Aus einem Jahr der Nichtereignisse

Dokumentarfilm | Deutschland 2017 | 83 Minuten

Regie: Ann Carolin Renninger

Der Bauer Willi ist fast 90 Jahre alt. Auf seinem Hof in Norddeutschland lebt er einen ereignisarmen Alltag mit Katzen, Federvieh und Rollator. Der essayistische Film dokumentiert den alten Mann, den Ort und seine von vielen Zeitschichten durchdrungene Welt. Dabei wird das analoge 8- und 16mm-Filmmaterial selbst zum Zeugnis der Vergänglichkeit.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Ann Carolin Renninger · René Frölke
Buch
Ann Carolin Renninger · René Frölke
Kamera
René Frölke · Ann Carolin Renninger
Schnitt
René Frölke
Länge
83 Minuten
Kinostart
14.06.2018
Fsk
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Früher ist der Bauer Willi jeden Tag um vier Uhr morgens aufgestanden, fünf Minuten später war er im Stall. Inzwischen ist Willi, der mit Katzen und allerhand Federvieh alleine auf seinem Hof lebt, aber schon fast 90 Jahre alt; schon das Füttern der Hühner ist eine Unternehmung, die viel Zeit und Geduld erfordert. Doch Willi hat beides: Zeit und Geduld. Vor allem aber nimmt er die Dinge, wie sie sind, anstatt sein Leben mit Hadern und Zaudern zu beschweren. Also schaufelt er das Hühnerfutter in einen Plastikeimer, hängt ihn an den Rollator, auf dem sich schon seine Katze Musch niedergelassen hat, und schiebt sich, tief über das Gefährt gebückt, stoisch zu seinem Ziel. Die Gehhilfe, die sich mit Mensch und Katze über Türschwellen und Feldwege durcharbeitet, ist im Film so etwas wie eine eigene Protagonistin: Fahrgerät, Transportmittel, Prothese und Sound Piece. Ihr eindrückliches Quietschen prägt „Aus einem Jahr der Nichtereignisse“ ebenso wie das Rattern der 8- beziehungsweise 16-mm-Kamera, das Rauschen der Blätter im Wind und das Ticken der Uhr.

Die Dokumentaristen Ann Carolin Renninger und René Frölke haben Willi zwischen Dezember 2015 und November 2016 immer wieder auf seinem Hof in Norddeutschland besucht; Renninger kennt den Bauern noch aus ihrer Kindheit. Sie haben gefilmt und Tonaufnahmen gemacht oder anders ausgedrückt, gelegentlich filmend Zeit miteinander verbracht. Entstanden ist daraus das brüchige Porträt eines alten, aber erstaunlich widerstandsfähigen Mannes und seines aus „Nichtereignissen“ zusammengesetzten Alltags, der mitunter dennoch wie ein kleines Wunder erscheint, beziehungsweise wunderlich in seiner kompletten Eigengesetzlichkeit.

Mehr aber noch ist der Film eine essayistische Betrachtung über das Wesen der Zeit. Sicht- und auf geradezu taktile Weise spürbar wird sie in den verschiedensten Erscheinungs- und Daseinsformen: in dem gekrümmten Körper von Willi, der stets in einer ausgebeulten Latzhose und einem nicht ganz bis zu Ende angezogenen Wollpullover steckt, seinen nur momenthaft aufblitzenden Erinnerungen an früher, etwa den Krieg, in den alten Fotos, die von den Filmemachern mal lapidar gestreift, mal mit zeigender Geste in die Kamera gehalten werden. In all den in die Jahre gekommenen Dingen, die sich in seinem Haus angesammelt haben und irgendwo abgestellt wurden, in den Spinnweben und Staubschichten und Dreckfilmen auf den Fensterscheiben, die das hereinbrechende Sonnenlicht so berückend mild erscheinen lassen. Erfahrbar wird die Zeit auch im Wechsel der Jahreszeiten, denen sich die Kamera mit einer Mischung aus Aufmerksamkeit und Selbstvergessenheit hingibt, wenn sie sich eingehend den Blüten, Gräsern und Früchten in dem verwilderten Garten widmet. Und in dem wunderschön körnigen, flackernden, mal schwarz-weißen, mal farbig-analogen Filmmaterial, das all diese Manifestationen des Vergangenen eingelagert hat.

Dabei wird die nostalgische Unterströmung des Films von Willis Pragmatismus immer wieder ins Trockene gebracht. Ziemlich toll etwa das Gespräch bei einer Geburtstagsgesellschaft, das von steigenden Erdbeerpreisen nahtlos zu Grabplatte und Kremation übergeht. „Aus einem Jahr der Nichtereignisse“ handelt von Mensch, Tier und Dingwelt gleichermaßen, und von Tönen und Texturen: die Oberfläche einer Torte, ein Stück Fleisch, das in der Pfanne vor sich hinbrutzelt, und immer wieder von Katzenfell. Das Flauschige, Weiche, Atmende trifft auf das grisselige Korn des Filmmaterials, das Schnurren auf das Knattern und Quietschen. Ton und Bild sind nicht immer im Schritt — regelmäßig gibt es Passagen von Schwarzbild oder stumme Bilder, die Dauer der Filmrolle gibt den Rhythmus vor.

Dass Renninger und Frölkes Blick auf Willis Leben in und mit der Natur auch eine Projektion ist, die mehr mit ihrem eigenen Begehren zu tun hat als mit der Lebenswelt ihres Protagonisten: auch das macht der Film deutlich. „Das Licht ist so toll“, meint die Filmemacherin einmal schwärmerisch – „Ist es so toll?“ fragt Willi ein wenig verwundert zurück. Und später: „Verbrauchst so viel Film. Und was hast du in Wirklichkeit aufgenommen? Gar nichts.“

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