Literaturverfilmung | USA 2018 | 481 (zehn Folgen) Minuten

Regie: Jakob Verbruggen

Serienverfilmung von Caleb Carrs Kriminalromanen "Die Einkreisung" und "Engel der Finsternis": Im New York des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird ein Psychologe von Theodore Roosevelt, damals Polizeichef der Ostküsten-Metropole, auf einen Serienkiller angesetzt, der auf grausame Weise junge männliche Prostituierte abschlachtet. Bewaffnet mit den damals noch neuen Erkenntnissen der Psychoanalyse, versucht er zusammen mit einigen Helfern, dem Täter auf die Spur zu kommen. Atmosphärisch-düster, opulent ausgestattet und mit einem Ensemble namhafter Darsteller besetzt, gelingt der Serie eine dramaturgisch stimmige Umsetzung des Serienstoffes. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Stadt New York, deren harsche soziale Gegensätze sich in einer Ästhetik spiegeln, in der das Grausige und das Schöne oft dicht beieinanderliegen.

Filmdaten

Originaltitel
THE ALIENIST
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Jakob Verbruggen · Paco Cabezas · James Hawes · Jamie Payne · David Petrarca
Buch
Hossein Amini · E. Max Frye · Cary Joji Fukunaga · Gina Gionfriddo · Chase Palmer
Kamera
P.J. Dillon · Chris Seager · Larry Smith · Gavin Struthers
Musik
Rupert Gregson-Williams
Schnitt
Matt Platts-Mills · Nick Arthurs · Philip Kloss · Martin Nicholson · Tanya M. Swerling
Darsteller
Daniel Brühl (Dr. Laszlo Kreizler) · Luke Evans (John Moore) · Brian Geraghty (Theodore Roosevelt) · Dakota Fanning (Sara Howard) · Robert Wisdom (Cyrus Montrose)
Länge
481 (zehn Folgen) Minuten
Kinostart
-
Genre
Literaturverfilmung | Psychothriller | Serie | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Universal
Verleih Blu-ray
Universal
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Diskussion
Eiszeit der Gefühle: Im New Yorker Schneetreiben des Jahres 1896 sorgt eine bestialische Mordserie für Aufsehen. Die abgetrennte Hand eines toten Jungen wurde auf der Brooklyn Bridge gefunden. Und auch der furchtbar verstümmelte Leichnam des Toten, der Frauenkleider trug, weist zahlreiche Marterungen auf. So sind die Augen und Eingeweide offensichtlich aus Wollust grausam herausgeschnitten worden. War das ein bizarrer Lustmord? Warum aber sieht dann alles so ritualisiert-inszeniert aus? Und welcher „normale Mensch“ ist zu so einer geisteskranken Tat überhaupt fähig? Einige Polizeibeamte wiegeln am Tatort das fürchterliche Geschehen demonstrativ ab: „Ein Stricherjunge, dazu noch einer in Frauenkleidern“, raunzt ein Ermittler höchst abfällig. Was soll’s? Davon gibt es schließlich noch zigtausend andere in dieser verkommenen Stadt. Jetzt hat es einen von ihnen schlichtweg „erwischt“. Punkt. Der geradezu eisige Tonfall ist ein auffälliges Charakteristikum von „Die Einkreisung“ („The Alienist“). In dieser historisch angelegten und optisch extrem ambitioniert in Szene gesetzten Krimiserie wird nicht nur viel miteinander gesprochen, sondern anfangs durchaus auch aneinander vorbei. Wirklich jeder beharrt allein auf seiner Expertise: der engagierte Polizeichef Theodore Roosevelt (Brian Geraghty), ein flatterhafter Zeitungsillustrator (Luke Evans) oder auch die aufstrebende Sekretärin im Polizeiapparat (Dakota Fanning), die sich obendrein für die wachsende Rolle der Frauen starkmacht und daher gegenüber ihren männlichen Vorgesetzten schon lange nicht mehr klein beigeben möchte. In diesem schwer zu durchdringenden Konglomerat aus Kriminalität, Einwanderungsproblemen, Korruption und Hader über neuere Ermittlungsmethoden macht sich der titelgebende „Seelenarzt“ Laszlo Kreizler (Daniel Brühl) auf die blutige Spur jenes ominösen Massenmörders mit dem „silbernen Lächeln“. Als Zuschauer weiß man nur eines relativ früh: Der Täter hat ein Faible für junge männliche Prostituierte aus dem Umfeld des New Yorker Hafens. Aufgetakelte „Toyboys“ in Frauenkleidern, mit Schmuck an den Armen und Puder im Gesicht, scheinen ihn magisch in den Bann zu ziehen. Die Krimiserie glänzt mit erstaunlicher Genauigkeit bei der historischen Forensik und großen erzählerischen Freiräumen für die damals revolutionären Erkenntnisse im Bereich von Psychologie und Traumdeutung à la Sigmund Freud. Nicht zuletzt aber ist den Serienmachern um Showrunner Jakob Verbruggen die visuelle Gestaltung brillant gelungen, was schon für den faszinierenden Vorspann gilt. In dessen wenigen Sekunden entsteht aus dräuenden Nachtstimmungen, Straßenszenen und dezidierten Störgeräuschen eine ganze (Serien-)Welt voller beklemmender Bilder und jeder Menge Furor, wozu das bedrohlich-dunkle Szenenbild maßgeblich beiträgt. Der Fokus der Serie liegt nicht alleine auf Daniel Brühl in der titelgebenden Hauptrolle, obwohl er den grüblerischen Nervenarzt mit neuen Methoden und ohne Scheuklappen gegenüber Autoritäten oder Kollegen sehr überzeugend gestaltet. Vielmehr bildet das schummrig-schaurige, durch und durch verruchte New York der Wende zum 20. Jahrhundert die eigentliche Hauptfigur von „Die Einkreisung“. In einer brodelnden Metropole voller Einwanderer, mit verdreckten Armenvierteln wie mit strahlenden Fixpunkten für die neue Geld-Elite aus Wirtschaft und Politik, sind die sozialen Gegensätze quasi an jeder Straßenecke augenfällig. Bei Szenenbild, Kostüm und Make-up wurden dafür keine Kosten gescheut – angeblich fünf Millionen US-Dollar soll jede Episode gekostet haben. Für die Qualität steht auch die beeindruckende Kreativmannschaft: Von „True Detective“-Showrunner Cary Fukunaga über die Drehbuchautoren Hossein Amini und Eric Roth bis zu diversen Kreativen von „Mad Men“, „Star Wars – Die letzten Jedi“ oder „Blade Runner 2049“ reicht die Liste der Beteiligten an diesem Serienprojekt, das in den USA schon jetzt zu den zehn besten Dramenserien des Jahres gezählt worden ist. Als Zuschauer muss man sich in der souveränen, wenngleich wenig fintenreichen Inszenierung, die unter anderem Jakob Verbruggen verantwortet hat, gerade auf der visuellen Ebene auf einiges gefasst machen. Da werden Augäpfel passioniert untersucht, Körperteile gebraten oder kindhafte Freier ebenso lustvoll verführt wie massakriert. Gerade in diesen an sich schwer verdaulichen Szenen voller Drogendunst und ohne jede Hafenromantik manifestiert sich die große optische Wucht von „The Alienist – Die Einkreisung“, wenn die Ereignisse genauso betörend wie grausig in packende Bilder übersetzt werden. Das ruft zahlreiche Assoziationen zu „Das Schweigen der Lämmer“ oder dem „Jack the Ripper“-Kosmos wach, die inhaltlich allesamt davon zehren, dass sich das Schöne und das Schreckliche nicht unbedingt gegenseitig ausschließen. Mirakulöses und Monströses gehen in dieser ausgezeichneten Serie, die dramaturgisch eher mit dem Florett als mit dem Säbel hantiert, aufs Vortrefflichste eine stilvolle, überaus sinnliche Allianz ein. Anbieter/Fotos: Netflix
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