Dokumentarfilm | USA 2017 | 99 Minuten

Regie: Lisa Immordino Vreeland

Dokumentarisches Porträt des britischen Fotografen, Production Designers und Grafikers Cecil Beaton (1904-1980), der mit seinen Kostümen für „My Fair Lady“ (1963) auch Filmgeschichte geschrieben hat. Der Film rollt Beatons Lebensgeschichte chronologisch mit Tagebuch-Auszügen, Archivmaterial und zahlreichen Interviews auf und vermittelt spannende Einblicke in sein vielfältiges, vor allem im Bereich der Mode- und Celebrity-Fotografie stilbildendes Schaffen. Mitunter mangelt es dem Porträt an kritischer Distanz; dennoch ergibt sich ein faszinierendes Bild einer von unbedingtem Gestaltungs- und Ästhetisierungswillen getriebenen Persönlichkeit.

Filmdaten

Originaltitel
LOVE, CECIL
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Lisa Immordino Vreeland
Buch
Lisa Immordino Vreeland
Kamera
Shane Sigler
Schnitt
Bernadine Colish
Länge
99 Minuten
Kinostart
12.07.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
In die Filmgeschichte ging Cecil Beaton als der Mann ein, der „My Fair Lady“ (fd 13 169) angezogen hat. Der 1904 geborene Brite steuerte für die Musical-Adaption von George Cukor das Kostüm- und Production Design bei und wurde prompt mit einem „Oscar“ belohnt. Man denke nur an die legendäre Szene beim Pferderennen in Ascot: ein irrwitziger Belle-Époque-Traum mit Menschen in stilisierten schwarz-weißen Roben und fantastisch-monströsen Hutkreationen. Das hatte weniger mit der Rekonstruktion einer historischen Epoche als vielmehr mit der Erschaffung einer glamourösen Gegenwelt zu tun – was, so das dokumentarische Porträt von Lisa Immordino Vreeland, ein zentraler Impuls im Schaffen von Cecil Beaton war. Die Arbeit als Ausstatter für Hollywoodfilme, neben „My Fair Lady“ beispielsweise auch für das Musical „Gigi“ (fd 7670), war aber nur eine kleine Facette seines Schaffens. Die erste Liebe des in Hampstead geborenen Sohns eines Kaufmanns galt dem Theater; Ruhm und bleibende Bedeutung gewann er ab den 1920er-Jahren als Celebrity- und Modefotograf, der stilbildende Aufnahmen für die Zeitschriften Vogue und Vanity Fair schoss. Beaton bekam sie alle vor die Linse: Zunächst die berühmt-berüchtigten „Bright Young Things“, zu deren er in den 1920er-Jahren selbst gehörte und die im London der Zwischenkriegszeit auf dem Vulkan einer sich verändernden Gesellschaft tanzten, bis der Zweite Weltkrieg der Party ein Ende bereitete. Die Royal Family, für die er zum Hoffotograf avancierte und die ihn 1972 zum Ritter schlug. Hollywood-Stars wie Gary Cooper, Marlene Dietrich und Marilyn Monroe oder die Ikonen der 1960er- und 1970er-Jahre, etwa Andy Warhol oder Mick Jagger. Und die eine, mysteriösen Frau, die Beaton liebte, obwohl er homosexuell war: Greta Garbo, die er nach ihrer Abkehr von der Leinwand 1946 fotografierte und die ihn nachhaltig faszinierte. Außerdem betätigte sich Beaton als Zeichner und Autor, getrieben von einem unersättlichen Hunger nach Schönheit und Extravaganz, auch nach Anerkennung. Für Beaton, der sich mit seinen bürgerlichen Wurzeln nie richtig identifizieren konnte, war die Kunst auch ein Vehikel des gesellschaftlichen Aufstiegs, die ihm den Weg in die High Society öffnete. Beaton verstand sich selbst und sein Leben als Kunstwerk, als Rohmaterial, das es nach seinem Willen zu gestalten und in eine würdige Fassung zu transformieren galt, um sich in eines jener eleganten, aufregenden Wesen zu verwandeln, zu denen er die Menschen auf seinen Fotos machte. Das filmische Porträt versucht nicht, für den enormen Stilwillen Beatons ein formales Pendant zu finden. In schlichter Manier rollt der Film mit Archivmaterialien, „Talking Heads“ und Auszügen aus Beatons Tagebüchern, die in der englischen Originalversion pointiert von Rupert Everett gelesen werden, seine Vita von der Wiege bis zur Bahre auf – eine konzeptionelle Einfachheit, die sich die Regisseurin leisten kann, weil das eigentliche Kapital des Films umso schillernder strahlt: die Vielzahl an Bildern, die Beatons Arbeit von dramatisch ausgeleuchteten Modefotos bis zu Kriegsfotografien aus dem Zweiten Weltkrieg dokumentieren und einen berauschenden Einblick in seinen künstlerischen Kosmos geben. Ähnlich wie in ihrem Porträt „Peggy Guggenheim“ (fd 43 581) hat es Immordino Vreeland auch hier mit einer Figur zu tun, deren Image stark von ihrer Selbstinszenierung geprägt ist. Selbstaussagen von Beaton nehmen dementsprechend einen großen Raum ein; an manchen Stellen hätte man sich aber gewünscht, dass die Filmemacherin mehr in die Tiefe gegangen wäre – etwa bei dem Skandal, der Beaton Ende der 1930er-Jahre seinen Posten bei der Vogue kostete, wegen einer antisemitischen Spitze in einer seiner Grafiken. Immerhin klingen in seinen Tagebucheinträgen Spuren kritischer Selbstreflexion an, und auch Melancholie angesichts persönlicher Defizite. Es schimmert auch durch, dass Beaton, den Jean Cocteau einmal als „Malice in Wonderland“ tituliert haben soll, nicht nur ein Society-Liebling, sondern mitunter auch ein ziemlich bissig-versnobbter Zeitgenosse gewesen sein muss. Was beispielsweise der Regisseur George Cukor zu spüren bekam, den Beaton nicht leiden konnte. „Love, Cecil“ geht es nicht um eine Neubewertung von Cecil Beaton. Wie bei der Kunstsammlerin Guggenheim interessiert Immordino Vreeland auch an Cecil Beaton vorrangig, wie sich in diesem schillernden Gesellschaftslöwen Zeitgeschichte kondensiert, wie seine Vita einen Bogen durchs 20. Jahrhundert schlägt, von den Roaring Twenties bis zur Popkultur der 1960er- und 1970er-Jahre. Sein Leben fasziniert nicht zuletzt auch durch all die anderen Leben, Zeitströmungen und Ereignisse, die es geprägt haben.
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