Drama | USA 2018 | 109 Minuten

Regie: Debra Granik

Ein 13-jähriges Mädchen und ihr an Kriegstraumata leidender Vater leben in einer spartanischen Behausung in den Wäldern von Oregon. Als sie die Behörden aus ihrem Lebensraum vertreiben, versuchen sie in der Zivilisation Fuß zu fassen. Das präzise Drama erzählt so differenziert wie schlüssig von der Selbstfindung einer Jugendlichen und den Integrationsproblemen eines US-Veteranen, der keinen Platz in der Gesellschaft findet. Die zärtlich-fürsorgliche Beziehung der beiden Protagonisten wird dabei einfühlsam ins Bild gesetzt. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LEAVE NO TRACE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Debra Granik
Buch
Debra Granik · Anne Rosellini
Kamera
Michael McDonough
Musik
Dickon Hinchliffe
Schnitt
Jane Rizzo
Darsteller
Ben Foster (Will) · Thomasin Harcourt McKenzie (Tom) · Jeff Kober (Mr. Walters) · Dale Dickey (Dale) · Dana Millican (Jean Bauer)
Länge
109 Minuten
Kinostart
13.09.2018
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama
Diskussion
Moosige Flechten hängen von einem Baum, Farnwedel glänzen in der Sonne, die Frische der durchfeuchteten Pflanzenwelt kann man geradezu atmen. Dieser Wald ist das Reich des Kriegsveteranen Will und seiner 13-jährigen Tochter Tom. Nachts schlafen sie gemeinsam in einem kleinen Zelt. Manchmal lärmt in der Ferne ein Rudel wilder Hunde. Ihre einfache Nahrung suchen sie sich in der grünen Wildnis; eine Plane dient dazu, Regenwasser aufzufangen. Eier, Südfrüchte oder Schokolade sind Luxus und werden bei Ausflügen in den Supermarkt der naheliegenden Stadt besorgt. Doch immer sind beide auf der Hut. Nicht nur, weil das Campieren in den staatlichen Wäldern Oregons verboten ist. Sondern mehr, weil der Vater von traumatischen Kriegserinnerungen heimgesucht wird. Ein unsichtbarer Gegner verfolgt ihn aus seinem Innern heraus. Deshalb trainiert er die Tochter, ihre Spuren zu verwischen; beide verschmelzen geradezu mit ihrer natürlichen Umgebung. Trotzdem werden sie gefunden. Die Polizei nimmt sie mit und gießt ihnen das Fundament für ein sesshaftes Leben. Wie in „Winter’s Bone“ (fd 40 384) hat die Regisseurin Debra Granik das Drehbuch zusammen mit Anne Rosellini verfasst. Dem Film liegt der Roman „My Abandonment“ von Peter Rock zugrunde, der reale Ereignisse verarbeitet, und erneut steht ein junger, vom Schicksal noch ungebrochener Mensch im Mittelpunkt, der genau weiß, was er will. Es scheint, als habe das Im-Wald-Überleben-Lernen Tom längst zu einer selbstbewussten, furchtlosen Persönlichkeit heranreifen lassen – sehr glaubhaft verkörpert von der 17-jährigen Thomasin McKenzie. Ihren Vater liebt und achtet sie. Trotz der ärmlichen Verhältnisse und trotz seiner Kriegsversehrung kümmert er sich fürsorglich und zärtlich um seine Tochter, ohne falsche Intimität, wie von den Behörden unterstellt wird. Über ihre harmonische Beziehung und Toms spröde, von ihrer Lebensart überzeugte Ausstrahlung vermittelt sich der einfühlende Respekt vor einer sozial nicht angepassten Lebensform. Doch die Gesellschaft will Vater und Tochter zu einem vermeintlich besseren Leben zwingen. Ohne ihre Lebensform zu verherrlichen, macht die Inszenierung deutlich, dass eine wohlmeinende, aber unsensible Bürokratie mit ihrer versachlichten, indirekten Kommunikation aus Formularen und Computertests Menschen wie Will und Tom nicht erreicht. Diese haben sich vorzüglich an ihre Lebensumstände angepasst und sich die dafür notwendigen Fertigkeiten angeeignet; der Film dokumentiert vor allem eingangs präzise die sparsamen Verrichtungen, die zum Leben in der Wildnis nötig sind. Im Kontrast dazu steht, was die Gesellschaft an Gütern und Idealen anzubieten hat. Der reale amerikanische Traum besteht aus einem sauberen Häuschen, Arbeit, der Wohlfahrt und Gemeinschaft einer Kirche oder eines Kleintierzüchtervereins, modernen Kommunikationsmitteln, sich aufteilenden Lebenssphären von Vater und Tochter. Damit aber lassen sich die traumatischen Erlebnisse des Vaters nicht kuriert. Und so treibt es ihn mit seiner Tochter erneut in die Wildnis, aus der sie nach einem Unfall ein zweites Mal, jetzt von Bewohnern einer Wohnwagensiedlung, geborgen werden. Schlüssig und schnörkellos hat Granik die Selbstfindung ihrer jugendlichen Protagonistin mit den Integrationsproblemen von Kriegsheimkehren sowie mit der Zustandsschilderung einer Gesellschaft und deren Erzählungen vom guten Leben verwoben. Sie wirft erneut einen einfühlsamen, differenzierten Blick auf das Leben eines verletzlichen Kriegsveteranen, der sich von den gesellschaftlichen Hilfsangeboten nicht angesprochen fühlt. Wo der traumatisierte Travis Bickle in Martin Scorseses „Taxi Driver“ (fd 19 983) noch in der Großstadt zuhause war und sich im Bann eines gesellschaftlichen Wahns auf der Spur des Bösen treiben ließ, hat sich Graniks Veteran von der als oberflächlich und trivial empfundenen Gesellschaft gänzlich abkehrt. Wie Henry David Thoreau in seinem Kultklassiker „Walden“ wählt er den Wald und damit die Natur und die Einsamkeit als alternative Lebensform. In einer anrührenden Schlussszene muss er jedoch erleben, dass dieses Dasein keine Zukunft hat.
Kommentar verfassen

Kommentieren