Dokumentarfilm | Frankreich/Österreich/Liechtenstein 2017 | 74 Minuten

Regie: Bernhard Braunstein

„Atelier de Conversation“ heißt ein unbürokratisches Angebot des Centre Pompidou in Paris, in einem Glaskubus mitten in der Bibliothek in einer kleinen Gruppe Französisch als Fremdsprache zu trainieren. Der Dokumentarfilm konzentriert sich auf die Gesichter der Teilnehmer, deren Französisch-Kenntnisse so unterschiedlich wie ihre Herkunft, ihr Alter, ihre Biografien, der soziale Status oder ihr Blick auf die Welt sind. Die Gespräche kreisen um Allgemeines, um Alltagsbeobachtungen, Fremdheitserfahrungen, Lebensanschauungen oder kulturelle Identität. Da der moderierte Austausch in einer fremden Sprache stattfindet, orientiert sich die Kommunikation fast „naturgemäß“ an Verständlichkeit und Vermittlung, geprägt von Nachdenklichkeit, Respekt und solidarischer Empathie. (O.m.d.U.)

Filmdaten

Originaltitel
ATELIER DE CONVERSATION
Produktionsland
Frankreich/Österreich/Liechtenstein
Produktionsjahr
2017
Regie
Bernhard Braunstein
Buch
Bernhard Braunstein
Kamera
Adrien Lecouturier
Schnitt
Roland Stöttinger
Länge
74 Minuten
Kinostart
07.06.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Fragt man in der Runde im Centre Pompidou in Paris nach Klischees oder kulturellen Stereotypen, erhält man einen bunten Strauß voller Antworten. Es sei ein Klischee, sagt die Chinesin, dass man in China Hunde esse. Sie selbst habe das noch nie getan. Insofern stimme das Klischee nicht. Abgesehen vielleicht von jenen Regionen in China, in denen man Hunde zum Verzehr züchte. Aber essen die Franzosen nicht auch Pferde? Überhaupt die Franzosen: Sie arbeiten nicht so gerne, erklärt ein Brite, rauchen dafür aber viel und essen den ganzen Tag Käse. Die Kurden wiederum, so ein Kurde, gelten zumindest bei den Nachbarn, also Türken, Persern, Arabern, als körperlich ungewöhnlich stark. Doch ist jeder Afghane automatisch ein Terrorist? Und was ist mit den Syrern? Es ist eine muntere Truppe, die sich regelmäßig in einem gläsernen Kubus mitten in der Bibliothek des Centre Pompidou trifft, um im gemeinsamen Austausch die Kenntnisse der fremden Sprache „Französisch“ zu verbessern. Mit einer Reihe von Zwischenschnitten, die dem Film einen entspannten Rhythmus verleihen, macht Regisseur Bernhard Braunstein klar, welch fabelhaftes Angebot mit diesem „Atelier de Conversation“ gemacht wird. Man erlebt die Vorbereitungen des Gesprächskreises, sieht andere Bibliotheksbenutzer, die mit Kopfhörern vor Bildschirmen sitzen, beobachtet das Reinigungspersonal bei der Arbeit; wortlos. Einmal wirft die Kamera einen langen Blick über die Dächer der multikulturellen Metropole Paris; in der Bildmitte sieht man die bunten Röhren des Centre Pompidou. Die Themen der Gespräche liegen auf der Hand: Warum hat es die Teilnehmer nach Frankreich verschlagen? Was waren die ersten Eindrücke? Warum ist es wichtig, sich in der Fremde angemessen verständigen zu können? Es wird viel gelacht, mitunter auch geweint; vor allem aber unterstützen sich die Teilnehmer gegenseitig bei der Suche nach dem richtigen Wort oder der richtigen Phrase. Die Voraussetzungen sind dabei höchst unterschiedlich: Manche sprechen mit hoher Konzentration ein hölzernes, wenig elegantes, aber durchaus verständliches Französisch. Andere verfügen nur über rudimentäre Sprachkenntnisse; sie kommunizieren mit Satzbrocken, Stichworten oder lautmalerisch. Die Sprachkenntnisse zeigen sich auch beim Zuhören: Mitunter scheint eine gewisse Reserve gegenüber bestimmten Äußerungen vorzuliegen, die sich dann aber als Versuch entpuppt, dem Gespräch zu folgen. Manches Lächeln erscheint erst mit Verspätung auf den Gesichtern. Auch der soziale Status ist in der Gruppe höchst unterschiedlich: Wenn sich der Absolvent einer Wirtschaftsschule beklagt, dass die Studierenden nach ihrem Abschluss nur sehr schlecht bezahlte Jobs bekämen, dann reicht ein Kamerablick ins Gesicht des kurdischen Asylbewerbers, um zu verstehen, dass er diese Probleme gerne hätte. Aber er sagt nichts dazu. Im Gegensatz zu anderen, die konstatieren, dass die aktuelle Krise von den Banken provoziert wurde. Sie sprechen von der ungleichen Verteilung des Reichtums, davon, wer unter den Folgen der Krise zu leiden habe und warum es in Afghanistan weniger sichtbare Armut gäbe als in Paris. Im Irak herrsche zwar auch eine Wirtschaftskrise, aber weit schwerwiegender sei die permanente Todesdrohung auf offener Straße. In China dagegen gibt es keine Wirtschaftskrise, ganz im Gegenteil; dafür aber eine Krise des individuellen Glücks. So sammelt der Film eine ganze Reihe unterschiedlicher Eindrücke, wobei der Umgang mit der Fremdsprache Widerspruch und Unmut abfedert und das Tasten nach halbwegs korrekten Formulierungen Autoritätsanmaßungen unterminiert. Das kann man sehr schön beobachten, wenn die Moderation kontroverse Themen wie die Frage nach „natürlichen“ Geschlechterrollen vorgibt, die kulturelle Unterschiede deutlicher hervortreten lassen und zu regelrechten Diskussionen führen. Dann erlaubt die Montage häufiger einen Blick auf die Reaktionen der Zuhörer. Später geht es impressionistischer eher wieder um kulturelle und mentale Differenzen, um Fremdheitserfahrungen, die sehr genau den atmosphärischen Lifestyle im Europa des 21. Jahrhunderts in den Blick bekommen. Auf den Einwurf eines Arabers, er habe aufgrund seiner Arbeitszeiten in Paris Schwierigkeiten, an „Halal“-Fleisch zu kommen, reagiert ein koptischer Christ aus Ägypten geradezu aufgebracht mit dem Hinweis, dass in Frankreich traditionell alles gegessen werde. Wer da aus welchen Gründen auch immer auf einer Extrawurst bestehe, solle doch lieber das Land verlassen. In die Aufregung hinein, die sich breitmacht, als der Ägypter brennende Kirchen und ermordete Christen ins Spiel bringt, mahnt der Moderator: „Wir sind hier, um über leichte Dinge zu reden. Nicht über Politik!“ Dass aber auch Fragen der kulturellen Identität politisch sind, zeigt sich, wenn über Liebe oder Romantik gesprochen wird. Eine Materialsammlung ergibt: „Die Leute haben verschiedene Vorstellungen …“ Gleichzeitig aber wird deutlich, dass der westliche Lebensstil Verliebten in Paris Freiräume bietet, von denen man in Kabul nicht einmal träumt. Nach dem Ende des Gesprächskreises dann: Verabredung zur Fortsetzung im „Atelier de Conversation“, aber auch weitere Gespräche in kleineren Kreisen und – vielleicht – ein Austausch von Telefonnummern.
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