Augenblicke: Gesichter einer Reise

Dokumentarfilm | Frankreich 2017 | 94 Minuten

Regie: Agnès Varda

Die 90-jährige Filmemacherin Agnès Varda und der Street-Art-Künstler JR reisen mit einem Fotomobil durch das ländliche Frankreich. Dabei treffen sie Menschen, lassen sich ihre Geschichten erzählen und halten deren Gesichter in überlebensgroßen Ausdrucken an Häuserfassaden und Mauern fest. In dem von großer Leichtigkeit getragenen Dokumentarfilm reihen sich vignettenhafte Porträts und Szenen einer während dieser Tour entstandenen Freundschaft aneinander, wobei sich mitunter auch ein Gefühl leiser Melancholie breitmacht. Ein einfühlsames, von einem leichten Schalk getragenes Road Movie, in dem unterschwellig auch das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit mitverhandelt wird.

Filmdaten

Originaltitel
VISAGES VILLAGES
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2017
Regie
Agnès Varda · JR
Buch
Agnès Varda · JR
Kamera
Claire Duguet · Nicolas Guicheteau · Valentin Vignet · Romain Le Bonniec · Raphaël Minnesota
Schnitt
Agnès Varda · Maxime Pozzi-Garcia
Länge
94 Minuten
Kinostart
31.05.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

„Der Zufall war immer mein bester Assistent“, sagt Agnès Varda. Die inzwischen 90-jährige Filmemacherin und der Street-Art-Künstler JR (Juste Ridicule) sitzen am Küchentisch und sprechen über ihr gemeinsames Projekt, während Vardas Katze auf dem Fensterbrett vor sich hin schnurrt.

Gerade haben die beiden eine Bergarbeitersiedlung besucht, die kurz vor dem Abriss steht, und mit Jeannine, der letzten Einwohnerin der Straße, gesprochen. Durchs Küchenfenster hindurch erinnert sich Jeannine an ihren Vater, einen Grubenarbeiter, und wie begehrt das schmutzige Reststückchen des Brotlaibs war, den er morgens mit hinunter in die Mine nahm. Varda und JR fotografieren Jeannine und bringen ihr vergrößertes Foto zusammen mit historischen Abbildungen von Bergarbeitern an einer Ziegelmauer an. Als Jeannine davor steht, steigen ihr Tränen in die Augen.

„Augenblicke: Gesichter einer Reise“ ist das Dokument eines Road-Trips, den Varda zusammen mit JR in einem fahrenden Fotoautomaten durch das ländliche Frankreich unternahm. Der Street-Art-Künstler kultiviert diese künstlerisch-aktivistische Praxis schon seit langem. Die Idee ist dabei so einfach wie ansprechend: Man fotografiert Menschen vor Ort, wobei die Fotos im Anschluss gleich ausgedruckt werden. Als überlebensgroße Plakate werden sie an Gebäudefassaden, Mauern, Containern und anderen Bildträgern angebracht – eine Art Hommage an Menschen, deren Existenz sonst schnell übersehen wird.

Varda und JR teilen die Leidenschaft für die Fotografie und das Interesse für Gesichter und die damit verbundenen Geschichten. Mitunter geben die im Kleinlaster herumtuckernden Künstler, zwischen denen allmählich eine Freundschaft entsteht, ein ziemliches „odd couple“ ab. Varda zieht JR auf, weil er seine Sonnenbrille nie absetzt. JR macht sich darüber lustig, dass sie ausgerechnet einen hässlichen Betonrohbau als Plakatfassade auswählt. So geht es von einem Ort zum anderen, kreuz und quer, von Begegnung zu Begegnung.

Unter anderem treffen sie einen Landwirt, der seinen Betrieb ganz alleine bewirtschaftet und von den Veränderungen des sozialen Lebens durch den technischen Fortschritt erzählt. Auch ein Glöckner, ein Briefträger, eine Belegschaft von Fabrikarbeitern und eine Ziegenhirtin, die immer noch mit der Hand melkt und das verbreitete Stutzen der Hörnern kritisiert, werden fotografisch verewigt. Und eine Kellnerin, die ihre neue Präsenz in den sozialen Netzwerken (ihr Konterfei ist eine wahre Touristenattraktion) mit gemischten Gefühlen betrachtet.

Ganz konsequent „soziologisch“ gehen Varda und JR bei ihrer Arbeit jedoch nicht vor: auch ihre eigenen Augen und Füße landen auf Bildträgern. Manchmal ist auch das Display vor dem Motiv da. An der Küste der Normandie entdeckt JR einen Bunker aus Kriegszeiten, der von einer Klippe abgestürzt ist und nun wie eine Skulptur von einem anderen Stern am Strand liegt. Ein Porträt des Fotografen Guy Bourdin, das Varda in den 1950er-Jahren von ihm aufgenommen hat, findet schließlich den Weg auf das gekippt liegende Objekt: „Jetzt sitzt er da wie ein Kind in der Wiege. Er ruht in Frieden.“

Auch wenn „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ grundsätzlich von Leichtigkeit und mitunter sogar von einem leichten Schalk getragen wird, klingt immer wieder ein Gefühl der Melancholie an, und nicht zuletzt auch das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Am Grab von Henri Cartier-Bresson meint Varda im Gespräch über den Tod: „Ich wünschte, es wäre schon so weit.“ – „Warum? – „Weil es dann vorbei ist.“

Als beide schließlich nach Genf reisen und vor der verschlossenen Tür von Jean-Luc Godard stehen, der mit einer handgeschriebenen Notiz auf gemeinsame Erlebnisse und ihren verstorbenen Mann Jacques Demy anspielt, wird Varda plötzlich von Traurigkeit überwältigt. Eine Traurigkeit, in die sich eine erfrischende Wut mischt. „Wenn er nicht aufmacht, ist er ein Mistkerl.“ Sagt sie und hängt ihm eine Tüte mit Brioches an die Tür, bevor sie aufgewühlt weiterzieht.

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