Drama | Argentinien 2016 | 80 Minuten

Regie: Nadia Benedicto

Eine Mutter und ihre beiden Töchter fahren außerhalb der Saison ans Meer. Der Vater hat die Mutter verlassen, der Urlaub ist eine überstürzte Flucht aus dem gemeinsamen Haus. Am Ferienort ordnet sich die Familie neu; die Mutter und ihre Töchter finden auf Umwegen wieder zusammen und zu sich selbst. Der stille, atmosphärisch sehr nuancierte Film erkundet mit großer Umsicht und inszenatorischem Einfühlungsvermögen die Gefühle und Stimmungen der Figuren. Dazu tragen auch eine ausgeklügelte Farbdramaturgie und griffige Bildmetaphern bei. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
INTERLUDIO
Produktionsland
Argentinien
Produktionsjahr
2016
Regie
Nadia Benedicto
Buch
Nadia Benedicto
Kamera
Matías Quinzio
Musik
Wolly von Foerster
Schnitt
Sabrina Gazzaneo
Darsteller
Leticia Mazur (Sofía) · Sofía Del Tuffo (Irina) · Lucía Frittayón (Patchi) · Patricio Aramburu · Lucía Aráoz de Cea
Länge
80 Minuten
Kinostart
03.05.2018
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
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Diskussion
Es gibt Momente, in denen die Zeit stehenzubleiben scheint. Oft wird einem das erst später klar, wenn man sich erinnert: etwa daran, wie man eine Kinderzeichnung aus dem Regal genommen und zerknüllt hat. War darauf nicht eine Familie zu erkennen? Oder wie man die Vorhänge in der leicht schäbigen Ferienwohnung im 1970er-Jahre-Bungalow zum ersten Mal aufzog, so dass das Abendlicht hereinfiel und der Blick auf die Dünen und das Meer dahinter wanderte. In ihrem Langfilmdebüt „Tage am Meer“ inszeniert die argentinische Regisseurin Nadia Benedicto solche Momente in Zeitlupe, unterlegt mit klassischer Musik. Das schreibt ihnen eine Bedeutung ein, die sie – vielleicht – einmal haben werden. Der Film taucht aber auch in die Hoffnungen, Wünsche und (Tag-)träume der Figuren ein, etwa in einen Tanz im sonnendurchfluteten Wald. Das ist keineswegs kitschig, sondern erschließt innovativ und unmittelbar Gefühlswelten. Eine Mutter und ihre zwei Töchter verbringen einige Tage am Meer. Es ist eher eine überstürzte Flucht als ein Urlaub; der Vater hat die Mutter verlassen. Er ist homosexuell, das spielt aber nur am Rand eine Rolle. Die Kinder wissen eigentlich nichts davon, doch die ältere, etwa 15 Jahre alte Tochter Irina hat ein Telefonat der Mutter mitgehört. Die jüngere Tochter Pachi freut sich auf Ferien am Meer. Aber auch sie spürt, dass die Stimmung schlecht ist, wenn sie auf dem Weg ans Meer im Auto von der Mutter unvermittelt angeherrscht wird, was sonst eher die Rolle der älteren Schwester ist. Sehr genau tariert die Regisseurin die Beziehungen der Figuren aus. Den drei Hauptdarstellerinnen gelingt es mit viel Sinn für kleinste Nuancen, eine sich neu formierende Familie dazustellen. Irina trägt im Schweigen und mit trotzigen Blicken ihren (post-)pubertären Konflikt mit der Mutter aus. Die Mutter ist sichtlich angespannt, hat kein offenes Ohr für ihre Töchter. Pachi hört sie nachts durch die Tür des Schlafzimmers hindurch weinen und versucht, mit ihrer Schwester darüber zu sprechen. Die sonst eher erwachsene Irina aber weicht aus und verhält sich Pachi gegenüber infantil, was deutlich macht, dass noch nicht viel Zeit vergangen ist, seitdem sie nicht mehr nur ein Kind ist, mit all den Fantasien und Ängsten, die nun Pachi bewegen: Sind die beiden seltsamen Zwillinge am Strand vielleicht Außerirdische? Und ist der Kühlschrank, der so mysteriös grün leuchtet, womöglich das Tor zu einer fernen Galaxie? Die Momente, in denen die Zeit stehenbleibt, spüren nur die Mutter und Irina. Ihre Leben ändern sich, wälzen sich um; das lässt mitunter auch die Zeit gerinnen. Für Pachi hingegen ist alles im Fluss; eine Sensation jagt die nächste. In einer ausgeklügelten Farbdramaturgie sind jeder Figur bestimmte Farben zugeordnet: dem Mädchen, in das Irina sich verliebt, beispielsweise ein leuchtendes Orange. Das verdichtet die Atmosphäre zusätzlich. Es gibt schöne Metaphern wie den alten Röhrenfernseher, der partout nicht funktionieren will. Fernsehen ist manchmal einfach überflüssig. Zum Glück ist der Fernsehtechniker, der hauptberuflich eigentlich Bäume malt, ziemlich nett. Pachi, die eine große Brille trägt, sieht die Welt mit eigenen Augen. Ein wenig macht sich auch die Inszenierung diesen kindlichen Blick zu eigen, in der Surreales und Reales mühelos miteinander verknüpft sind. Die Träume, das Meer, die Freiheit: Wer sagt denn, dass Röhrenfernseher und Resopalflächen schwerer wiegen im Leben?
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