A Woman captured - Eine gefangene Frau

Dokumentarfilm | Ungarn 2017 | 92 Minuten

Regie: Bernadett Tuza-Ritter

Erschütterndes Porträt einer unter sklavenartigen Verhältnissen lebenden Haushälterin, die seit zehn Jahren einer reichen Familie am Rande von Budapest rund um die Uhr zu Diensten ist. Die schmerzhafte Langzeitbeobachtung durchmisst den Teufelskreis aus häuslicher Knechtschaft, physischer wie psychischer Gewalt, Depression, Scham und innerer Leere, bis sich die Filmemacherin entschließt, der Protagonistin aktiv zur Flucht zu verhelfen. Der schonungslose Debütfilm ist frei von Elendsvoyeurismus und macht über das individuelle Schicksal hinaus auf das Leid privater Haussklaven in Europa aufmerksam, deren Dunkelziffer bei über einer Million Menschen liegen soll. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
EGY NÖ FOGSÁGBAN
Produktionsland
Ungarn
Produktionsjahr
2017
Regie
Bernadett Tuza-Ritter
Buch
Bernadett Tuza-Ritter
Kamera
Bernadett Tuza-Ritter
Musik
Csaba Kalotás
Schnitt
Bernadett Tuza-Ritter
Länge
92 Minuten
Kinostart
11.10.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Eine ältere, greisenhaft wirkende Frau liegt im Bett. Mühsam wird sie gerade wach. Tiefe Falten durchziehen ihr gegerbtes Gesicht, aus dem zwei ebenso schlaftrunkene wie tieftraurige Augen in die Kamera schauen. „Ich fühle mich, als hätte ich gar nicht geschlafen“, murmelt sie auffallend nüchtern – und blickt dann wieder gedankenverloren zu Boden.

Trotzdem steht Marisch kurz danach auf. Für sie beginnt jetzt ein neuer „Arbeitstag“ und für den Zuschauer eine aufrüttelnde Reise ins Herz ökonomisch-sozialer Finsternis: in die grausame Welt moderner Sklavenhaltung – mitten in Europa. Seit zehn Jahren lebt die stark gebückt gehende Frau, die eigentlich Edith heißt und erst 52 Jahre alt ist, bei Eta, ihrer mafiösen Hauspatronin und deren Kindern irgendwo am Rande von Budapest.

Heute Morgen solle sie zuerst nach den Gänsen im Garten sehen, lautet Etas erster, im harschen Ton formulierter Arbeitsauftrag. So zieht Marisch zum Füttern los, während ihr die Kamera keine Sekunde mehr von der Stelle weicht. So schlecht wie Eta draußen ihre stark verdreckten Gänse behandelt, die im Schlamm watscheln und keinen allzu gesunden Eindruck hinterlassen, so inhuman springt die tyrannische Hausherrin mit ihrer „Angestellten“ um, für die sie „Marisch“ als Sklavenname auserkoren hat.

Wie ein dämonisch-böser Schatten taucht ihre Stimme wie die ihrer Kinder oder ihres Liebhabers lediglich schemenhaft in dem aufwühlenden Langfilmdebüt „A Woman captured – Eine gefangene Frau“ von Bernadett Tuza-Ritter auf. Obwohl Eta durchgängig außerhalb des Kamerafokus in der Unschärfe bleibt, prägen bereits wenige Szenen ihr herrisches Wesen wie ihr respektloser Umgangston ein. Mit „Wird’s bald!?“, „Ich habe gesagt, du sollst zur Arbeit gehen!“ oder „Du bist überhaupt nichts wert!“ schnauzt sie die abgestumpft-hilflos wirkende Marisch ein ums andere Mal an, gnadenlos und stundenlang, was für den Zuschauer oft kaum zu ertragen ist.

Warum tut sich das Marisch, die keinen einzigen Zahn mehr im Mund hat, eigentlich (immer noch) an? Sie besitzt in diesem Höllenhaushalt, der sich nach außen hin fein-situiert gibt, weder ein eigenes Zimmer noch ein eigenes Bett zum Schlafen. Vom Essen, das sie für Eta und deren Kindern kocht, bekommt sie nur die Reste. Obendrein erhält sie keinen Lohn, lediglich ein paar Zigaretten. Und auch von den 600 Euro, die sie als Fabrikarbeiterin verdient, sieht die mittelose Frau keinen Cent, weil sie von Eta sofort eingezogen werden.

Der Titel des Films „A Woman captured – Eine gefangene Frau“ ist Programm: Edith alias Marisch ist in diesem düsteren, durch und durch schmerzhaften Dokumentarfilm in einem echten Teufelskreis gefangen. Eingepfercht zwischen häuslicher Knechtschaft, physischer wie psychischer Gewalt und verstärkt durch eine starke innere Leere der Protagonistin, die aus Scham ihre eigenen Kinder schon lange nicht mehr gesehen hat, gibt es bald aber nur noch ein Ziel: Schnellstmöglich aus diesem Elend verschwinden!

Wie und warum sie dort überhaupt gelandet ist, bleibt wie so vieles in der Schwebe. Wer hatte hier welche Schulden und wofür? Warum unterschreibt Marisch nach Drohungen erneut einen neuen Knebelvertrag? Die junge ungarische Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter erzählt diese finstere Horror-Story über eine Frau mittleren Alters, die unter moderne „Sklavenhalter“ geraten ist, wortwörtlich hautnah.

Mit hohem persönlichen Einsatz, nicht alleine in Form von Zeit, Geld oder einem Hilferuf an die örtliche Polizei, beschließt die Filmemacherin während der eineinhalbjährigen Drehzeit, ihre Rolle als Dokumentaristin aufzugeben, um der Protagonistin zur Flucht zu verhelfen. In einem fürs dokumentarische Genre äußerst ungewöhnlichen Akt ermöglicht sie der Protagonistin den Ausbruch.

Auf diese Weise verändern sich nach einer Stunde des Films die zuvor festgelegten Rollen. Marisch/Edith treibt jetzt neben dem baldigen Ausbruchs- auch ein anderer Seelenwunsch voran: „Ich hoffe, dass durch den Film wenigsten ein paar Zuschauer verstehen, dass Menschen andere Menschen nicht so behandeln sollten“, erklärt die sichtlich tapferer werdende Frau. Auch wenn es für die Filmemacherin zunehmend schwieriger wird, innerhalb von Etas vier Wänden zu drehen, möchte Marisch/Edith keinesfalls, dass der Dreh abgebrochen wird.

Ihr geht es um weit mehr: „Jeder verdient Respekt, sogar die, die alles verloren haben“, lautet ihr letzter Wunsch, bevor sie ausbricht und damit den Film kurzzeitig in einem Thriller verwandelt. Mit dem gewichtigen Unterschied, dass es sich hier um keinen fiktionalen Stoff handelt, sondern um das wahre Leben und um konkrete physische Bedrohungen.

„A Woman captured – Eine gefangene Frau“ ist ohne Off-Kommentar und frei von Elendsvoyeurismus gestaltet. Der Film ist das beklemmende Porträt einer unterdrückten Frau ohne Selbstwertgefühl, die durch das beherzte Engagement der Regisseurin alles auf eine Karte setzt. Auf einer Meta-Ebene deckt der Film die Pein privater Hausangestellter auf, die als entrechtete „Haussklaven“ systematisch ausgebeutet werden, ohne dass sich in Ungarn Polizei oder Behörden dafür interessieren würden, was fassungslos macht und im Gegensatz zu Oskar Roehlers hanebüchener Sklavenfarce „HERRliche Zeiten“ den Finger wirklich in die Wunde legt.

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