Balkan Dreams - Ein Leben im 9/16 Takt

Dokumentarfilm | Deutschland 2016 | 93 Minuten

Regie: Gianluca Vallero

Langzeitbeobachtung dreier Freunde aus Berlin, deren Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen, und die von einer Karriere als Musiker oder Comedian träumen. Der über fünf Jahre hinweg entstandene Film zeichnet die Wege der Protagonisten zwischen ihren Wünschen und den Anforderungen des Alltags nach. Das filmisch wenig spektakuläre, aber recht unmittelbare Porträt blendet politische Inkorrektheiten zugunsten von Authentizität nicht aus, lässt hinter dem fraternisierenden Schulterschluss mit den Protagonisten aber zuweilen investigativen Ehrgeiz vermissen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2016
Regie
Gianluca Vallero
Buch
Gianluca Vallero
Kamera
Jenny Barth · Francisco Domínguez · Aldo Gugolz
Schnitt
Annett Ilijew
Länge
93 Minuten
Kinostart
27.09.2018
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Drei Männer auf dem Boden der Tatsachen: Mirca, Zoran und Robert stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die gemeinsame Sprache und die Leidenschaft zur Folkmusik schweißt sie zusammen. Die Multikulti-Langzeitbeobachtung von Gianluca Vallero porträtiert gute Freunde mit großen Träumen und noch größeren Alltagszwängen. Mirca, Sohn einer Roma-Familie, wohnt mit seinen Eltern in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Berlin-Wedding. Mit seinem Kumpel Robert probt er serbischen Turbofolk: schnell gespielte balkanische Folkmusik-Motive zu dezenten Techno-Beats im 9/16-Takt. Gemeinsam mit ihrem kroatischstämmigen Freund Robert haben sie an einem Song für die kroatische Fußball-Nationalmannschaft geschrieben. Robert bastelt an einer Karriere als Comedian. Der Berlin-Neuköllner nimmt dabei vor allem seine arabisch- und türkischstämmigen Mitbürger von der Sonnenallee, „im Volksmund Gaza-Streifen genannt“, aufs Korn. Die Zerfallskriege im ehemaligen Jugoslawien und dessen Folgen sind an den drei nicht spurlos vorbeigegangen; jeder hat Verwandte, kennt Freunde oder Freunde von Freunden, die damals zu den Opfern gehörten. Doch was zählt, ist die Gegenwart: Handshake, ein paar Worte auf Serbokroatisch, ein paar in perfektem Deutsch, in dem Berliner Dialekt aufblitzt. Nur die Träume einer Musiker- und Bühnenkarriere werden immer wieder von Alltagssorgen durchkreuzt. Mirca schlägt sich mit den Ausländerbehörden herum, die seine Duldung nur verlängern wollen, wenn er einen festen Job hat. Die Bewerbung als Keyboarder bei einer Rockband endet im Fiasko. In der bier- und whiskygetränkten Atmosphäre des verschwitzten Übungskellers wirkt der stets korrekt gekleidete Mittzwanziger neben den angegrauten Berufsrebellen im Oben-Ohne-Dress wie ein Fremdkörper. Derweil übt Robert vor dem Spiegel seine neuen Sketche; ganz oben auf der Hitliste steht der über den dicken Araber, der zum Physiotherapeuten kommt, aber offenbar Probleme damit hat, sich von einem Mann massieren zu lassen – auch „am Arsch, wo mich meine Frau noch nie angefasst hat“. Derbe Zoten jenseits der politischen Korrektheit, ein Neukölln von unten: Robert ist hier zu Hause. Konflikte zwischen Türken, Arabern und Deutschen sind vorprogrammiert. Wahrscheinlich hilft es, sich übereinander lustig zu machen, bevor es zum Reden zu spät ist – hart an der Grenze zum Rassismus. Am Ende bleiben die Träume im Hinterhof zurück. Mirca soll endlich heiraten. Man fährt „runter“ nach Serbien, wo schon eine Braut reserviert ist. Die Hochzeit ist opulent, 400 bis 500 Gäste, Mirca in weißem Anzug und weißer Weste, der Mann bestimmt, wo’s langgeht, da sind sich hier beide Geschlechter einig. Doch damit ist nun auch Verantwortung verbunden. Die Frau wird schwanger, erneut kommt die Ausländerbehörde ins Spiel. Wenn Mirca seine Ehefrau nachholen will, muss er nachweisen, dass er für sie sorgen kann. Das Keyboard kommt in die Ecke, er schuftet als Klo-Putzer, Dönerverkäufer, Gelegenheitsarbeiter. Während Zoran sich von seiner Familie trennt und Robert nach Auftritten bei der Talentschmiede des Quatsch Comedy Club doch nur wieder als Physiotherapeut endet. Die Langzeitbeobachtung von Gianluca Vallero spielt sich zwischen engen Übungsräumen und billigen Couch-Garnituren ab. Eine Buddy-Doku, in der die verletzten Seelen der Protagonisten zwischen dem Druck der Tradition und dem Alltagsgeschäft verschwinden. Man passt sich an, die Träume werden kleiner, das Leben wird trotzdem nicht wirklich schlechter. Man rauft sich zusammen, findet kleine Glücksmomente zwischen der omnipräsenten Mutter und dem dementen Vater, zwischen deutschen Regelungskonzepten und balkanischem Improvisationsgeist. Inszenatorisch hätte man dem Film etwas mehr investigativen Ehrgeiz gewünscht. So hätte man zumindest gerne den Namen von Mircas Frau erfahren, die in der arrangierten Ehe gar nicht zu Wort kommt, oder wäre gerne in der Turbofolkkneipe „Banja Luka“ mit dabei gewesen, vor deren Eingangstür die Kamera erlischt. Doch die kumpelhafte Konsequenz, mit der Vallero mit seinen Protagonisten fraternisiert, legt auch eine Offenheit frei, die anderswo hinter der Checkliste der abzuarbeitenden Aspekte verschwindet. Mirca, Zoran, der schließlich einen Traumjob in einem Musikgeschäft findet, und Robert werden nicht zu Symbolen eines interkulturellen Mit- oder Gegeneinanders hochgelobt, sondern dürfen bleiben, was sie sind: Menschen, Männer, mit ihren Träumen und ihrem Scheitern, mit Lebensentwürfen, die sich dem Anpassungsdruck aus allen Richtungen beugen. Die ab und zu auf die Kacke hauen, um nicht zu vergessen, wer sie eigentlich sind. Arrangierte Ehen, Turbofolk und Araberwitze stehen auf die Agenda der Political Correctness nicht gerade oben. Was „Balkan Dreams – Ein Leben im 9/16-Takt“ zunächst ziemlich unsexy erscheinen lässt, wie ja das gesamte Image des Balkan mit seinen ethnischen Konflikten, durch Nationalismus und Korruption negativ belastet ist und sich für romantische Projektionen wenig eignet. Dem Filmemacher aber gibt das den Freiraum, seine Protagonisten so zu zeigen, wie sie sind: solidarische Kumpel, die mit den Widersprüchen ihres Lebens jonglieren, ohne sie wirklich auflösen zu wollen. Filmisch bleibt die Dokumentation bodenständig: Zwischen Blümchentapete und Clubtheke, Kiez und Roma-Hochzeit finden sich kaum Motive für großes Kino, auch keine kontemplativen Momente. Die innere Unruhe wird zum Dauermomentum für ein bewegtes Bild, dessen auf den Augenblick fixierte Kamera die große Leinwand zuweilen überfordert.
Kommentar verfassen

Kommentieren