversorgung. Auf Arabisch werden die Monate eingeblendet, Ibrahim Al Hussain spricht sie dazu. Er berichtet aus der Vergangenheit, aus Syrien. Sein schlimmster Tag sei der vor seinem Aufbruch gewesen: als er nicht gewusst habe, ob er seine Familie je wiedersehen würde. Inzwischen denke er manchmal, dass dies möglich sei. Al Hussain ist nicht der einzige Protagonist. Quataiba Nafea kommt aus dem Irak. Im Hangar arbeitet er als Übersetzer und unterstützt die Ärzte. Er hat im Irak selbst als Arzt gearbeitet; Arztberuf ist sein großer Traum. Das sei doch das Paradies hier, sagt ein alter Mann zu ihm, den er untersucht. Das ist eine anrührende Szene. Wenn der Tempelhofer Hangar mit all seinen absurden, kafkaesk anmutenden Regeln und Bedingungen das Paradies ist: Wie sah dann die Hölle aus?
Kommentar verfassen

Kommentieren