Guardians of the Earth

Dokumentarfilm | Österreich/Deutschland 2017 | 89 Minuten

Regie: Filip Antoni Malinowski

Der Klimawandel lässt sich medial nicht dokumentieren, auch wenn Dürren, Überschwemmungen und Waldbrände merklich zunehmen. Auf der Weltklimakonferenz 2015 in Paris rangen die Delegierten elf Tage lang um eine gemeinsame Erklärung zur Begrenzung der globalen Erwärmung. Der hochspannende Dokumentarfilm begleitet einige Abgesandte aus Regionen, die schon jetzt von sich häufenden Naturkatastrophen betroffen sind, und die deshalb gegen den Widerstand der Industrienationen eine Marge von höchstens 1,5 Grad durchsetzen wollen. Ein ungewöhnlicher, vielschichtiger Blick ins Dickicht der Verhandlungsdiplomatie.

Filmdaten

Originaltitel
GUARDIANS OF THE EARTH
Produktionsland
Österreich/Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Filip Antoni Malinowski
Buch
Filip Antoni Malinowski
Kamera
Jakob Fuhr · Börres Weiffenbach · Emmanuel Cappelin · Filip Antoni Malinowski · Attila Boa
Schnitt
Frank Brummundt
Länge
89 Minuten
Kinostart
31.05.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Der Schutz von Pandabären leuchtet dank knuffiger Werbeplakate fast genauso unmittelbar ein wie die Hilfe für Menschen angesichts einer Hungersnot. Der Klimawandel aber besitzt kein Bild, das die von ihm hervorgerufenen Verheerungen veranschaulichen würde. Er besteht aus vielen Facetten: Dürren, Überschwemmungen und Waldbrände nehmen merklich zu, doch einzelne Ereignisse lassen sich nur vage auf ihn zurückführen. Die Veränderung vollzieht sich schleichend; wie in einem Kochtopf steigt die Wärme nur graduell an. Niemand wird direkt ins kochende Wasser geworfen, doch wie der beispielhafte Frosch im Topf droht die Menschheit den Zeitpunkt zum Absprung zu verpassen. Seit den 1990er-Jahren treffen sich alle paar Jahren Menschen aus aller Welt, um dem höchstwahrscheinlich von ihrer Gattung verursachten Phänomen Herr zu werden. Der Dokumentarist Filip Antoni Malinowski begleitet in „Guardians of the Earth“ einige von ihnen bei der Pariser Klimakonferenz 2015. Die „Beschützer“ heißen Ronny Jumeau von den Seychellen oder Salemuul Huq aus Bangladesh und stammen aus Regionen, die schon jetzt unter den sich häufenden Naturkatastrophen zu leiden haben; im Extremfall droht ihr Land vom Ozean verschluckt zu werden, was die lokale Tourismusbranche aktuell noch als morbide Attraktion verkauft. Jumeau und Huq streiten sich mit Vertretern der westlichen Welt, ob sich die Atmosphäre künftig um zwei oder nur um 1,5 Grad erwärmen darf. Als größten Bremser macht der Film den Gesandten Saudi-Arabiens aus, der im Vertragstext jedes verbindliche „shall“ durch ein weicheres „should“ ersetzen möchte. Ein erfahrener österreichischer Verhandler erläutert, dass es in Paris darum gehe, die zigtausend im Ursprungstext mit Eckklammern offengelassenen Punkte zu konkretisieren. Wie der Originaltext entstand, erfährt man allerdings nicht. „Guardians of the Earth“ nimmt die Konferenz mit ihren 35.000 Teilnehmern als eigenen Kosmos in den Blick. Der Film zeigt die offizielle Begrüßung, aber auch die Lagebesprechung der Security oder den Stellungskampf der Fotografen beim Besuch von Arnold Schwarzenegger. Auch Aktionen abseits des Protokolls spart der Film nicht aus: Umweltschützer protestieren gegen das Greenwashing von Konzernen wie Coca-Cola, die für PR-Stände auf dem Konferenzgelände hunderttausende Dollar zahlen, bis die Protestierenden schließlich weggetragen werden. „Sie wissen das Richtige zu sagen, und verhindern schließlich, dass irgendetwas geschieht“, beschreibt der Delegierte Huq die modernen Sophisten aus den Industrie- und Ölländern. Auch wenn man als Zuschauer längst nicht alles erfährt, was bei der Konferenz passiert, faszinieren die hier gewährten Einblicke ebenso wie die Organisationsleistung durch die unermüdliche Leiterin Christiana Figueres sowie der Weg zum finalen Erreichen eines Ergebnisses, auch wenn keine Institution der Welt dessen Umsetzung erzwingen kann. Durch seinen Fokus auf den Konferenzort und die Rochaden der verhandelnden Personen entbehrt der Film allerdings einer sinnlichen Ebene; nur über Bild-im-Bild-Videoschnipsel auf den Laptops der Delegierten lässt der Film die Außenwelt herein. Akustisch wird „Guardians of the Earth“ durch abfällige Äußerungen von Donald Trump über den Klimawandel gerahmt. Seitdem der US-Präsident, dessen Land ein Drittel der weltweiten Emissionen verantwortet, das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt hat, büßte der Kampf gegen den Klimawandel spürbar an Stärke ein. „Menschen, die von einem System profitieren, wollen es nicht ändern“, sagt der Delegierte Huq. Ob er und die anderen „Guardians of the Earth“ den Planeten retten können, indem sie die Akteure ihrer froschartigen Passivität entreißen, erscheint ungewisser denn je.
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