Offenes Geheimnis

Drama | Spanien/Frankreich 2018 | 133 Minuten

Regie: Asghar Farhadi

Eine in Argentinien verheiratete Frau kehrt zur Hochzeit ihrer Schwester in ihre spanische Heimat zurück. Als während der Feierlichkeiten plötzlich ihre Tochter verschwindet, drängen lange gehütete Geheimnisse ans Tageslicht. Gleichzeitig brechen aber auch soziale Spannungen innerhalb der Weinregion auf. Das an Figuren, Facetten und Handlungselementen überreiche Drama handelt von komplexen Familienbeziehungen und dem Nachwirken der Vergangenheit in die Gegenwart. Der prominent besetzte Film wirkt über weite Strecken jedoch fahrig und beinahe unbeholfen, da sich die Virtuosität seiner Konstruktion nur schwerfällig und mechanisch in lebendige Filmbilder übersetzt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
TODO LO SABEN
Produktionsland
Spanien/Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Asghar Farhadi
Buch
Asghar Farhadi
Kamera
José Luis Alcaine
Musik
Javier Limón
Schnitt
Hayedeh Safiyari
Darsteller
Penélope Cruz (Laura) · Javier Bardem (Paco) · Ricardo Darín (Alejandro) · Bárbara Lennie (Bea) · Ramón Barea (Antonio)
Länge
133 Minuten
Kinostart
27.09.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Thriller
Diskussion
In einem alten Kirchturm greifen die Zahnräder eines Uhrwerks ineinander und bringen das Pendel zum Schwingen. Tauben flattern dramatisch vor dem zerbrochenen Zifferblatt umher, durch dessen Riss das Sonnenlicht in den Raum fällt. Herzen und Initialen, ins dicke Mauerwerk geritzt, darunter das Buchstabenpaar „LP“. Wenig später spricht eben dieser „P“, parallel zur Ankunft von „L“, vor einer Schulklasse über seinen Beruf als Winzer. Mit der Hand zerdrückt Paco über einem Glas eine Rispe Weintrauben. Der Unterschied zu dem Wein sei die „Zeit“, erklärt er. „Die Zeit beeinflusst den Charakter.“ Mit diesen beiden Szenen, die ein wenig unter dem Gewicht ihrer Symbolkraft ächzen, etabliert der iranische Filmemacher Asghar Farhadi die Themen von „Offenes Geheimnis“. Es geht um die Spuren der Zeit. Darum, was die Zeit mit den Figuren, ihrem Charakter, ihrem Wesen macht und was nach dem Prozess der „Gärung“ an „alten“ Gefühlen, das heißt emotionalen Bindungen und Verletzungen weiter fortbesteht. Anlässlich der Hochzeit ihrer jüngeren Schwester kehrt Laura („L“) in ihr spanisches Heimatdorf zurück. Sie hat ihre beiden Kinder dabei; ihr Ehemann Alejandro ist zu Hause in Buenos Aires geblieben. In seinem ersten spanischsprachigen Film gestaltet Farhadi die Exposition betont vitalistisch. Es gibt Begrüßungen, Umarmungen und Gewinke, ein großes, temperamentvolles Figurenensemble aus mehreren Generationen: Schwestern und Nichten, Schwager und Cousinen und der etwas grummelige Vater wuseln umher. Und Lauras Teenager-Tochter Irene flitzt schon bald mit irgendeinem Neffen auf dem Motorrad davon. Bei den ausgelassenen Feierlichkeiten setzt sich dieses trubelige „Drunter und Drüber“ fort, verstärkt durch einen Platzregen und einen atmosphärisch effektvollen Stromausfall. Doch plötzlich ist Irene verschwunden – entführt, wie sich nach einer Lösegeldforderung herausstellt. Farhadi setzt den Entführungsplot ein wenig holprig und mit wenig Gespür für das Genre in Szene. Augenscheinlich interessiert er sich mehr für die Dynamiken und moralischen Konflikte, die das Verbrechen innerhalb der Familie freilegt. Paco, der aus dem kargen Land, das ihm seine Jugendliebe Laura vor vielen Jahren verkaufte, ein florierendes Weingut gemacht hat, wird dabei zur Schlüsselfigur eines komplizierten Beziehungsgeflechts, in das auch ein Klassendrama eingelassen ist. „Du bist der Sohn von Bediensteten“, schleudert ihm Lauras Vater einmal verächtlich ins Gesicht. Der über die Jahre gärende Vorwurf, Paco habe der Familie das Land „gestohlen“, steht plötzlich massiv im Raum. Letztlich konfrontiert die Lösegeldforderung alle Beteiligten mit ihrem sozialen Status. Auch Irenes Vater, der aus Argentinien angereiste Alejandro, ein bankrotter, ehemals erfolgreicher Geschäftsmann, hat durch seine ökonomische Entmachtung mit Inferioritätsgefühlen zu kämpfen. An seiner Stelle wird Paco zur handelnden (Vater-)Figur, auch wenn ihm gleichzeitig signalisiert wird, nicht Teil der Familie zu sein. Das titelgebende – und nach kurzer Zeit doch recht absehbare – „Geheimnis“ ist dabei der Knotenpunkt, an dem die aufgewühlten Gefühlslagen sich bündeln. „Offenes Geheimnis“ ist zwar nicht Farhadis erste Arbeit, die er im europäischen Ausland gedreht hat – „Le passé – Das Vergangene“ (fd 42 171) spielte in Paris –, doch seine erste, in der sein Heimatland Iran nicht mehr vorkommt. Die Themen sind im weitesten Sinne zwar die gleichen geblieben – das Nachwirken der Vergangenheit in die Gegenwart, Beziehungen, die durch ein einschneidendes Ereignis ihren stabilen Grund verlieren, Verstellungen und Geheimnisse –, doch die für Farhadis Filmschaffenden so charakteristischen Feinheiten sind bei dem Transfer in das fremde gesellschaftliche Milieu weitgehend verloren gegangen. „Offenes Geheimnis“ wirkt über weite Strecken fahrig und fast ein wenig unbeholfen. Zwar strahlten Farhadis Filme bei aller Virtuosität immer schon etwas leicht Mechanisches aus, doch in „Offenes Geheimnis“ kann man dem Uhrwerk regelrecht bei der Arbeit zusehen. Es ist der schwerfälligen Maschine im Glockenturm nicht unähnlich.
Kommentar verfassen

Kommentieren