Drama | Italien 2018 | 98 Minuten

Regie: Marco Tullio Giordana

Eine alleinerziehende Frau tritt eine neue Stelle in einem noblen Seniorenheim in der Lombardei an. Als sie von ihrem Chef sexuell belästigt wird, holt sie sich juristische Hilfe und verklagt ihn. Doch damit steht sie schnell alleine da, weil sich alle anderen aus Angst vor Repressionen von ihr abwenden. Der Film greift das aktuelle Thema struktuellen Machtmissbrauchs auf und schildert die Praktiken, mit denen sexuelle wie soziale Gewalt verschleiert werden; im dritten Teil wandelt er sich zum Justizdrama. Allerdings büßt das unsentimentale Drama dann an Kraft und Energie ein und vermag es nicht, die Zuschauer in den Kampf der Protagonistin zu verwickeln. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
NOME DI DONNA
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2018
Regie
Marco Tullio Giordana
Buch
Cristiana Mainardi · Marco Tullio Giordana
Kamera
Vincenzo Carpineta
Musik
Dario Marianelli
Schnitt
Francesca Calvelli
Darsteller
Cristiana Capotondi (Nina) · Valerio Binasco (Marco Maria Torri) · Stefano Scandaletti (Luca) · Michela Cescon (Anwältin Tina Della Rovere) · Bebo Storti (Don Ferrari)
Länge
98 Minuten
Kinostart
05.12.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Gerichtsfilm
Diskussion

Drama um eine alleinerziehende Frau, die an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt wird. Als sie den Vorgesetzten anzeigt, gerät sie ins soziale Abseits, weil sich aus Angst um den Arbeitsplatz niemand mit ihr solidarisieren will.

Die berüchtigte Omertà herrscht in Italien nicht nur, wenn die Mafia vor dem Richter steht. Als die alleinerziehende Nina (Cristiana Capotondi) eine neue Stelle auf dem Land in der Lombardei antritt, sehen die Bedingungen zunächst recht gut aus. Sie arbeitet in einem Altenheim, das in einem ehrwürdigen Herrenhaus untergebracht ist und eine gutbetuchte Kundschaft beherbergt. Die Anlage ist von einem idyllischen Park umgeben. Und die malerische Umgebung lockt zu Wochenendausflügen, wenn sie ihr Freund aus Mailand besucht, mit dem sie eine glückliche Beziehung pflegt. Die Kolleginnen sind nett und integrieren sie sogleich ins Team. Die Arbeitgeber signalisieren, dass ihnen das Wohl ihrer Angestellten über alles geht, wenngleich in ihrem Benehmen auch ein gönnerhafter Dünkel mitschwingt.

Während des Vorstellungsgesprächs bietet der kirchliche Würdenträger Don Ferrari Ninas Tochter Lakritze an. Doch bevor das Kind danach greifen kann, stopft er sich die Lakritze selbst in den Mund, um ihr dann aber doch noch eine neue zu spendieren. Trotz des schönen Scheins ist bei der Leitung jeder sich selbst der Nächste, befriedigt zuerst die eigene Gier und glaubt, dass auch die anderen Menschen so funktionieren.

Nina ist deshalb beunruhigt, als sie eines Abends in das Zimmer des Verwaltungsdirektors (Valerio Binasco) gerufen wird. Prompt sieht sie sich mit dessen Avancen konfrontiert, derer sie sich aber erwehren kann. Da sie Derartiges nicht unkommentiert hinnehmen will, nimmt sie eine Rechtsberatung in Anspruch und verklagt ihren Chef.

#MeToo und darüber hinaus

Regisseur Marco Tullio Giordana hat sich in „Nome di donna“ (zu Deutsch: Eine Frau namens) einem Thema zugewandt, das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung – der Film kam in Italien 2018 am Frauentag in die Kinos – aufgrund der #MeToo-Debatte noch hohe Wellen der Empörung auslöste. So erschien der Film nicht nur im rechten Moment, sondern er besticht auch dadurch, dass er dieses Phänomen in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang stellt. Die sexuellen Belästigungen oder Übergriffe sind für Giordana Restbestände einer feudalen Struktur, die in Italien bis heute vorherrscht und die die Emanzipation der Frauen erschwert.

In „Nome di donna“ wird dieser Kontext der Protagonistin von einer Rechtsanwältin der Gewerkschaft erklärt. So mussten Frauen, die in den örtlichen Obstplantagen arbeiten wollten, den Verwaltern oftmals sexuell zu Diensten sein. Da die Arbeiterinnen das Geld brauchten, fügten sie sich in diese Form von Leibeigenschaft; ein Brauch, von dem auch die Ehemänner wussten und dazu schwiegen.

Der Verwaltungsdirektor des Pflegeheims verhält sich gemäß dieser Tradition. Wie immer wissen alle davon, schweigen jedoch und verbünden sich sogar gegen Nina, die alleine dasteht. Doch sie findet den Mut, ihren Chef anzuzeigen, obgleich sie keine kämpferische Natur ist, sondern eher leise, unsicher, auch zweifelnd auftritt.

Mit Samtpfoten

Da es sich bei diesem Thema offenbar um eine delikate Angelegenheit handelt, geht auch der Film mit Samtpfoten zu Werke. Stück für Stück schildert er, wie die verschiedenen sozialen Gruppen bei der Verschleierung des Geschehens zusammenarbeiten, um das Recht zu behindern und die Anklage niederzuschlagen. Um die Vetternwirtschaft hinter verschlossenen Türen und die Ausgrenzung der Hauptfigur hervorzuheben, wird ausgiebig hartes Licht mit intensiver Schattenbildung genutzt.

Das Schweigen wird auch von der Kirche gedeckt, die wegen ihres veralteten Familienbildes nicht das moralische Rüstzeug liefert, gerade auch auf dem Land. Der Regisseur macht auf den Gegensatz von Dorf und Stadt aufmerksam. So kommt der Verwaltungsdirektor aus Mailand und fährt auch dorthin, um seine Verteidigung zu organisieren. Die Metropole wirkt wie eine abgeschottete Kulisse, in der Totalen wirft man einen Blick auf eine kühle Hochhausschlucht, während die schöne ländliche Umgebung wie ein weichgezeichneter Prospekt einer Ferienregion wirkt.

Episode für Episode

„Nome di donna“ erzählt von all dem auf eine monotone, seriell wirkende Weise. Statt dass das Geschehen die Person und ihr Leben im Ganzen erfasst, sie innerlich bewegt und affiziert, reiht der Film Episode an Episode, als arbeite er geradezu eine Liste ab. Nichts wird vertieft, die Gespräche brechen ab, wenn eigentlich eine Auseinandersetzung anstünde. Das unterstreicht auch die Kameraarbeit. Immer wieder fährt sie an dem Geschehen parallel vorbei oder erhebt sich in die Lüfte, als kümmere sie das alles nicht oder als betrachte sie es als nebensächliches Geschehen.

Nachdem der Film die festgefügten Machtstrukturen minutiös abgebildet hat, wandelt er sich im letzten Drittel zum Justizdrama. Allerdings wirkt dieser Teil uninspiriert und halbherzig, bisweilen sogar undurchdacht. Der Zuschauer wohnt keiner dramatischen Verhandlung bei; die Anwältinnen liefern sich keine spannenden Rededuelle, halten keine einnehmenden Plädoyers für ihre Mandantin. So wirkt das Engagement des Films für das Einstehen für die Rechte der Frau doch recht lau.

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