Könnten nicht auch echte Monster an Menschlichkeit gewinnen, wenn aus Menschen Monster werden? Eine berechtigte Frage, die sich nicht nur Friedrich Nietzsche stellte, sondern auch Regisseur Xavier Gens, der diesen Gedanken seinem Film „Cold Skin – Insel der Kreaturen“ voranstellt und sich narrativ fortan genau an diesem Thema abarbeitet.
Gens erzählt eine dieser Horrorgeschichten, die Abenteuer und Wissenschaft miteinander verbinden und an der Schwelle zum 20. Jahrhundert den Graben zwischen Rationalität und Fantastik überwinden wollten. Solche Szenarien stammen etwa von Edgar Allan Poe, der seinen Arthur Gordon Pym ins ewige Eis schickte, oder von H.P. Lovecraft, dessen Geologe William Dyer die „Berge des Wahnsinns“ erkunden wollte.
In der von Albert Sánchez Piñol 2002 ganz im Geist von Lovecraft erdachten literarischen Vorlage, die „Cold Skin“ zu Grunde liegt, ist es ein irischer Freiheitskämpfer, den es auf der Flucht als Wetterbeobachter auf ein im Pazifik gelegenes einsames Eiland verschlägt. Dort scheint außer einem Leuchtturmwärter und ein paar Vögeln nichts zu existieren. Oder gibt es etwa doch etwas? Wesen mit Armen und Beinen, die nachts dem tosenden Meer entsteigen und glitschig-gurgelnd vor der Tür der einsamen Baracke Einlass begehren?
Der Flüchtling hat die Erklärung des Leuchtturmwärters Gruner über den Verbleib seines Vorgängers nicht ernst genommen. Doch nun schwant ihm, dass dieser von den fremdartigen Kreaturen gefressen wurde. Voller Panik flüchtet er nach seiner zweiten Nacht in den Leuchtturm und bildet fortan mit dem verschrobenen Wärter ein ungleiches Team im Kampf gegen die spitzzahnigen Wesen, die halb Fisch, halb Mensch zu sein scheinen.
Während der mordlüsterne Gruner keinen Wert auf die Erkundung der amphibienartigen Spezies legt, ist der Neuling voll Angst, aber auch fasziniert von diesen Halbmenschen. Umso angewiderter ist er, als er erkennt, dass Gruner einen dieser Fischmenschen als Sklaven und Sexspielzeug hält. Dieses zutrauliche Geschöpf erregt sein Mitleid. Schnell ist der Entschluss gefasst, das Wesen zu erkunden und verstehen zu wollen, zumal die Angriffe von dessen Artgenossen an Intensität stetig zunehmen.
Wer hier Monster und wer hier Mensch ist, wer fühlt und wer anfeindet, und wer schließlich vernichtet gehört, wird für den Wetterbeobachter immer unklarer, je länger er auf der Insel des Grauens aushält.
Der im Jahr 1914 angesiedelte Horror-Abenteuerfilm fasziniert weniger durch den kaum entfalteten Spannungsplot, der auf ein redundantes Gemetzel hinausläuft, in dem die Fischwesen von Mal zu Mal mehr die Oberhand gewinnen. Er lebt vielmehr vom angenehm aus der Zeit gefallenen, leicht muffigen, aber stimmungsvollen Ambiente einer Welt, in der noch Grenzerfahrungen möglich scheinen. Und vom Geheimnis, welches die seltsamen Wesen aus einer anderen Welt mit dem Leuchtturmwärter teilen. Aber auch vom Ekel, den das Handeln der Menschen erzeugt und dem Mitleid, das das Publikum mehr und mehr auf die Seite des vermeintlich Bösen führt.
Atmosphärisch ist das zwar nicht so dicht gestaltet wie in den besseren Geschichten von Poe und Lovecraft, doch Piñol und seinem filmischen „Übersetzer“ Gens gelingen dennoch Momente des Unbehagens und der Faszination. Wer wird im Kampf anscheinend „zivilisierter“ Menschen gegen eine „degenerierte“ Natur überleben, wer wird siegen? Gibt es eine „Moral“, einen perfiden Twist, der den Zuschauer verstört zurücklässt?
Der stimmungsvoll inszenierte und überzeugend gespielte Film besitzt Potenzial, das in Kopf und Seele nachhallt. Ein Umstand, der angesichts des bescheidenen Budgets und der damit verbundenen technischen Umsetzung umso bemerkenswerter ist.