Dokumentarfilm | Deutschland 2017 | 89 Minuten

Regie: Stanislaw Mucha

Der polnische Dokumentarist Stanislaw Mucha unternimmt eine dokumentarische Reise über die Fernstraße R504, die sich mehr als 2000 Kilometer durch Ostsibirien zieht. Als Hauptverkehrsader ist die Trasse noch heute von großer Bedeutung; die Zwangsarbeiter, die beim Bau ihr Leben ließen, scheinen hingegen nahezu vergessen. Das vom Filmemacher forcierte Gegenwartsbild zeugt vom krassen Missverhältnis zwischen den Gräueln des Gulag und einer kaum gepflegten Erinnerungskultur; allerdings ordnet die Inszenierung die Aussagen der Interviewten allzu schnell ihren eigenen Intentionen unter. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Stanislaw Mucha
Buch
Stanislaw Mucha
Kamera
Enno Endlicher
Musik
Eike Hosenfeld · Moritz Denis · Tim Stanzel
Schnitt
Stanislaw Mucha · Emil Rosenberger
Länge
89 Minuten
Kinostart
21.06.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Heimkino

Verleih DVD
W-film/Lighthouse (16:9, 1.78:1, DD5.1 russ.)
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Diskussion

„Wie tritt man einen Weg in unberührten Schnee?“, fragt der Schriftsteller Warlam Schalamow im ersten Satz seiner „Erzählungen aus Kolyma“. Einer muss vorausgehen, tiefe Spuren im endlosen Weiß hinterlassen. Vier weitere müssen folgen, dabei nicht in, sondern neben seine Fußstapfen treten. So spurt eine Fünfergruppe einen Weg durch den Tiefschnee – so lange, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrechen. Schalamow, der als einer der bedeutendsten Chronisten der Gräuel des Gulag gilt, beschreibt hier nicht nur, wie ein Pfad im Schnee angelegt wird; er beschreibt, wie die Sklavenarbeiter des Gulag eine Infrastruktur im tiefsten Osten Sibiriens errichteten. Dort, wo ein reicher Vorrat an Bodenschätzen vergraben liegt, ließen Millionen von Lagerinsassen ihr Leben. Wer die Arbeit nicht überlebte, wurde selbst zum Material für den Straßenbau. Die Trasse, die die Zwangsarbeiter mit und aus ihren Körpern errichteten, ist noch heute die Hauptverkehrsader der Region. 2032 Kilometer lang führt die R504 Kolyma von Jakutsk bis an das Ochotskische Meer. 2032 Kilometer, gebaut auf menschlichen Überresten. „Kolyma“ von Stanislaw Mucha ist eine Reise über diese „Straße der Knochen“. In der Bucht von Magadan beginnt der polnische Regisseur den dokumentarischen Roadtrip durch Ostsibirien. Magadan ist der Endpunkt der Kolyma-Straße und wird noch heute das „Tor zur Hölle“ genannt. Was Mucha hier vorfindet, ist allerdings kein Mahnmal, sondern eine Burger-Bude mit Drive-In. Die junge Frau am Schalter weiß mit dem Begriff „Gulag“ nichts anzufangen. „Gulasch“ gäbe es hier keins, erwidert sie ratlos. So markiert bereits der Beginn des Films das Ende einer Erinnerungskultur. Doch so viel Leid könne sich nicht einfach auflösen, sagt ein ehemaliger Straflager-Häftling. Er glaube daran, dass die Folgegenerationen für das Leid bestraft würden, das sich hier zutrug. Das Bild, das der Film von der sibirischen Gegenwart zeichnet, spricht eine andere Sprache. Im „Goldenen Herzen Russlands“, wie es eine offizielle Mauerinschrift in Magadan bezeichnet, findet Mucha eine ganz eigene, von Zwangsumsiedlung und Eskapismus geprägte Lebenswelt vor. Abseits der Straße der Knochen beobachtet er die bizarren Rituale dieser Welt. Sei es das mantrahaft-zeremonielle Driften auf ungenutzten Parkplätzen, die mit Flecktarnjacke und Kalaschnikow ausgestattete Gesangsperformance einiger Schulmädchen oder die pseudowissenschaftlichen Starkstromexperimente, von denen sich ein Jakute die ewige Jugend verspricht: Was auf dem Land nahe der Kolyma-Straße passiert, scheint keine Schnittmenge mit dem Gedächtnis der Gulag-Generation mehr hervorbringen zu wollen. Das ist ein reizvoller Widerspruch, der in den Interviews mit den Bewohnern der Kolyma-Region aber gar nicht erst in Erscheinung tritt. Dem Regisseur scheint mehr daran gelegen, die Bewohner der Region ideologisch zu katalogisieren. So wird die Vergangenheit von Mucha stets mit einem ehrfürchtigen Raunen angesprochen, die Zeitzeugenberichte aber primär in ihrem Bezug zur Gegenwart abgeklopft. Spricht jemand vom heutigen Russland, wird ihm eine Positionierung zu Präsident Putin oder ein Kommentar zu dessen historischer Bewertung des Gulag abverlangt. Spricht ein ehemaliger Häftling von Patriotismus, setzt Mucha im Schnitt sein eigenes Begriffsverständnis hinterher – einen Ausschnitt aus der grotesken, patriotischen Schulaufführung. Ein Gestus, mit dem der Filmemacher die Zeitzeugenberichte seiner persönlichen Sicht unterordnet. In einem Film, der vordergründig den Kontrast zwischen der grausamen Vergangenheit und der Gegenwart herausarbeitet, scheint eine derartig ausgestellte Deutungshoheit allerdings zynisch gegenüber den ehemaligen Arbeitslager-Häftlingen. Doch so wenig Stanislaw Mucha die Erzählungen der Zeitzeugen respektiert, so schlagend ist mitunter seine Betrachtung der Erinnerungskultur. Ein Friedhof für die Lagerinsassen steht als das wohl prägnanteste Sinnbild des Vergessens. Auf dem völlig verwilderten Gelände ragen vereinzelt noch hölzerne Kreuze aus dem Boden; der Großteil des Areals aber ist mit Blumen überwuchert, deren anarchischer Wuchs die Existenz einer Ruhestätte zu leugnen scheint. 1973 habe man den Friedhof umgegraben, um weiter Gold schürfen zu können, erklärt ein ehemaliger Minenarbeiter. So ist der Ort heute amtlich eine verwaiste Goldmine. Den offiziellen Friedhof zeigt Mucha kurz darauf. In gut erhaltenen Gräber, deren Grabsteine mit Porträts versehen sind, liegen hier nicht die Lagerinsassen, sondern die Wärter begraben. Die Opfer bleiben unter dem Pfad verborgen, den sie einst, unter Einsatz ihres Lebens, im Schnee aushoben. Ein Pfad, der sich wie eine 2032 Kilometer lange Narbe durch Russland zieht.

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