Dokumentarfilm | Österreich 2016 | 95 Minuten

Regie: Arash T. Riahi

Die alpenländische Musikinitiative „((superrar))“ will benachteiligte Kinder und Jugendliche durch Singen und Musizieren dabei unterstützen, selbstbewusster und stärker zu werden. Der Dokumentarfilm folgt einem Dutzend junger Menschen aus prekären Lebensverhältnissen, wie sie ihre persönlichen, ethnischen oder sozialen Barrieren durch die Kraft der Musik überwinden lernen. Der berührende Film findet prägnante Bilder für die Gefühlslagen der Kinder und zeichnet sich durch eine große Nähe zu den jungen Protagonisten aus. Nachdrücklich plädiert er für eine Bildung, die nicht nur auf Leistung schielt.

Filmdaten

Originaltitel
KINDERS
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2016
Regie
Arash T. Riahi · Arman T. Riahi
Buch
Arash T. Riahi · Arman T. Riahi
Kamera
Mario Minichmayr · Arash T. Riahi · Arman T. Riahi
Schnitt
David Arno Schwaiger
Länge
95 Minuten
Kinostart
31.05.2018
Fsk
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Erst einmal innehalten. Die Kamera blickt durch die Blätter eines Baums; zirpende Grillen und zwitschernde Vögel imaginieren eine sommerliche Kulisse. Dann ein harter Schnitt. Ein Mädchen sitzt auf einem Stuhl in einer Wiese und beginnt zu erzählen, den Blick direkt in die Kamera gerichtet. Sie spricht über die Wut, die sie in ihrem Bauch hat. Ein weiterer harter Schnitt und man sieht einen Jungen, der eine große Sesamstraßen-Puppe in der Hand hält und sich über einen blöden Vater beklagt, weil der seinem Sohn den Kontakt zu ihm verbietet. Noch immer sind die Grillen und die Vögel zu hören. Aber ihr Gesang hat die Unschuld verloren. Die Nähe zu den Protagonisten und die atmosphärische Tongestaltung prägen die ersten Szenen des Dokumentarfilm „Kinders“, in dem Arash T. und Arman T. Riahi die Teilnehmer eines außergewöhnlichen Musikprojekts in Österreich begleiten. Angelehnt an das Vorbild „El Sistema“, ein musikpädagogisches Netzwerk aus Kinder- und Jugendorchestern aus den Favelas in Venezuela, richtet sich auch „((superrar))“ primär an benachteiligte Kinder und Jugendliche; Musizieren und Singen sollen hier soziale und persönliche Barrieren überwinden helfen und als Medium der Selbstermächtigung dienen. Porträtiert werden dementsprechend keine Kinder aus dem Bildungsbürgertum oder aus behüteten Familien, sondern solche, die aus schwierigen Verhältnissen kommen. Viele haben Fluchterfahrungen, leiden unter der Trennung ihrer Eltern oder darunter, dass sie von einem Elternteil verstoßen wurden. In beiläufigen Szenen wird spürbar, dass einige von ihnen schon viele Erfahrungen mit Spott und Ausgrenzung gemacht haben. Oder dass ihr Grundgefühl eben Wut ist, wie es das Mädchen zu Beginn des Films ausdrückt. Da die Inszenierung sich vor allem auf die jungen Protagonisten konzentriert, und diese eine große Nähe zulassen, entgeht „Kinders“ der Gefahr, zum Imagefilm für das Projekt zu werden. Nicht das disziplinierte Üben oder die musikalische Ausbildung steht hier im Mittelpunkt, sondern Beobachtungen darüber, was das Singen und Musizieren für die Kinder bedeutet und wie sie dieses als Herausforderung und Ausdrucksform für sich entdecken. Für die Situation der Kinder finden die beiden Regisseure prägnante Bilder. Manchmal sieht man die Protagonisten auf der Straße stehen und Geige spielen, während sich riesige laute Baumaschinen direkt hinter ihnen langsam durchs Bild bewegen. Diese künstlich wirkenden Bilder irritieren zunächst, weil sie so betont absurd sind. Dabei zeigen sie nur zu deutlich, wie die Kinder versuchen, sich zu behaupten und ihren Weg zu finden, auch wenn man sie inmitten des Lärms kaum wahrnimmt. „Kinders“ lenkt den Blick auf jene, die sonst nicht oder zu wenig beachtet werden. Im letzten Drittel überwiegen allerdings konventionell geratene „Schulszenen“, in denen die Kinder zur Masse werden und die enthusiastischen Musikpädagogen ein wenig zu viel Raum erhalten. Doch auch diese Szenen erzählen davon, wie leidenschaftlich Bildung sein kann, die nicht auf Leistung ausgerichtet ist, sondern die Schüler ermutigt und ihnen Optionen eröffnet.
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