Drama | Frankreich 2017 | 114 Minuten

Regie: Anne Fontaine

Ein homosexueller Junge flieht aus der französischen Provinz nach Paris, wo er aufblüht und seine künstlerischen Talente ausleben kann. Er findet Anschluss an die Bohème-Szene und einen älteren Liebhaber, der ihn mit Isabelle Huppert bekannt macht, die in einem von ihm selbst geschriebenen Tanzstück mitmachen soll. Die glänzend gespielte, recht facettenreiche Roman-Adaption über ein homosexuelles Erwachen wirbelt die Zeitebenen wild durcheinander, setzt auf innere Monologe und ausgefallene Bildkompositionen und hat keine Scheu, die sozialen und kulturellen Widersprüche zwischen Stadt und Land ungeschminkt darzustellen.

Filmdaten

Originaltitel
MARVIN OU LA BELLE ÉDUCATION
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2017
Regie
Anne Fontaine
Buch
Pierre Trividic · Anne Fontaine
Kamera
Yves Angelo
Schnitt
Annette Dutertre
Darsteller
Finnegan Oldfield (Marvin Bijoux) · Grégory Gadebois (Dany Bijoux) · Vincent Macaigne (Abel Pinto) · Catherine Salée (Odile Bijoux) · Jules Porier (Marvin als Kind)
Länge
114 Minuten
Kinostart
05.07.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Drama | Liebesfilm
Diskussion
„Fick die Polizei! Tod euch Schwuchteln!“, prangt als Graffiti an einer verwahrlosten Bushaltestelle in der ostfranzösischen Provinz. Fern der Kulturmetropole Paris, inmitten bildungsferner „Front-National“-Wähler, wächst Marvin auf. Das eindrucksvolle Mienenspiel von Jules Porier verleiht dem Titelhelden von Beginn an etwas Entrücktes, ohne dass dies je in bleierne Stilisierung abgleiten würde. „Ich bin anders als ihr“, suggerieren imposanten Bildkompositionen, insbesondere in den zahlreichen Rückblenden, die sich auf Marvins Kindheit und Schulzeit konzentrieren. In dieser Initiationsphase seines Lebens wird der schweigsame Junge von seinen Mitschülern oft verbal drangsaliert („Schwuchtel!“) oder misshandelt. Als blasser Rotschopf mit Porzellan-Teint und besonders weiblichen Gesichtszügen könnte Porier durchaus einem Film von Peter Greenaway entsprungen sein. Es ist auch kein Zufall, dass der britisch-französische Schauspieler Finnegan Oldfield, der Marvin später als dann erwachsenen Theaterschauspieler verkörpert, gleich mehrfach über Caravaggio spricht, was Assoziationen zu postmodernen Barock-Engeln oder Derek Jarmans „Caravaggio“-Film (fd 26 021) weckt. Dazu passt auch der elegant sprunghafte Schnitt, der den „Coming-of-age“-Film lustvoll zerteilt, anstatt die homosexuelle Selbstfindung konventionell chronologisch zu strukturieren. Im täglichen Chaos seiner dysfunktionalen Alkoholikerfamilie, die die Regisseurin Anne Fontaine mit den etwas zu hölzern agierenden Grégory Gadebois und Catherine Salée besetzt hat, wächst Marvin als Außenseiter auf. Zwischen Missachtung und Mobbing muss er oft genug als Punchingball seiner lieblosen Eltern herhalten. Und auch das Verhältnis zu seinen abweisend-aggressiven Geschwistern ist nicht besonders gut. Der kulturaffine Marvin sehnt sich immer öfters danach, die muffelig-spießige Hölle hinter sich zu lassen. Parallel dazu entdeckt Marvin das Wunder der ersten Liebe mit einer kecken Klassenkameradin, was seinen Gefühlshaushalt ordentlich durcheinanderwirbelt. Trotzdem ist ihm wie auch seinem Umfeld klar, dass er im tiefsten Herzen nicht an Mädchen interessiert ist. Er will weg aus diesem homophoben Provinznest; nach Paris, seinem Sehnsuchtsort. Außerdem möchte Marvin ans Theater – und dort seine eigene Lebensgeschichte auf die Bühne bringen. Das Drehbuch von Pierre Trividic hat für diese Gemengelage eine solide Sprache gefunden, die schnell Nähe zum scheuen Protagonisten zulässt, aber längst nicht alles von ihm und seiner Gedankenwelt preisgibt. Angespornt durch die neue Schulrektorin Madame Clément gelingt Marvin schließlich der Sprung auf ein berühmtes Theaterinternat, wo er Anschluss zu homosexuellen Dozenten und Künstlern aus der Pariser Boheme-Szene findet und gleichzeitig seinen Geburtsnamen Marvin Bijou in Martin Clément ändert. Durch die Beziehungen seines deutlich älteren Liebhabers Roland (süffisant: Charles Berling) ist es Marvin alias Martin sogar möglich, sein selbstgeschriebenes Tanzstück mit niemand geringerem als Isabelle Huppert einzustudieren. Die berühmte Aktrice glänzt in diesen wenigen, aber überaus vitalen Szenen als selbstironische Schauspielerin, die sich trotz ihrer langen Film- und Theaterkarriere als Person wenig ernst nimmt, was dem queeren Kunst-versus-Leben-Drama von Anne Fontaine eine weitere spannende Meta-Ebene hinzufügt. Mit gelegentlich spöttischen Tonfall, viel Sinn für Pathos und einer emotionalen Musikauswahl, die von klassischen Händel- und Puccini-Arien über französische „House“-Tracks bis hin zur mythisch aufgeladenen Gesangspower von Lisa Gerrard reicht, adaptiert Anne Fontaine den Roman „Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis relativ frei, aber gekonnt. Dass das recht authentische Porträt eines schwulen Jungen aus prekären Familienverhältnissen nicht in melodramatischem Kitsch mündet, ist in erster Linie den beiden souveränen Hauptdarstellern zu verdanken, die die homosexuelle Selbstfindungsstory in einen bewegenden Film übers Erwachsenwerden transformieren, der sich erzählerisch viel Zeit nimmt und formal wie ein byzantinisches Mosaik montiert ist. Ohne Chronologie, mit vielen inneren Monologen und mitunter direktem Spiel in die Kameralinse glänzt „Marvin“ als sinnlicher Hochgenuss in dominanten Rot-, Braun- und Blautönen. In zeitgemäßer Sprache und mit ansprechenden Close-ups erzählt der Film vom homosexuellen Aufwachsen in der Provinz, aber auch über die politisch-kulturellen Diskrepanzen zwischen den Menschen in Paris und denen auf dem Land. Im Unterschied etwa zu den deutlich ordinäreren Milieustudien von Felix van Groeningen oder den visuell weit zahmeren Sozialdramen der Dardenne-Brüder überzeugt „Marvin“ als facettenreicher Beitrag zur sexuellen Identitätsfindung und dem schwierige Erwachsenwerden im gegenwärtigen Frankreich. Die variantenreiche Initiationsgeschichte kommt überdies ohne biederen „Wilhelm-Meister“-Impetus aus und hat keine Scheu, soziale Widersprüche auf der Leinwand zuzulassen.
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